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Regensburg
Freitag, 23. Juni 2017 30° 4

Porträt

Carl Orffs liebster Schwan


Von Helmut Wanner, MZ

Es war der Winter des Jahrhunderts, wenn die Anspielung an Florian Illies Roman „1913“ erlaubt ist. Es war die Zeit der Genies Rainer M. Rilke, Georg Trakl, Robert Musil, Thomas Mann und Karl Kraus. Joseph Roth stand am Anfang seiner Karriere. Christian Morgenstern hatte noch ein Jahr zu leben. Georg Britting war 22 Jahre alt. Im Regensburger Stadttheater wurde vom größten Dichter der Stadt der Einakter-Zyklus „An der Schwelle“ aufgeführt.

In diesem schicksalsschwangeren Jahr vor 100 Jahren, am 7. Februar, wurde in einer Konditorei in der Brückstraße, dem späteren „Café Ambrosius“, der bekannte Konzert- und Oratorientenor Richard Brünner geboren. Das Ereignis nimmt sich vergleichsweise bescheiden aus, doch der Komponist Carl Orff (1895 bis 1982) sollte eben diesen Richard Brünner 40, 50 Jahre später in handgeschriebenen Briefen „meinen lieben Parade-Schwan“ nennen, „der von einer Schwanerei zur anderen reist“, in Paris, Rotterdam, Prag, Wien, Odense.

„Mein buranischer Bundesschwan“

Als Orff Brünner erstmals den Schwan singen hörte, soll er so begeistert gewesen sein, dass er daraufhin in den neuesten Ausgaben seines Werkes die Anweisung „Falsett“ strich. Für Orff sang er Erstaufführungen dieser elektrisierenden „Carmina burana“ in ganz Europa, und prägte mit dem in höchsten Tönen erfolgenden ironischen Lamento eines Schwanengesangs aus der Pfanne lange Zeit das Bild, das man von „olim lacus colueram“ hatte. Zeitungen nannten ihn den „buranischen Bundesschwan“.

Richard Brünner stand mit Lucia Popp und Anneliese Rothenberger auf der Bühne. Die Regensburger Öffentlichkeit nahm wenig Notiz von seiner Kunst. Brünner war weder Kulturpreisträger der Stadt, noch hatte er sonstige Ehren erhalten. Vierzeiler in Siebenpunkt-Schrift erschienen, wenn er von seinen Konzertreisen zurückkam. Er sammelte sie in seinem Album, über das er mit hintergründigem Humor schrieb: „Der Prophet im eigenen Lande“.

Als er am 8. Juli 1993 starb, nahm es die Öffentlichkeit nicht zur Kenntnis. In den „Nürnberger Nachrichten“ erschien ein Nachruf. Ein deutlicher Widerhall kam aber aus der Reichstraße. Bei seinem Requiem sangen die Regensburger Domspatzen, damals noch unter Domkapellmeister Georg Ratzinger. Es war wahrscheinlich das erste Mal, dass der Kaff-Bomber an der Wolfgangs-Kirche vorfuhr.

Sänger studieren nach seinem Buch

Die Domspatzen hatten Grund, dankbar zu sein. Nach seiner Karriere, bis 1985, war Richard Brünner Stimmbildner an der Reichstraße gewesen. Sein Büchlein „Gesangstechnik“, erschienen 1985 beim Verlag Feuchtinger & Gleichauf, wird von Stimmbildner wegen seiner Verständlichkeit und seinem Praxisbezug noch heute empfohlen.

Diese 100 Seiten sind das einzige, das „noch läuft“ und den Erben Tantiemen bringt. Brünner hatte es per Hand in sein ledergebundes Tagebuch mit den Initialen „RB“ geschrieben. In einer bezaubernd schönen, klaren und zugleich weichen Schrift. „So wie seine Schrift war er auch“, sagt seine einzige Tochter, Eva Wirth. Höchst diszipliniert, korrekt und – ein Künstler.

„Mein Vater war zu bescheiden. Er trommelte nicht“, erinnert sich Wirth. „In Regensburg kannte ihn kaum einer.“ Die Familie lebte in einer Drei-Zimmer-Wohnung der Evangelischen Wohltätigkeitsstiftung in der Nibelungenstraße 13, Kumpfmühl. An der Hülling, dieser kleinen Straße zwischen Petersweg und Emmeramsplatz, war er als Gesangslehrer tätig. Einer seiner Schüler war Norbert Grünbeck, heute Chordirektor und Kantor von St. Wolfgang.

Schmerz des brennenden Schwans

Seine Tochter durfte im Frühjahr 1965 einmal miterleben, wie ihr Vater in der Welt hofiert wurde und anerkannt war. Im flaschengrünen VW-Käfer, den Brünners Frau Gretl nach „Nöck“, dem Wassermann, getauft hatte, startete die Familie in die Oper nach Lyon.

Dies war ihre einzige Fahrt zu einem Gastspiel des Vaters. Richard Brünner war kriegsversehrt und nahm deswegen immer den Zug. Die französische Presse streute ihm Blumen: „Drei kleine Strophen, aber man könnte glauben, er habe dies dadurch ausgleichen wollen, dass er darin beängstigende Schwierigkeiten konzentrierte.“

Die Schmerzen des brennenden Schwans konnte kein Sänger besser nachempfinden als er. „Wenn mein Vater der Phantomschmerz überfiel, schoss er in die Höhe wie von einem schweren elektrischen Schlag getroffen“, erinnert sich die Tochter. Auf der Bühne allerdings war er in 26 Jahren bei allen 424 großen Konzerten davon immer verschont geblieben. Der Gesang war für ihn heilsam.

Brünner war ein Mann mit Talenten, die für mehrere Leben reichten. Er war Offizier, Pädagoge, Sänger, Maler und - ja auch Handwerker. Nur ein Kaufmann war er nicht. Erst lernte der Oberrealschüler beim Vater Konditor, schloss dann die Lehrerbildungsanstalt in Amberg ab und besuchte die Kriegsschule in Potsdam. Sein Ausbilder Oberstleutnant Rommel, der spätere Generalfeldmarschall und „Wüstenfuchs“, schrieb ihm 1936 ins Zeugnis: „Für die Ausbildung im Generalstab besonders geeignet.“

Sterbesakramente mit 27 Jahren

Kaum dass er 1939 begonnen hatte, war der Krieg für Hauptmann Richard Brünner 1940 schon zu Ende. Beim Überfall auf Frankreich wurde er nahe der holländischen Grenze durch einen Granatsplitter schwer verwundet und lag auf Leben und Tod.

Er bekam die Sterbesakramente. Mit Glück überlebte er. Sein Unglück war, dass kein Chirurg die Säge angesetzt hatte. Ein Zahnarzt amputierte das Bein überm Knie. Mehrere Nachamputationen bis in die Friedenszeit hinein waren die Folge. Phantomschmerzen überfielen ihn ein Leben lang.

Mit der Familie zog der Kriegsversehrte nach Salzburg, um dort im Regimentsstab zu dienen und bei Moratti Gesang zu studieren. Ein Studium, das er mit Selbstdisziplin meisterte. Nach dem Krieg nährte ihn und seine Familie die bildende Kunst. Eva Wirth erinnert sich an das Schweizer Jungfrauen-Massiv, das er nach Postkarten wie eine liegende Schöne malte.

Er stellte die Aquarelle im Schaufenster seines Schwiegervaters, des Wäschehändlers Dück, beim Hotel Bischofshof aus. Eva Wirth: „Die US-Soldaten kauften die Bilder wie wild.“

Kempf einen Knopf angenäht

Seinen Durchbruch als Sänger hatte der 34-Jährige auch seiner praktischen Begabung zu verdanken. Als er 1947 in Erlangen bei Professor Georg Kempf vorsprach, nutzte er den Umstand, dass dem vorher die Ehefrau davon gelaufen war, zu seinen Gunsten. Er nähte Kempf einen Mantelknopf an. Das soll den Ausschlag gegeben haben, bekannte er später, dass Kempf Brünner die Chance gab, seine Begabung in der Tenorpartie von Haydns „Schöpfung“ zu beweisen.

Von da an sang Richard Brünner die gesamte Oratorien-Literatur. Engagements in Opernhäusern konnte er ja wegen seiner Behinderung nie annehmen. Die Oratorien aber verlangten nur einen stehenden, keinen auf der Bühne agierenden Sänger. Das Publikum ahnte nicht, dass ein Kriegsversehrter auf der Bühne stand. „Ich habe es mir nie anmerken lassen, dass ich nur ein gesundes Bein habe“, gestand Brünner seiner Tochter.

Auch als Oratorien-Tenor stieß er physisch an Grenzen. Mit 52 Jahren beschloss Brünner, nur noch den Schwan in „Carmina Burana“ zu geben. Die Partie des gebratenen Schwans dauert nur 3 Minuten und 47 Sekunden. Sie enthält exakt drei Strophen Text. „Einst schwamm ich auf den Seen umher. Einst lebte ich und war schön, als ich ein Schwan noch war. Jetzt liege ich auf der Schüssel und kann nicht mehr fliegen.“

1973 hatte es sich ausgeschwant. Brünner gab Domspatzen seine Technik weiter. Sie liebten ihn: „Brünner hatte die einmalige Fähigkeit, auch aus einer minderbemittelten Stimme das Beste herauszuholen.“ Das lag an seinen Talenten, vielleicht aber auch am Jahrhundert- Jahrgang 1913.

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