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Regensburg
Dienstag, 16. Januar 2018 7

Menschen

Der Falter-Forscher mag es kunterbunt

Andreas Segerer zählt zu den wenigen, die beruflich die Welt der Schmetterlinge erkunden. Dass sie kleiner wird, tut ihm weh.
Von Julia Ried, MZ

Andreas Segerer lässt auf dem Brandlberg zwei Frühlingsmohrenfalter wieder fliegen. Foto: Ried

Regensburg.Am Brandlberg hört die Stadt auf und das Naturschutzgebiet fängt an. Dr. Andreas Segerer liebt die Natur, doch an diesem Maitag macht sie ihn traurig. Ein himmelblauer Bläuling ist an dem Schmetterlingsforscher vorbeigeflattert, ein zitronengelber kleiner Heufalter und ein dunkler Frühlingsmohrenfalter. Viel bunter wird es gerade nicht, obwohl nur der Wind das gerade sonnig-warme Schmetterlings-Lieblingswetter trübt.

„Vor 20, 30 Jahren hat das hier nur so geschwirrt“, sagt der 55-Jährige. Heute dieser Anblick. „Da tut mir fast das Herz weh. Da ist alles grün, aber ohne Schmetterlinge.“

Der Regensburger, der als Forscher in der Zoologischen Staatssammlung München einer der wenigen hauptberuflichen Schmetterlingsforscher in ganz Deutschland ist, kennt die ganze Buntheit der Falter-Fauna. 2815 in Bayern vorkommende Arten hat er zusammen mit einem Freizeitforscher aus Traunstein und mit der Hilfe von freiwilligen Helfern dokumentiert, die heuer erschienene „Checkliste der Schmetterlinge Bayerns“ ist die erste so ausführliche.

2815 Arten – das sind 13 Prozent weniger als in einer früheren Dokumentation, die Segerer in dieser Arbeit überprüfte. „Wirklich alarmierend“ findet er aber die Zahl der Exemplare, die umherflattern. „Von bestimmten Arten sind nur noch zehn Prozent der Tiere übrig.“

Keilberg erinnert an früher

Er selbst war für seinen Atlas vor allem am Keilberg unterwegs, für Schmetterlingsexperten eine Fundgrube. „Das ist die einzige erforschte Stelle in ganz Deutschland, wo man noch einen naturnahen Lebensraum hat, der an das erinnert, wie es früher war.“

In Regensburg gibt es eine lange Tradition der Falter-Wissenschaft. Aus dem Jahr 1766 datiert das älteste Segerer bekannte Werk, auf diese Zahl im Literaturverzeichnis seines Schmetterlingsatlas zeigt er am Wohnzimmertisch seines Kumpfmühler Hauses, wohin er am Wochenende pendelt. Hier hat er schon als Kind geforscht. „Mit fünf habe ich die ersten Schmetterlinge gefangen“, erzählt er. „Das ist ein Geburtsfehler.“ Dort, wo heute die Königswiesener Hochhäuser sind, fand er damals Wiesen. Am Tümpel beobachtete er Frösche. Nun liegt sein jetzt pistaziengrünes Elternhaus, in dem er mit seiner Frau lebt, mitten im Wohngebiet.

Die Tierwelt hat sich Segerer in den kleinen Obst- und Kräutergarten und ins Wohnzimmer geholt. Eine Metalleule steht auf dem Fensterbrett, eine blaue Grinsekatze aus Keramik sitzt daneben in einem Gefäß aus bunten Glasperlen, den Kaffee serviert er auf getigertem Tablett. Die echten Katzen sind alt und müde und haben sich auf Liegestuhl und Sofa eingerollt.

Die Schmetterlinge sind im Kühlschrank. Er hat sie nachts auf dem Balkon gefangen. Mit einer Blaulichtröhre lockt er sie an, hier wie am Keilsteiner Hang. Dazu spannt er ein Betttuch, gegen das die Falter taumeln. Entweder er erkennt sie sofort, was ihm in 30 bis 40 Prozent der Fälle gelingt. „Die anderen werden mitgenommen und genau bestimmt.“

„Ich bin jemand, der lieber Vielfalt um sich hat als Einfalt“ Andreas Segerer

Tagsüber zieht er mit dem Kescher los, in Tropenhemd und mit Hut, ob in Peru, wo er regelmäßig im Regenwald forscht, im Isartal oder in Regensburg.

Am Brandlberg reibt er mit skeptischem Blick die Grasähren zwischen den Fingern. „Das ist Glatthafer.“ Er wächst da, wo viel Stickstoff ist, wie er von gedüngten Feldern in die Luft gelangt. Auch den Salbei, der violett blüht, und den Klee mit den gelben Blüten macht er fett. Aber: „Die Raupen mögen das nicht.“

Die Zahl der Schmetterlinge, die mageren Rasen lieben, ist besonders drastisch zurückgegangen; sie sind auch am Keilberg heimisch. Aber auch „Allerweltsarten“ wie das Tagpfauenauge seien bedroht. Schuld seien Pestizide, von der Flurbereinigung „ausgeräumte“ Landschaften, zunehmende Bebauung. „Man müsste intensive Landwirtschaft verbieten“, sagt der Forscher und setzt nach, dass „das nicht geht oder es keiner will“.

Segerer spricht über seine Arbeit so, dass auch Laien verstehen, was er sagen will. Das bestätigt Alfred Haslberger, Traunsteiner Krankenhausapotheker und Freizeitforscher, der als Co-Autor mit Segerer die Checkliste verfasst hat. „Er ist nicht abgehoben, schwebt nicht in anderen Sphären“, sagt er über den Profi-Wissenschaftler.

Beruflich den Jackpot geknackt

Segerer wäre gern Lehrer geworden wie seine Eltern, doch das Kultusministerium riet damals vom Studium ab. Dass er später beruflich den Jackpot geknackt hat, weiß er wohl. Lange forschte Segerer selbst im Urlaub und nach Feierabend. „Das hat gereicht, dass ich die Stelle bekommen habe“, sagt er, als würde er noch darüber staunen. Vor seinem Wechsel in die Zoologische Staatssammlung 1998 war der studierte Mikrobiologe Chef des bakteriologischen Labors am Krankenhaus Traunstein, von dort kennt er Haslberger

Abends hält Segerer Vorträge als Experte der Sternwarte Regensburg, wo er 14 Jahre Vorsitzender war. „Als die Dinosaurier starben“, heißt einer, „Kommt der Tod aus dem All?“ ein anderer. Für ihn passt das gut mit der Falterforschung zusammen. „Bevor das Leben auf der Erde entstanden ist, gab es zehn Milliarden Jahre Vorgeschichte.“ Die Schmetterlinge gehören wohl zu den Verlierern der Evolution, glaubt Segerer. „Man braucht sie nicht so wirklich.“ Die Vögel könnten auf andere Nahrung ausweichen. Dass er sie braucht, sei ein „emotionales Problem“, sagt er. „Ich bin jemand, der lieber Vielfalt um sich hat als Einfalt.“

Verschwindende Arten

  • Apollofalter:

    Der Schmetterling war früher ein Charaktertier der Jurahänge. Anfang des 20. Jahrhunderts war er am Keilberg häufig, dort verschwand er in den 1940er-Jahren, im Umland in den frühen 90ern. Außerhalb der Alpen gibt es heute in Bayern nur noch wenige Populationen. Foto: Segerer

  • Malachiteule:

    Ein in Bayern sehr seltener, ungewöhnlich gefärbter Nachtfalter. Segerer zufolge wird er bei Regensburg des Nachts im Herbst auf Trockenrasen angetroffen. Früher auch am Keilberg, dort sind aber seit Jahrzehnten keine Nachweise mehr geglückt.

  • Foto: Peter Lichtmannecker

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