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Regensburg
Sonntag, 19. November 2017 7

Stolpersteine

Ein Buch erzählt jetzt von Nazi-Opfern

170 Gedenksteine gibt es Regensburg. Sylvia Seifert hat die Schicksale der Menschen recherchiert und niedergeschrieben.
Von Curd Wunderlich, MZ

  • OB Wolbergs, Autorin Sylvia Seifert und Verleger Herbert Wittl (von links) präsentierten das Buch. Foto: Wunderlich
  • Autorin Sylvia Seifert erfüllte nach der Präsentation viele Signierwünsche der Besucher. Foto: Wunderlich

Regensburg.Seit 2007 gibt es in Regensburg Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig. Vor fünf Wochen wurde wieder einer verlegt, weit über 170 sind es mittlerweile im Stadtgebiet. Sie sollen an die Schicksale der Opfer der Nationalsozialisten erinnern. Intensiv mit dem Thema setzt sich Sylvia Seifert auseinander, die dazu auch spezielle Stadtführungen anbietet. Jetzt hat sie ein Buch dazu geschrieben. Am Freitagabend stellte sie es in der Stadtbücherei am Haidplatz der Öffentlichkeit vor.

Richtige Entscheidung in Regensburg

Das Interesse war so groß, dass die Sitzplätze nicht ausreichten. Oberbürgermeister Joachim Wolbergs verwies eingangs darauf, dass es auch viele Menschen gebe, die die Idee der Stolpersteine kritisierten, darunter Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Für Regensburg sei die Entscheidung pro Stolpersteine jedoch die richtige gewesen. „Wir haben damit das geschafft, was wir schaffen wollten. Nämlich, den Opfern der Nationalsozialisten zumindest ein bisschen Gesicht zu geben“, erklärte er.

Alle Stolpersteine in Regensburg finden Sie auf Mittelbayerische Maps:

Eins habe nur bislang gefehlt: „Das zu dokumentieren, was hinter den einzelnen Stolpersteinen steht.“ Dafür brauche es so ein Buch, um durch die Stadt zu gehen und mehr zu erfahren über die Personen, die hinter den Steinen stehen. Wolbergs bezeichnete das Buch als „sehr, sehr beeindruckend“. Es werde für ihn eins der zentralen Geschenke an Menschen sein, „die mehr von dieser Stadt sehen und mehr erfahren wollen, als die Steinerne Brücke und den Dom“.

Gut zu wissen

  • Buch:

    „Stolpersteine in Regensburg“ von Sylvia Seifert ist in der „edition buntehunde“ erschienen und unter der ISBN 978-3-934941-95-3 bestellbar.

  • Interviews:

    In dem Buch sind auch zwei bislang unveröffentlichte Interviews mit Zeitzeugen des BR-Journalisten Thomas Muggenthaler enthalten.

  • Förderung:

    Förderer sind die Sparda-Bank, die Donau-Stiftung, das evangelisch-lutherische Kirchengemeindeamt, die Stadt und die Sparkasse.

Herbert Wittl, Verleger der „edition buntehunde“, die das Buch herausgebracht hat, erklärte, warum sein Verlag das Thema aufgegriffen hat: „Wir nehmen uns gern lokaler Regensburger Themen an, auch wenn sie erstmal sperrig wirken oder kein Bestseller-Potenzial haben.“ Viele dieser Themen hätten nämlich eine historische und dokumentarische Bedeutung auch über die Stadtgrenzen hinaus. Seit 2007 die ersten Stolpersteine verlegt wurden, habe die Idee eines Buches dazu im Raum gestanden. Vor einem Jahr nun sei er zufällig mit Sylvia Seifert ins Gespräch gekommen. Danach habe festgestanden, das Projekt endlich umzusetzen, denn: „Um zu wissen, was sein kann, muss man wissen, was gewesen ist.“

Kanadierin sammelte Spenden

Sylvia Seifert erzählte, wie sie bei ihren Stadtführungen immer wieder große Anteilnahme erfahre. Eine Kanadierin habe sich zu Hause sogar Spenden für Regensburger Stolpersteine zum Geburtstag gewünscht und 3000 Euro überwiesen. Viele Gäste würden immer wieder nachfragen, ob es nicht ein Buch gebe, in dem die Geschichten der Menschen zusammengefasst seien. Deshalb habe sie keine lange Bedenkzeit gebraucht, als Wittl fragte, ob sie das Buch machen wolle.

Seifert hofft, dass das Buch zum besseren Verständnis von Diskriminierung und Gewalt beiträgt und aufzeigt, warum Demokratie und Religionsfreiheit so wichtige Errungenschaften für die Gesellschaft seien. Sie schloss ihre kurzweilige Präsentation mit einem Zitat des deutschen Philosophen Walter Benjamin: „Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren, als das der Berühmten. Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.“

Leonid Khenkin (Klarinette) und Michail Winnizkij (Knopfakkordeon) sorgten als Duo „Freilach“ für die musikalische Umrahmung.

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