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Regensburg
Samstag, 30. Juli 2016 28° 3

Internationalität

Das Mehr an Sprache nutzen

Von Integration bis zu besseren Chancen auf dem globalen Arbeitsmarkt: An der Uni Regensburg diskutierten Experten über Chancen der Mehrsprachigkeit.
Von Louisa Knobloch, MZ

  • Beim Tag der Mehrsprachigkeit an der Uni Regensburg stellten verschiedene Einrichtungen ihre Angebote vor. Foto: Knobloch
  • Der Sprachwissenschaftlerin Prof. Dr. Rita Franceschini zufolge bietet Mehrsprachigkeit auch kognitive Vorteile. Foto: Knobloch

Regensburg.Eine Realschule in der Region: Rund die Hälfte der Schüler hier wächst mehrsprachig auf – mit Russisch, Polnisch, Französisch, aber auch Vietnamesisch, Urdu oder Kisuaheli. 25 verschiedene Sprachen haben Studierende der Universität Regensburg bei ihrer Umfrage an der Schule gezählt. „Mehrsprachige Familien sind in Regensburg längst kein exotischer Einzelfall mehr, sondern Lebensrealität“, sagt Prof. Dr. Rupert Hochholzer, Professor für Deutsch als Zweitsprache an der Universität Regensburg. Für die Bildungspolitik und die Gesellschaft sei es eine große Herausforderung, diesen Schatz an Sprachen zu heben und zu nutzen, so Hochholzer.

Wie dies gelingen kann, darum ging es beim Tag der Mehrsprachigkeit am Mittwoch an der Universität Regensburg. Vertreter von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur beleuchteten das Thema in Vorträgen, Lesungen und einer Podiumsdiskussion. Am Nachmittag konnten die rund 150 Teilnehmer selbst aktiv werden: Schnupperkurse gaben Einblick in Sprachen wie Chinesisch, Tschetschenisch oder Türkisch. Für Lehrkräfte wurden zudem Workshops zur Mehrsprachigkeit angeboten.

Pluspunkt im globalen Wettbewerb

30 000 Regensburger Bürger hätten einen Migrationshintergrund, sagte Oberbürgermeister Hans Schaidinger. Sprache sei aber nicht nur bei der Integration, sondern auch bei der wirtschaftlichen Entwicklung ein Schlüsselthema. Für den einzelnen Bürger, aber auch für die Stadtgesellschaft als Ganzes sei es wichtig, mit mehreren Sprachen im Alltag umzugehen. Uni-Präsident Prof. Dr. Udo Hebel verwies darauf, dass die Europäische Union das Ziel gesetzt habe, dass möglichst alle Europäer neben ihrer Muttersprache zwei weitere Sprachen auf hohem Niveau beherrschen sollten. Die Realität sei davon jedoch noch weit entfernt. Welche Vorzüge die Mehrsprachigkeit etwa für die kognitiven Fähigkeiten hat, zeigte die Sprachwissenschaftlerin Prof. Dr. Rita Franceschini in ihrem Vortrag. In einer Studie hatten die Wissenschaftler Kinder aus Südtirol untersucht, die mit Deutsch, Italienisch und Ladinisch aufwachsen und die Ergebnisse des kognitiven Tests mit den Schulnoten verglichen. Das Ergebnis: „Hohe sprachliche Kenntnisse befördern hohe kognitive Fähigkeiten in nichtsprachlichen Bereichen.“

An der Freien Universität Bozen, wo Franceschini lehrt, ist Mehrsprachigkeit schon Realität. Die Studierenden werden dort auf Italienisch, Deutsch und Englisch unterrichtet. Ein anderes Beispiel nannte Schaidinger: An der Universität im rumänischen Cluj gebe es komplette Studiengänge auf Deutsch. Auf einem zunehmend international werdenden Arbeitsmarkt hätten diese mehrsprachigen Absolventen Vorteile. „Da können wir uns eine Scheibe abschneiden.“ Wie wichtig Mehrsprachigkeit in der Wirtschaft ist, betonte auch Dr. Georg Schwab von der AVL Software and Functions GmbH. „Man muss sich im globalen Wettbewerb aufstellen, sich weltweit vernetzen.“ Englisch sei in seiner Firma Standard, die meisten Mitarbeiter würden eine oder zwei weitere Sprachen sprechen. „Ich bin überzeugt, dass multinationale Teams eine höhere Dynamik und ein höheres Potenzial an Kreativität haben“, sagte Schwab.

Eine andere Sprache zu lernen eröffne auch neue Sichtweisen auf die jeweilige Kultur, betonte Hebel. Es kann aber auch verwirrend sein, berichtete die Schriftstellerin Dr. Yoko Tawada. „Wenn man in einer Sprache denkt und schreibt, ist vieles selbstverständlich – wenn man zwei Sprachen kennt, stellt man mehr Fragen.“ So gebe es in ihrer Muttersprache Japanisch 20 verschiedene Wörter, die „ich“ bedeuten, im Deutschen dagegen nur eines. Deshalb sei es wichtig, genug Zeit zu haben, sich mit der Sprache und Kultur auseinanderzusetzen.

Uni will Sprachberater ausbilden

Statt Fremdsprachen nur in fest abgegrenzten Stunden zu vermitteln, sollte man in der Schule auch Sachfächer in einer anderen Sprache anbieten, sagte Franceschini. Zudem sollte man den außerschulischen Bereich verstärkt als Ort des Lernens nutzen. „Sprachen werden mit Kopf, Hand und Herz erworben“, so Franceschini.

Der erstmals durchgeführte Tag der Mehrsprachigkeit soll Prof. Dr. Ralf Junkerjürgen vom Organisationsteam zufolge den Startpunkt für künftige Projekte markieren. So sei ein Zusatzstudium zum Mehrsprachigkeitsberater geplant, dass sich vor allem an Lehramtsstudierende richtet. Schon im Herbst könnte es damit losgehen.

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