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Regensburg
Montag, 23. Oktober 2017 4

Architektur

Der heimliche Favorit aus Graz


Von Marianne Sperb, MZ

In der Wohnwelt Wagner an der Ecke Landshuter Straße/Benzstraße, weit draußen im Stadtosten, geben sich zur Zeit die Menschen die Klinke in die Hand. Das Staatliche Hochbauamt präsentiert hier sämtliche 254 Entwürfe für das Museum der Bayerischen Geschichte, das der Freistaat bis 2018 am Donaumarkt baut. Die Bilanz nach sieben Tagen, Stand Mittwoch Mittag: 744 Besucher haben die Ausstellung besucht, und einigen war sie sogar eine Sünde wert. Vier bis fünf der dicken Preisgerichtsprotokolle wurden gestohlen. Die Ringbücher sind deshalb jetzt diebstahlssicher angebunden. Unterm Strich lässt sich sagen: Die Ausstellung ist ein Erfolg, sogar ein Renner.

Der Tenor der sparsamen Einträge im Gästebuch – fünf Seiten sind beschrieben – ist deutlich. „Regensburg hätte mit dem zweiten Preis gewinnen können.“ „Schade, dass der Mut fehlt, den zweiten Preis zum Sieger zu machen.“ „Ein großer Wurf, der zweite Preis. Absolut visionär.“ So und ähnlich schrieben Besucher. Die beiden Mitarbeiterinnen, die die Ausstellung betreuen und nach einer Woche einen guten Überblick über die Publikumsmeinung haben, bestätigen: „Die meisten sind vom zweiten Preis begeistert.“

Starkes Statement am Fluss

Titus Pernthaler aus Graz, der „Zweite“, hat eine teils frei schwebende Skulptur entworfen, die zwar die länglichen Hofstrukturen aufnimmt, wie sie am Fluss vorkommen, und sich zum Süden, zur Altstadt, mit kleinerem Maßstab begnügt, aber ansonsten Unabhängigkeit und große Geste zelebriert: Ein dominantes, weit auskragendes Dach und eine geradezu mondäne Treppenanlage inszenieren das Donauufer und vernetzen Stadtlandschaft und Flussraum. Der Baukörper schichtet die Zeitebenen in einer spektakulären Spirale nach oben, um ein verglastes inneres Auge herum. Die Spirale gipfelt in einem Prisma mit Riesenfenster: dem „Himmel der Bayern“, wie eine Abteilung des neuen Museums heißen wird.

Ein Clou ist die Fassade. Eine matt schimmernde helle Haut aus perforiertem Metall trägt die Gesichter von Menschen aus Bayern. Die auswechselbaren Porträts geben „der Heimat ein Gesicht“, so die Entwurfsidee, und sind ein Gegenpol zur Walhalla.

„Ein starkes Statement mit Zeichenhaftigkeit“, befand die Jury. Die Worte transparent, offen, modern, zukunftsorientiert schrieb sie ins Statement. Allerdings sind auch Schwächen formuliert. Manches wirkt wenig flexibel, überproportioniert oder unterdimensioniert. „Architektur der 1990er“, meinte Jury-Vorsitzender Josef Peter Meier-Scupin am Rande der Sieger-Präsentation Ende April. Die Gefahr, der Pernthaler-Bau könnte rasch altern, könnte in Güte und Gültigkeit der erstklassigen historischen Regensburger Substanz nicht standhalten, nannte auch Planungsreferentin Christine Schimpfermann bei einer Gruppenführung am Mittwoch.

Die Jury hatte bei Pernthalers Entwurf die Welterbetauglichkeit angezweifelt. Immerhin überragt die Spirale das Kolpinghaus, das für die Bewerber zur Obergrenze erklärt worden war, um rund fünf Meter und lebt insgesamt von der Negation des historischen Umfelds. Andererseits: Da, wo der Architekt herkommt, steht mit dem berühmt-berüchtigten Blob ein recht eindrucksvolles Gegenbeispiel. Das Kunsthaus von Peter Cook und Colin Fournier, Organ-Architektur, die ein wenig an Leber erinnert, wurde 2003 als Neubau in der Welterbe- und Kulturhauptstadt Graz realisiert.

Die Jury für das Bayern-Museum in Regensburg setzte Pernthaler auf Platz zwei – und kürte das Büro Woerner und Partner zum Sieger. Das Votum fiel zwar nicht einstimmig, aber mit 13:2 Stimmen sehr sehr deutlich.

Eine Fassade aus Alabaster

Der Entwurf der Frankfurter ist „keine eierlegende Wollmilchsau“, wie Oberbürgermeister Hans Schaidinger bei der Präsentation Ende April klar gemacht hatte, aber ein Vorschlag, der die drei Kernkriterien erfüllt: einerseits die Altstadt respektiert, andererseits ein eigenständiges, selbstbewusstes Zeichen setzt und drittens in der Nutzung als Museum funktioniert.

Was an Woerners Entwurf überzeugte, waren die Punkte Stadtreparatur, Aufenthaltsqualität und Altstadtverträglichkeit. Ihr Vorschlag lässt den ehemaligen Hunnenplatz und die Eschergasse, die früher die Gasse Unter den Schwibbögen nach Osten fortgeführt hatte, im Innern des Museums wieder entstehen: Der Hunnenplatz wird Foyer, die Eschergasse ist als Glasoberlicht markiert. Das haushohe Foyer vernetzt die Altstadt mit dem Flussufer. Ein dickes Plus brachte die Gestaltung am Ufer. Die eingezogene Fassade verbindet Innen und Außen, für Veranstaltungen unter freiem Himmel bleibt viel Platz, nach Osten entsteht ein gut proportionierter Marktplatz. „Besonders gut gelungen“, fand die Jury. Die Höhe orientiert sich an der Umgebung. Der Entwurf spielt mit geneigten Dächern, das ergibt eine spannungsreiche, aber unaufgeregte Dachlandschaft.

Dass die Unesco den Woerner-Entwurf monieren wird, scheint unwahrscheinlich. Mit Prof. Dr. Egon Johannes Greipl war Bayerns Generalkonservator als Beobachter in der Jury vertreten, als Mitglied außerdem Dr. Peter Morsbach von den Altstadtfreunden und mit Kunstminister Dr. Wolfgang Heubisch auch der Chef des Hauses, das für das Welterbe in Bayern zuständig ist. Sein Ministerium wird den Entwurf jetzt über das Auswärtige Amt und die übrigen Stellen mit den Welterbewächtern abklären.

Mut muss man der Jury übrigens nicht absprechen: Immerhin vergab sie eine der vier Anerkennungen an Mauro Turin aus Lausanne. Der Schweizer legte mit einer Skulptur aus Holzlatten- und Glasschichten einen Beitrag vor, der mehr Kunst als Architektur ist, ein Stück gebaute Philosophie, kompromisslos und unverwechselbar, real und in Regensburg aber praktisch kaum zu bauen.

254 Entwürfe – das macht 890 laufende Meter an Plänen. Wer an der Benzstraße alle studieren will, muss gut zu Fuß sein und aufnahmefähig im Kopf. Auf zwei Etagen des weitläufigen Möbelhauses ist zu besehen, wie sich Architekten aus ganz Europa das Museum am Fluss vorstellen: als wuchtigen Stadel mit tief nach unten gezogenem Dach, als steinernen Schrein mit effektvoll aufreißenden Fensterflächen, als Gehäuse mit gotischer Raster-Fassade, als Gefüge vieler Giebelchen, das mit der Altstadt anbandelt, oder als Komplex, der in weiß-blauen Rauten schwelgt. So unterschiedlich die Entwurfsideen und Baukörper, so vielfältig ist auch das Material, das die Büros vorschlagen. Von der Fassade aus rotem Klinker bis zu dünn geschnittenen Alabasterplatten ist alles dabei.

Augenfutter in Fülle

Architekten von Stuttgart bis Sevilla, von Rosenheim bis Rotterdam, von Berlin bis Bilbao, von Leipzig bis London hatten sich um die Aufgabe für Regensburg gerissen. Gute eine Million Euro Wert stecken in den 254 Beiträgen. Überproportional viele Entwürfe kamen aus dem Krisenland Spanien, wo die Architektenschaft um jeden Auftrag ringt.

Internationale Stars wie Zaha Hadid, Herzog & de Meuron oder Daniel Libeskind fehlen unter den 254 Bewerbern (diese Liga tritt eher bei geladenen als großen anonymen Wettbewerben an), eine Reihe großer Erfolgsbüros ist aber vertreten: Stephan Braunfels (Pinakothek der Moderne München), der dutzendfach ausgezeichnete Meinhard von Gerkan (Hamburg), die Qualitätsarchitekten Christoph Ingenhoven (Düsseldorf) und Florian Nagler (München), Regensburgs frühere Gestaltungsbeirätin Prof. Hannelore Deubzer oder Hans Hollein, der Wiener Pionier der Postmoderne, reichten Entwürfe für Regensburg ein. Wer sich für Architektur oder seine Stadt interessiert: Die Ausstellung in der Benzstraße bietet Augen- und Denkfutter in Fülle.

Ausstellung in der Wohnwelt Wagner, Benzstraße 1, geöffnet wochentags 10 bis 18 Uhr, am Wochenende bis 16 Uhr, 18. bis 20. Mai geschlossen.

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