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Regensburg
Montag, 11. Dezember 2017 3

Kino

Der Tod ist ein beschwingter Walzer

„Im Himmel, unter der Erde“ über den jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee zeigt die Symphonie eines Großstadtfriedhofs.
Von Florian Sendtner, MZ

Über 115000 Menschen sind auf dem Friedhof in Weißensee bestattet. Foto: Verleih Salzgeber

Regensburg. Grabsteine, die sich bedenklich neigen, daneben welche, die längst umgefallen sind. Drei, vier Meter hohe Grabmonumente, die einsturzgefährdet sind. Viele Grabsteine aber sieht man längst nicht mehr: sie sind vom Efeu und vom Gestrüpp überwuchert. Darüber: Bäume, richtig hohe Bäume. Ein Dschungel, durchzogen von einem Wegenetz: der jüdische Friedhof Berlin-Weißensee. In bayerischen Breitengraden hätte so ein Friedhof schon längst einen Katastrophenalarm ausgelöst, ein Dutzend Feuerwehren samt THW wären ausgerückt, und der zuständige Bürgermeister läge mit einem Herzinfarkt im Krankenhaus. Denn es muss alles auf den Zentimeter korrekt sein, nach dem Tod ganz besonders.

Der Film erzählt von den Lebenden

Auf dem jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee war das dereinst nicht viel anders. Gutbürgerliche Etikette, großbürgerliche Prächtigkeit, auch schon mal Protzerei, all das tobte sich hier in den ersten fünfzig Jahren nach der Gründung des Friedhofs 1880 genauso aus. Dann deportierten und ermordeten die Nazis alle Juden, derer sie habhaft werden konnten. Der überlebende Rest wurde in alle Winde zerstreut. Niemand war mehr da, der sich ums Familiengrab hätte kümmern können. Der Friedhof Weißensee, von den Nazis wie durch ein Wunder nicht ausradiert, verwilderte.

Es passt zum Friedhof Weißensee, dass eine junge Frau einen Film über ihn drehte, und nicht etwa ein alter Mann. Britta Wauer hat ein abendfüllendes Kunststück vorgelegt: 90 Minuten über einen Friedhof, die nicht nur nicht depressiv sind, noch nicht mal beschaulich, sondern quicklebendig von den Lebenden erzählen, die zu diesem Riesenfriedhof eine Beziehung haben. Angefangen von Rabbiner William Wolff, über Friedhofsinspektor Ron Kohls („Wenn man manche Grabsteine bisschen kräftig ankuckt, fallen die von alleine um“) bis zu Lev Tabachnik, dem atheistischen Sargtischler, der gleichwohl wie ein Mönch seine Arbeit verrichtet. Selbst Hauptkommissar Männe, der auf dem 42 Hektar großen Friedhof mit dem Auto Patrouille fährt, gibt zu Protokoll: „Hier liegen über 115000 Tote, aber die tun einem eigentlich nichts, es ist ziemlich friedlich hier.“ Und wie zur Bestätigung huscht eine junge Frau im Minirock über den Gräberweg.

Britta Wauer widersteht der naheliegenden Versuchung, all den Prominenten nachzuspüren, die hier beerdigt sind (etwa Samuel Fischer, der Gründer des S. Fischer-Verlags oder Kaufhausgründer Hermann Tietz) und lässt sich stattdessen auf unbekannte Lebende ein. Wie Harry Kindermann, 1927 in Berlin geboren, dessen Eltern 1924 schon nach Palästina ausgewandert waren, vom streng patriotischen Großvater aber nach Deutschland zurückbeordert wurden. Harry Kindermann ist „praktisch auf dem Friedhof groß geworden“, hat dort hauptberuflich Fundamentemauern und nebenbei Autofahren gelernt. Und seine erste Liebe gefunden, Marion Ehrlich. Ein Foto aus der Zeit zeigt ein hellauf lachendes Mädchen: auf dem Friedhof, der zu einer Art Zufluchtsort für die verfolgten Juden geworden war. Marion Ehrlich wurde dennoch deportiert und ermordet. Harry Kindermann hat überlebt und seine Tochter später zu Ehren seiner Jugendliebe Marion genannt.

Bezaubernde Leichtigkeit

„Jeder Grabstein ist ein Stück Weltgeschichte“, sagt Hermann Simon vom Centrum Judaicum in Berlin, und Britta Wauer denkt in ihrem Film auch die Unzähligen mit, die kein Grab haben. Ihr Blick auf diesen Urwald von einem Friedhof, der zur besseren Übersichtlichkeit in Felder nach dem Alphabet von A bis Z eingeteilt ist, ist gleichzeitig von einer bezaubernden Leichtigkeit, die man nicht für möglich gehalten hätte.

Im Walzertakt der wunderbaren Musik von Karim Sebastian Elias tanzt dieser Film über einen Friedhof, dessen Grauen daher kommt, dass so viele, die hier beerdigt hätten werden müssen, stattdessen „ein Grab in den Lüften“ bekamen.

Eingestreute Sequenzen aus den 20er-Jahren lassen das alte Berlin immer wieder kurz aufflackern: Berlin, Symphonie einer Großstadt. Und zwischendurch spricht eine Frauenstimme aus dem Off: „Du liebst. Du reist. Du freust dich, du – Feld U – / Es wartet in absentia Feld A. / Es tickt die Uhr. Dein Grab hat Zeit, / drei Meter lang, ein Meter breit. / Du siehst noch drei, vier fremde Städte, / du siehst noch eine nackte Grete, / noch zwanzig-, dreißigmal den Schnee – / Und dann: / Feld P – in Weißensee – / in Weißensee.“ Das Gedicht von Kurt Tucholsky erschien 1925 in der Weltbühne. Tucholskys Eltern und Großeltern liegen auf dem Friedhof Weißensee. Er selbst wurde nach seinem Selbstmord 1935 in Schweden beerdigt.

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