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Regensburg
Samstag, 16. Dezember 2017 3

MZ-Serie

Ein Fund, der Forscher überraschte

Die großen Schlagzeilen Ostbayerns: 1995 graben Archäologen in Regensburg die 1519 zerstörte Synagoge aus – für Experten eine Sensation.
Von Claudia Pollok, MZ

Regensburg.Silvia Codreanu-Windauer steigt langsam die steilen Treppen zum document hinunter. Der laute Trubel auf dem Regensburger Neupfarrplatz weicht einer andächtigen Stille. Hier, drei Meter unter der Oberfläche, taucht die Denkmalpflegerin in eine andere, längst vergessene Welt ein: Sie ist in den Kellern des einstigen Judenviertels. Es hier zu finden, war für die Forscher 1995 eine große Überraschung.

Codreanu-Windauer auf einem der Betonsteine in der Dani-Karavan-Begegnungsstätte Foto: Schöberger

Silvia Codreanu-Windauer vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege und Stadtarchäologe Dr. Lutz-Michael Dallmeier haben von 1995 bis 1998 die Ausgrabung der jüdischen Siedlung geleitet. Ein Teil davon ist seit 2001 im document Neupfarrplatz zu sehen. „Bei der Ausgrabung habe ich das Gefühl gehabt, mich küsst die Weltgeschichte“, sagt die Denkmalpflegerin und strahlt, als sie sich zwischen den Mauerresten umblickt.

Denn die Archäologen fanden hier auch Reste des römischen Legionslagers Castra Regina aus dem Jahr 179 nach Christus und einen Ringbunker aus dem Zweiten Weltkrieg. „In meiner 30-jährigen Amtszeit habe ich nie eine spannendere Zeit erlebt, als jene“, sagt Codreanu-Windauer.

Die großen Schlagzeilen Ostbayerns

Synagoge und Goldschatz

Angefangen hat damals alles damit, dass die Stadt den Neupfarrplatz neu gestalten wollte. Welche historischen Schätze dort unter dem Boden schlummerten, hat damals niemand geahnt. Doch 40 Zentimeter unter dem Kopfsteinpflaster kamen die ersten Mauerreste zum Vorschein, erzählt ’Codreanu-Windauer. Zuerst sei sie und Dallmeier davon ausgegangen, dass es sich bei den Funden ausschließlich um Häuserreste des jüdischen Viertels handelt, dessen Bewohner im 15. Jahrhundert vertrieben wurden.

Dass zunächst niemand an die 1519 zerstörte gotische Synagoge dachte, lag daran, dass Archäologen sie seit einem Jahrhundert unter der Neupfarrkirche vermuteten, erklärt die Denkmalpflegerin. Die Experten glaubten, sie sei auf den Trümmern der Synagoge errichtet worden. So war es eine riesige Überraschung als Codreanu-Windauer und ihr Team im November 1995 bei den Ausgrabungen westlich der Neupfarrkirche auf das jüdische Gotteshaus stießen. Die Sensation war schließlich perfekt, als sie unter dem Fundament der Synagoge sogar noch einen romanischen Vorgängerbau aus dem 11. Jahrhundert zu Tage brachten.

Bevor die Archäologen die Synagoge allerdings eindeutig identifizierten, durfte kein Sterbenswörtchen nach Außen dringen, erzählt Codreanu-Windauer: „Wir diskutierten bis spät in die Nacht, ob es sich bei dem Fund wirklich um die Synagoge handelte.“ Denn dem Ausgrabungsteam war damals sofort klar, dass eine solche Entdeckung von europäischem Rang wäre. Als sie ein tischhohes Podest für eine Kanzel in Innenraum der Mauerreste fanden, waren schließlich die letzten Zweifel ausgeräumt.

Das document entsteht

Der Medienrummel war nach der Veröffentlichung natürlich groß, schildert Codreanu-Windauer. Selbst der Enkel von Lion Feuchtwanger – Autor des historischen Romans „Die Jüdin von Toledo“– hat bei ihr angerufen, erinnert sich die Denkmalpflegerin. Als die Archäologen im Sommer 1996 auch noch einen Goldschatz in der Ausgrabungsstätte entdeckte, berichtete das sogar die indische Presse, sagt Codreanu-Windauer und schmunzelt. 624 Goldmünzen aus dem ausgehenden 14. Jahrhundert lagen in drei vergrabenen kleinen Keramikgefäßen, die wahrscheinlich im Jahr 1388 zur Zeit des Städtekrieges dort versteckt wurden, erklärt die Denkmalpflegerin. Ein anderer außergewöhnlicher Einzelfund war ein goldener Fingerring eines hohen jüdischen Würdenträgers. Ausgestellt sind beide Funde heute im Historischen Museum. Um die Ausgrabungen der Synagoge auch auf dem Neupfarrplatz sichtbar zu machen, entwarf der israelische Künstler Dani Karavan 2004 eine begehbare Begegungsstätte. Das Kunstwerk zeigt in der Form eines flachen Bodenreliefs den Grundriss der Synagoge.

Im document Neupfarrplatz erzählt Codreanu-Windauer von den Ausgrabungen. Foto: Schönberger

Das document Neupfarrplatz erinnert hingegen unterirdisch an die Ereignisse der Geschichte. Aus einem Teil der Ausgrabungsstätte eine Art Museum zu machen, war nicht einfach, erklärt Codreanu-Windauer. Die Decke muss schließlich jedes schwere Feuerwehrauto tragen, das über den Neupfarrplatz fährt. Die Lösung waren Säulen im Innenraum des documents, um die Decke zu stützen. Bis auf solche Schutzmaßnahmen versuchten die Architekten jedoch, so wenig Mauerreste wie möglich zu beschädigen. Die Treppe bauten sie deshalb an der Stelle, an der früher der Eingang zum Bunker lag, erklärt die Denkmalpflegerin.

Codreanu-Windauer kommt gern an diesen Ort, das ist zu sehen. Doch als sie die Treppe wieder hochsteigt und über den weiten Neupfarrplatz schaut wird sie nachdenklich und sagt: „Durch die Vertreibung der Juden und die Zerstörung des jüdischen Viertels ist dieser Platz auch zu einer Wunde im Stadtbild geworden.“

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