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Regensburg
Sonntag, 17. Dezember 2017 5

Geschichte

Die Stolpersteine und ihre Geschichten

Die Aktion von Gunter Demnig ist bekannt. 200 Mal wurde er allein in der Domstadt tätig. Sylvia Seifert hat das Buch dazu.
Von Helmut Wanner, MZ

  • Gunther Demnig und Hans Rosengold mit dem Stolperstein von Adolf Niedermaier vor dem Haus Platz der Einheit 1 Foto: Archiv/altrofoto.de
  • Die Autorin Sylvia Seifert Foto; Wanner

Regensburg.Es ist Historikerin Sylvia Seifert (M. A.), die in die Archive der jüdischen Gemeinde in Regensburg geht, wenn sich Nachfahren von NS-Opfern auf die Suche nach der Vergangenheit ihrer Familie machen. Mit Dokumenten, Urkunden oder Bildern hilft sie, die Geschichten zu rekonstruieren. Dieses Wissen hilft Seifert, weil sie so Vorschläge für Stolpersteine machen kann, die an Regensburger NS-Opfer erinnern. Jetzt hat sie ein Buch über diese Schicksale geschrieben. Nach ihrem Studium der Geschichte und Archäologie, das die gebürtige Münchnerin an die Uni Regensburg führte, hat sie lange Jahre im Arbeitskreis Konzentrationslager Flossenbürg mitgearbeitet. In dieser Zeit organisierte sie 1997 das größte Überlebendentreffen, ein Ereignis, das sie prägte. „Ich war fasziniert von der Herzlichkeit dieser Persönlichkeiten. Sie haben mich umarmt und mir Geschenke gebracht,“ sagt Sylvia Seifert beim Gespräch in unserem Medienhaus.

Ihr Brot verdient sie momentan im Korrektorat des Walhalla-Verlags. Mit „Shalom in Regensburg“ hat sie sich als spezielle Stadtführerin selbstständig gemacht. Führungen sind ihr zweites Standbein. Kreuzfahrt-Touristen aus Australien, USA und Kanada gehören zu ihren aufmerksamsten Zuhörern. Bei ihren zahlreichen Gängen durch das jüdische Regensburg bleiben die Gäste oft an Stolpersteinen stehen. Danach wird Seifert regelmäßig angesprochen, ob es da nicht etwas zum Nachlesen gebe. Denn es ist ja so: Man nimmt auf dem Weg die Namen und Geburts- und Sterbedaten auf, die der Künstler Gunter Demnig unter „Hier wohnte“ in Messing gravierte und geht danach wieder weiter.

Dem Gedächtnis der Namenlosen

Bald werden es 200 dieser kleinen Gedenksteine sein, die von Gunter Demnig in Regensburg für die Opfer des Nationalsozialismus verlegt wurden. Es wurde Zeit, dass die Stolpersteine endlich auch als Buch erscheinen. Der Verleger Herbert Wittl hat sich für die Idee erwärmt. Das Buch ist in der Edition Buntehunde erschienen. Seifert hatte schon an mehreren Publikationen mitgearbeitet, aber dies ist das erste Werk einzig aus ihrer Feder, quasi das Erstlingswerk der Autorin. Um ihre Absichten klar zu machen, hat sie dem Werk ein Wort des Intellektuellen Walter Benjamin (1892 bis 1940) vorangestellt. „Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten. Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.“ Den Namenlosen aus Regensburg hat sie also das Buch gewidmet.

Alle Stolpersteine in Regensburg finden Sie auf Mittelbayerische Maps:

Erfreulich leicht kommt dieses zentnerschwere Thema deutscher Schuld daher. Das ist auch ein Verdienst des Regensburger Illustrators Peter Engel, der hier auch als Bühnenbildner arbeitet. Die Farben Blau, Weiß und Gold eröffnen einen überraschenden Zugang zum Thema. Die Leichtigkeit wird auch im reich bebilderten Text durchgehalten. Die Autorin wollte einen Einstieg ins Thema schaffen und alle Opfergruppen in exemplarischen Fällen darstellen. Sinti und Roma, Mitglieder der Neupfarrplatzgruppe, Zeugen Jehovas, die Politischen und die Juden. Ihr Zielpublikum sind junge Menschen, Schulklassen und Studenten.

Metzger Schild vom Römling 11

Die Regensburger Juden nehmen aufgrund der großen Zahl ihrer Opfer auch im Buch einen größeren Raum ein. Aber hier sind es, mit Ausnahme von Simon Oberdorfer, wiederum nicht die prominenten jüdischen Schicksale, die sie porträtiert. Man erfährt zum Beispiel etwas vom Metzger Berthold Schild vom Römling 11. Ihm gelang es auszureisen und in Manhattan eine koschere Metzgerei zu eröffnen, seine Familie jedoch konnte er nicht nachholen. Edith und Bertha Schild kamen in Piaski um. Als exemplarisches Einzelschicksal wird der liberale Beamte Alois Krug aus der Admiral-Scheer-Straße 4 genannt. Er war Vermessungsbeamter. Eine Denunziation eines Kollegen führte zu seiner Verhaftung 1943. Er starb in Dachau.

Der Regensburger Autor und Journalist Thomas Muggenthaler steuerte zwei noch unveröffentliche Transskriptionen von Radio-Interviews bei, die er mit Frieda Sämann und Gerda Oppenheimer, geborene Farntrog, geführt hatte. Auf diese Weise bekommen die Stolpersteine Gesicht und Stimme. Frau Oppenheimer, Tochter eines Frontkämpfers aus dem Ersten Weltkrieg, hatte er 1995 in Jerusalem besucht. Ihr gehörte eine der größten Schokoladenfabriken Israels „Oppenheimer, Jerusalem Sweets“.

Bei der Buchpräsentation am Mittwoch, 9. Dezember, wird Oberbürgermeister Joachim Wolbergs die einführenden Worte sprechen. Die Musik steuern zwei Straßenmusikanten bei, das Duo „Freilach“ aus Nürnberg, Leonid Khenkin (Klarinette) und Michail Winnitkij (Knopfakkordeon). „Es geht weiter“ kündigte Sylvia Seifert an. Im kommenden Jahr wird die englische Ausgabe der Stolpersteine erscheinen. Und wenn Interesse besteht, wird Seifert noch eine zweite Auflage folgen lassen, mit erweiterten Personenrecherchen.

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