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Regensburg
Mittwoch, 22. November 2017 10° 3

Dokumentation

Erinnerung an den Widerstand

Zwei engagierte Wiesenter haben in Archiven gewühlt – und erschütterndes Material gesammelt. Jetzt präsentierten sie ihr Werk.
Von Sebastian Schmid, MZ

Albert Eichmeier (links) und Peter Lutz mit der Dokumentensammlung

WIESENT. Unter dem Titel „Widerstand und Verfolgung in Wiesent in der NS-Zeit“ haben Albert Eichmeier und Ortsheimatpfleger Peter Lutz eine beeindruckende Dokumentation zusammengestellt. Auf über 300 Seiten haben sie Original-Dokumente zusammengetragen, die zeigen, dass es auch in Wiesent Menschen gab, „die sich mit dem nationalsozialistischen Staat in Wort und Tat anlegten“.

Zwei Tage vor Einmarsch der Amerikaner verbrannte der damalige Hauptlehrer und Ortsgruppenleiter Ludwig Muggenthaler fast alle Unterlagen aus dem Gemeindearchiv. Deshalb ist vor Ort nur sehr wenig erhalten geblieben. „Es war nicht leicht, an Dokumente zu kommen. Albert Eichmeier hat sie in aufwendiger Recherche aus Archiven in Amberg, Landshut, München, Nürnberg, Koblenz und Berlin zusammengetragen“, erklärte Lutz.

Wiesents stellvertretender Bürgermeister, Otto Thanner, sagte: „Dieses Werk hat großen Wert für die Gemeinde, es wirkt dem Vergessen entgegen.“ Es sei umso wichtiger, da es bald keine Zeitzeugen mehr gebe. In der nun veröffentlichten Dokumentation werden zwölf Fallbeispiele aufgezeigt, wie sich Wiesenter Bürger gegen das NS-Regime auflehnten – und welches Leid sie dafür ertragen mussten.

1940 weigerte sich Pfarrer Tiberius Burger, eine NS-Fahne zu grüßen und wurde deshalb vor Gericht gestellt. Er wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. Lehrerin Elisabeth Deinzer wurde vom Rektor bespitzelt und denunziert. Sie gehörte nicht der NSDAP an und lehnte die NS-Weltanschauung – im Gegensatz zu ihrem Vorgesetzten – ab.

Bemerkenswert der Werdegang von Bürgermeister Wolfgang Kehrer, der beweisen konnte, dass er einigen Unterdrückten half. Er erreichte den Abzug der SS aus Ettersdorf und setzte sich für einen menschlicheren Umgang mit Kriegsgefangenen ein. Als einer von ganz wenigen Bürgermeistern konnte er sein Amt auch nach Gründung der Bundesrepublik weiter ausüben.

Johann Schindler aus Dietersweg gehörte der „Widerstandsgruppe Neupfarrplatz“ an. Er wurde 1942 verhaftet und ins KZ Flossenbürg deportiert, wo er gefoltert wurde. Dort soll er sich in seiner Zelle an einem Heizkörper erhängt haben. Die Nachforschungen von Eichmeier ergaben nun, dass es in Schindlers Zelle keinen Heizkörper gab. Für Schindler wurde 2009 in Regensburg ein Stolperstein verlegt.

Auch das Schicksal von Zwangsarbeitern aus Osteuropa wird thematisiert. Hier wird ein differenziertes Bild gezeichnet: Es gab durchaus Polizisten und Bürger, die einen menschlichen Umgang mit ihnen pflegten.

Als Gegenbeispiel gilt der Wörther Bürgermeister Friedrich Horkheimer, durch dessen Denunziationen drei polnische Zwangsarbeiter im KZ Flossenbürg ermordet wurden und die Tiefenthalerin Emma Pex ins KZ Ravensbrück deportiert wurde.

Ein Kapitel ist dem Fluchtversuch von sechs KZ-Häftlingen gewidmet. Sie wurden durch Wörth getrieben und versuchten, sich im Schulgebäude zu verstecken. Eine Wörtherin sah das und meldete es der SS. Die Männer wurden gefasst und höchstwahrscheinlich hingerichtet.

Auch der gelungene Fluchtversuch des jüdischen KZ-Häftlings Jakob Wysblum wird beschrieben. Der Rabbiner Dr. Jakob Neubauer lebte auf dem Hermannsberg, wo er sich religiösen Studien widmete. 1928 zog er nach Würzburg um. Nach Hitlers Machtergreifung floh er nach Amsterdam. Dort wurde er verhaftet und starb 1945 im KZ Bergen-Belsen an den Haftbedingungen.

Bei der Präsentation im Wiesenter Sommerkeller erinnerten sich einige Zeitzeugen an die NS-Zeit: „Junge Menschen können sich diese schlimme Zeit gar nicht vorstellen. Erst wenn man dabei war, weiß man, wie viel unsere Demokratie wert ist.“

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