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Regensburg
Donnerstag, 29. Juni 2017 27° 2

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Der Schandfleck im Welterbe stört alle

Regensburg gilt als die Schöne an der Donau, doch das Adler-Haus ist eine schlechte Visitenkarte. Warum geht nichts voran?
Von Marion Koller, MZ

  • Bis 1993 beherbergte das Adler-Haus ein Café und eine Wohnung. Dann ließ es der Besitzer verfallen. Foto: Lex
  • Brian Kuban aus der Partnerstadt Tempe hat mit seiner Band „Mogollon“ beim Bürgerfest gespielt und bleibt ein paar Tage. „Sie sollten es renovieren und ein Museum für Geschichte der bayerischen Musik daraus machen“, empfiehlt der Amerikaner. „We love Bavaria, we love Bavarian people.“ Foto: Koller
  • Harvey Barnett ist mit einem Kreuzfahrtschiff gekommen. „It‘s an eyesore“, kommentiert er das Adler-Haus – was übersetzt „Schandfleck“ heißt. „Besonders an dieser Touristenmeile“, sagt der 78-Jährige, der in Cupertino/Kalifornien direkt bei Apple wohnt. Foto: Koller
  • Irmgard und Klaus Krönung aus dem Taunus besuchen Regensburg zum ersten Mal. Die Ruine ist ihnen sofort aufgefallen. „Mit dem Dixie-Häuschen davor – ein wunderschönes Bild“, sagt das Ehepaar sarkastisch. Die Stadt müsse etwas unternehmen. Foto: Koller
  • Susanne Fetzer aus Stadtamhof sagt: „Das ist der größte Schandfleck.“ Die 52-Jährige versteht nicht, warum die Stadt Regensburg den Besitzer nicht zum Renovieren zwingen kann. „Es ist so schön hier, links und rechts ist alles renoviert – und er kann alles so lassen“, stellt sie kopfschüttelnd fest. Foto: Koller
  • Erhard Adler Foto: Archiv

Regensburg.Die Thundorfer Straße ist eine der wichtigsten Touristenmeilen. US-Amerikaner und Japaner von den Kreuzfahrtschiffen spazieren gerne am Donauufer entlang zur Steinernen Brücke. Auch Gäste, die am Alten Eisstadion parken, nehmen diesen Weg. Dem Großteil fällt das Adler-Haus in der Thundorfer Straße/Ecke Lindnergasse sofort ins Auge. Während sich die Altstadt herausgeputzt hat, ist es verfallen. Brandspuren überziehen die gelbe Fassade. Gitter und Planen versperren den Zugang.

Alle Passanten, die die MZ an diesem Mittag befragt, stört die Bauruine im Welterbe. „Ein greisliger Schandfleck! Da sollte sich die Stadt etwas einfallen lassen“, echauffiert sich eine Radfahrerin mittleren Alters und trifft damit den allgemeinen Tenor. Ein Wohnhaus, ein Restaurant, alles könne man daraus machen. „Jeder würde eine Eigentumswohnung in der Lage kaufen“, ist sie überzeugt.

Adler gibt der Stadt die Schuld

Doch eine Lösung des Problems dürfte sich hinziehen. Bis 1993 nutzte die Unternehmerfamilie Adler ihre Immobilie. Im Erdgeschoss befand sich das Donau-Café, in der ersten Etage eine Wohnung. Adler wollte aufstocken und umbauen. Dieses Vorhaben lehnte das Bauordnungsamt ab. Die städtische Pressesprecherin Juliane von Roenne-Styra sagt: „Es war im Welterbe nicht genehmigungsfähig.“ Trotzdem fing Erhard Adler 1994 an, das Haus zu verändern: Er entkernte das Erdgeschoss. Die Stadt schritt ein.

„Dann wurde es zur unendlichen Geschichte“, sagt Roenne-Styra. Der Eigentümer ließ das Haus verkommen und nutzte die Freifläche davor für seine touristische Adler-Bahn. Auch für diese Nutzungsänderung hätte er eine Erlaubnis gebraucht. Eine Reihe von Prozessen folgte ab 2009. Seit mehr als 20 Jahren lässt Erhard Adler das Anwesen in der Lindnergasse 1 verkommen – und die Stadtverwaltung ringt um eine Lösung.

Am Telefon gibt der Unternehmer der Stadt die Schuld am Leerstand. Zu Zeiten des Donau-Cafés hätten zu seinem Haus zehn Stellplätze gehört. Als er die Gastronomie aufgegeben habe, habe die Kommune diese Zahl handstreichartig auf vier reduziert. Er habe nachgefragt bei der Verwaltung, wie er wieder auf zehn kommen könne.

„Ich sollte 200 000 Euro für die sechs zusätzlichen Stellplätze zahlen“, behauptet der Unternehmer, der mit vielen, an sich guten Geschäftsideen gescheitert ist. Auch Duplex-Garagen seien abgelehnt worden. Also habe er die geplante Königlich-Bayerische Bratwurstküche nicht einrichten können. „Mit dem Haus kann ich nichts mehr anfangen, weil ich nur die vier Stellplätze habe“, lautet die Logik Adlers. Zig Prozesse gegen die Kommune habe er verloren. Zwei vor dem Verwaltungsgericht Regensburg seien noch nicht abgeschlossen.

Verkaufen würde die Unternehmerfamilie übrigens: für 8000 Euro pro Quadratmeter. Das Grundstück umfasst 276 Quadratmeter.

Jetzt hat die Tochter übernommen

Juliane von Roenne-Styra bestätigt, dass nach wie vor Rechtsstreitigkeiten anhängig sind. Zu den Vorwürfen sagt sie: „Die Stellplätze werden je nach Nutzung einer Immobilie festgelegt.“ Sobald Adler seine Pläne anmelde, könne die Stadt die neue Stellplatz-Zahl festlegen. „Aber er hat sich wohl in dieser Geschichte verstiegen“, vermutet Roenne-Styra.

Wenn sich Adler nicht bewegt, werden Regensburger und Touristen noch jahrelang mit der Schrott-Immobilie leben müssen. Denn der Verwaltung sind die Hände gebunden. „Die Stadt als Bauaufsichtsbehörde hat kaum Handhabe, wenn ein Eigentümer sein Haus verfallen lässt“, erklärt die Pressestelle. Bei bestandsgeschützten Bauten könnten Anforderungen nur dann gestellt werden, wenn das zur Abwehr von Gefahren für Leben und Gesundheit notwendig ist – etwa wenn Ziegel herabfallen.

Ein Sprecher des Bayerischen Städtetags bestätigt das: „Eigentumsrecht ist hoch anzusiedeln. Die Kommune könnte nur eingreifen, wenn sicherheitsrelevante Sachen passieren.“

Inzwischen hat Erhard Adler, der mehrere Häuser in Regensburg besitzt, die Schrott-Immobilie an Tochter Mandy überschreiben lassen. Sie spricht nicht mit der MZ, aber vielleicht wird sie handeln.

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