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Regensburg
Samstag, 18. November 2017 5

Unfall

Brückenturner außer Lebensgefahr?

Als „stabil aber kritisch“ beschreibt die Polizei den Zustand des 30-Jährigen, der von der Steinernen Brücke stürzte.
Von Heinz Klein, MZ

Der 30-Jährige stürzte, während er eine „human flag“ machte. Foto: Klein

Regensburg.Kopfschütteln allenthalben: Wie kann man nur an diesem Geländer turnen und sich dabei als menschliche Flagge neun Meter über steinernem Grund horizontal hinaus ins Nichts stemmen? Der Versuch, diese extrem schwere Übung zu vollziehen, ging so gründlich schief, wie sie nur schief gehen konnte. Dabei hätte der Turner aus Lappersdorf unendlich viele Gelegenheiten gehabt, seine „human flag“ mit weniger Risiko zu inszenieren. Denn wenn man von der Mitte der Steinernen Brücke die Rampe hinab zur Lieblstraße und dem idyllischen Biergarten „Alte Linde“ geht, nimmt die Absturztiefe hinunter zum steinernen Grund und zum Wasser stetig ab. Doch der 30-Jährige hatte sich für sein waghalsiges Stück den höchsten Punkt ausgesucht, da, wo die Rampe direkt in die Brücke mündet.

Aufprall mit 45 Stundenkilometer

Die Rampe der Steinernen Brücke führt hinunter zur Lieblstraße. Foto: Klein

Passanten, die von dem Unfall gelesen haben, stehen hier, schauen mit Schaudern hinunter und schießen ein Foto. Unten an der Absturzstelle verrät nur noch der Plastikschutz einer Kanüle, dass hier Rettungsteams um ein Leben kämpften. Den Blutfleck auf dem Kalkstein hat eine mitfühlende Seele schon weggewischt. Ein Kellner aus der „Alten Linde“ hat ihn noch gesehen. „Am Samstagnachmittag kam jemand und hat gefragt, ob zufällig ein Arzt hier im Biergarten sitzt und helfen kann“, erzählt er.

Von hier stürzte der 30-jährige Lappersdorfer ab. Foto: Klein

Die Rettungsaktion verlief schnell und ohne großes Aufsehen – ebenso wie der Sturz, den offenbar kaum jemand mitbekam. Bei der Polizeiinspektion Regensburg-Nord weiß man aber aus der Schilderung eines Augenzeugen, dass der 30-jährige Turner über das etwa 1,30 Meter hohe eiserne Geländer kletterte und dann versuchte, seinen Körper als „human flag“ in der Horizontalen hinauszustemmen. Dabei müssen ihn die Kräfte ziemlich schnell verlassen haben. Er ließ los und schlug Sekunden später mit großer Wucht auf dem Steinboden auf. Nach neun Metern freiem Fall hat ein Körper eine Geschwindigkeit von etwa 45 Stundenkilometern. Am Sonntag wurde der Zustand des Schwerverletzten noch als lebensgefährlich eingestuft. Am Montagnachmittag beschreibt die Polizeiinspektion Regensburg-Nord den Zustand des Brückenturners als „stabil, aber kritisch“.

Die Nachricht von dem Sturz verbreitete sich in Sportlerkreisen in Windeseile. „Wir waren geschockt, können den Verunglückten aber nicht zuordnen. Einer von uns ist es nicht“, sagt Max Rieder, Vorsitzender der Regensburger Parkour-Sportler. 242 Mitglieder hat der Verein Parkour Regensburg, den Rieder leitet. Die Sportart findet regen Zulauf und kommt nahezu ohne Hilfsmittel aus. Es geht um das Überwinden von Hindernissen, das Springen, Klettern, sich bewegen, um Balance und Geschicklichkeit, weniger um Kraftsport.

Kommt man beim Turnen an einem Brückengeländer auf Parkour-Sport? Max Rieder hat Sorge, dass das Image seines Sports unter dem Unfall leiden könnte. „Es geht bei uns nicht um Draufgängertum, sondern ganz im Gegenteil um Verantwortungsbewusstsein und zutreffende Risikoeinschätzung“, zieht er Trennlinien. Sich einen Kick durch gefährliche Sprünge zu holen sei nicht das Thema. „Für Anfänger gilt im ersten Jahr vielmehr die Regel, nur aus Höhen hinunterzuspringen, die man auch wieder hinaufspringen kann.“ Über die Turnaktion an der Brücke mag Max Rieder nicht urteilen. „Ich weiß zu wenig: War es ein Profi, der unglücklich agierte oder ein Laie mit Imponiergehabe, der sich überschätzte?“

Auch die Calisthenics gibt es in Regensburg – eine Sportart, die primär auf Krafttraining setzt und dabei hauptsächlich das eigene Körpergewicht nutzt. Allerdings sind dieses Sportler eher in privaten Gruppen und nicht vereinsmäßig organisiert. Parkour-Sportler und Calisthenics begegnen sich bisweilen auf Trimm-dich-Pfaden. Größere Kontakte gebe es aber wohl nicht, sagt Max Rieder.

Kann man noch für mehr Sicherheit auf der Steinernen Brücke sorgen? „Wenn jemand über das Geländer klettern will, dann nicht. Sonst müsste das ja drei Meter hoch sein“, sagt Peter Bächer, der Leiter des Tiefbauamts. Die Steinerne Brüstung an der Brücke ist etwa einen Meter hoch – ein Kompromiss zwischen Sicherheit und Denkmalschutz. Das eiserne Geländer an der Rampe hat 1,30 Meter Höhe und ist mit einem Handlauf und einem Aufkletterschutz versehen, so dass es kleine Kinder nicht erklimmen können. Radfahrer können bei 1,30 Meter Höhe nicht über das Geländer kippen. Auf der Brücke selbst werden Radler durch das holprige Pflaster von der Brüstung ferngehalten und radeln lieber auf dem glatten Pflaster in der Brückenmitte.

Hohes Risiko und Brückensprünge

Das eiserne Geländer ist 1,30 Meter hoch und mit einer Handleiste und einem Aufkletterschutz gesichert. Foto: Klein

Auch der Amtsleiter hat schon gesehen, dass junge Leute auf der etwas breiter gewordenen neuen Steinbrüstung sitzen, was er als absolut unverantwortlich kritisiert. Und auch bei der PI-Regensburg-Nord weiß man, dass hin und wieder am Baustellengerüst der Steinernen gekraxelt wurde. Bisher ging alles gut, doch das Risikobewusstsein scheint manchen jungen Leuten bisweilen auch unter Alkoholeinwirkung abhanden zu kommen. Vor zwei Jahren gab es im Sommer eine richtige Serie von Sprüngen sowohl von der Steineren als auch von der Eisernen Brücke und sogar von der Frankenbrücke. Das ging nicht immer gut. Es war auch ein Todesopfer zu beklagen. Ebenfalls einen Toten gab es 2010 an der Nibelungenbrücke. Ein alkoholisierter 25-jähriger Student war in der Silvesternacht über das Geländer in der Brückenmitte geklettert und durch den drei Meter breiten Spalt zwischen den beiden Brückenteilen elf Meter in die Tiefe gestürzt.

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