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Regensburg
Montag, 25. September 2017 20° 3

Entdeckung

Die Jahn-Gründerväter sind aufgetaucht

Vorm Abriss der Jahntribüne wurden Fresken freigelegt. Sie zeigen auch die Porträts der Erbauer. Ist das Dokument zu retten?
Von Helmut Wanner, MZ

Offene Rechnungen und leerer Vereinssäckl: Die Initiatoren des Jahntribünen-Bauvereins kannten schon 1931 Finanz-Probleme. Foto: Wanner

Regensburg.Bei den Freunden der Facebook-Seite „Regensburger damals“ schlug das am Donnerstag ein wie eine Bombe. Der Administrator der Seite, Fritz Rehbach, hatte sensationelle Fotos aus dem Herzstück des Jahnstadions ins Netz gestellt. Es handelt sich um verschollen geglaubte Fresken aus der Gründerzeit. Die Gemälde ziehen sich um die ganze Decke der 22 mal 7 Meter großen Gaststätte und stellen Sportszenen aus allen Abteilungen des SSV Jahn Regensburg dar, mit Schwerpunkt auf König Fußball. Die Rothosen waren seit der Renovierung 1948 unter einer Holzvertäfelung verborgen.

„Die Porträts sind ein Dokument der Zeit, der Malerei, der Vereinsgeschichte und auch des Bürgersinns, der hier ein Stadion errichtet hat.“

Stefan Reichmann

Jetzt wurde diese zu weiten Teilen entfernt, um den Abriss der Jahntribüne vorzubereiten, der am Montag beginnt. Die Stadt hielt den Fund bislang unter der Decke. „Die Gemälde werden dokumentiert“, teilte die Pressestelle mit. An eine Rettung denkt man nicht. Die Aktion sei technisch aufwendig, die Kosten immens.

Fritz Rehbach machte es öffentlich

Fritz Rehbach und Reinhold Lang (li.) stehen staunend unter der Decke der Jahntribüne. Die Straßenbahnfreunde haben den Fund öffentlich gemacht. Foto: Wanner

Die Jahntribünen-Fresken wurden der Öffentlichkeit durch Zufall bekannt. Fritz Rehbach (65) und Reinhold Lang (67), Aktivisten der Interessensgemeinschaft historische Straßenbahn Regensburg, waren am Donnerstag um 15 Uhr auf der Suche nach „Reliquien“ auf die Fresken gestoßen. „Wir wollten uns in Abstimmung mit der Abbruchfirma Althammer Stücke aus der Tribüne aussuchen, die wir bei unserem Bürgerfeststand verwenden wollen, um Spenden zu gewinnen. Uns fehlen noch 60 000 Euro für den Triebwagen der Linie 1.“ Die Linie 1 ist untrennbar mit der Geschichte des Jahnstadions verbunden. Rehbach: „Vor dem Stadion war sie zweigleisig. Nach den Jahnspielen sind die Waggons immer schon in der Prüfeninger Straße bereit gestanden.“

Der Jahn-Archivar Dr. Wolfgang Otto wertet die Entdeckung der Wandgemälde als kleine Sensation. Er hatte in seinem Beitrag zum Buch „Servus, Jahnstadion!“ noch vermutet, dass sie übermalt wurden. Wie sich unser Medienhaus überzeugen konnte, sind nur 75 Prozent der Wandgemälde freigelegt. Die Kassettendecke im Mittelteil der Jahntribüne hängt noch. Sie verbirgt den, aus Sicht der Vereinsgeschichte, vielleicht größten Schatz.

Durch ein Loch blicken einen die Gründerväter an. Die Vorstände sitzen an einem Tisch. Einer hat offene Rechnungen in der Hand, der andere einen leeren Vereinssäckl, der dritte die Stadtschlüssel und der vierte läutet mit dem Versammlungs-Glöckchen. Bekannte Probleme…

Jahntribüne gibt Geheimnis frei

„1000-prozentig Max Wissner“

Der Jahn-Fan 1931, gemalt von Max Wissner (1873 bis 1956). Foto: Wanner

Laut Dr. Otto berichtete der „Regensburger Anzeiger“ anlässlich der Einweihungsfeierlichkeiten 1931 von dieser Decke. Hier sei „die gesamte Prominenz“ zu sehen. Vermutlich handelt es sich bei den Porträtierten um Philipp Stumpf, Richard Heider und Joseph Zorzi.

„Für mich ist es 1000-prozentig klar, dass der ausführende Künstler Max Wissner war“, stellte Wissner-Experte Stefan Reichmann vor Ort fest. Max Wissner (1873 bis 1956) galt in den 20er und 30er Jahren als der Star der Regensburger Malerszene. Seine Bilder werden heute für 8000 Euro versteigert. „Es ist anzunehmen, dass Wissner im Auftrag von Otto Zacharias junior gearbeitet hat, Inhaber der Werkstätte für Dekorationsmalerei in der Oberen Bachgasse 23“, so Reichmann. Es sei geboten, wenigstens die Vorstände des Tribünenbauvereins vor der Spitzhacke zu retten. „Die Porträts sind ein Dokument der Zeit, der Malerei, der Vereinsgeschichte und auch des Bürgersinns, der hier ein Stadion errichtet hat.“

Der Kunstexperte Stefan Reichmann hatte bei der Renovierung des Velodroms auch zwei Wissners entdeckt. Sie konnten gerettet werden.

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Max Wissner in Regensburg

  • Arbeitsplatz des Künstlers:

    Max Wissner (1873 bis 1956) arbeitete in der „Werkstatt für Dekorationsmalerei“ des Otto Zacharias jun. als freischaffender Künstler. Er galt in den Vorkriegsjahren als Star. Im Gegensatz zu seinen Aquarellen und Ölbildern sind von Wissners Wandmalereien nur noch wenige Zeugnisse erhalten.

  • Wissners Werke:

    Bislang war man von drei erhaltenen Werken ausgegangen. Mit den Fresken in der Jahntribüne kommt ein viertes hinzu. Das älteste und mit elf Quadratmetern größte ist eine Ansicht von „Alt-Regensburg“. Sie hängt im Treppenhaus der ehemaligen „Müller’schen Töchterschule“ am Petersweg. „Ruhe“ und „Friede“ heißen die Arbeiten aus dem ehemaligen evangelischen Altenheim am Emmeramsplatz. Sie befinden sich im Eingang der Einrichtung in der Oberen Bachgasse 22. Im Bischofshof ist eine Holzdecke von Wissner erhalten.

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