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Umwelt

Ernte der „vergessenen Obstschätze“

Eine Online-Plattform zeigt Standorte von Obst und Kräutern im öffentlichen Raum – um auf reife Früchte aufmerksam zu machen.
Von Julia Ried, MZ

Eine junge Frau sieht nach, ob die Holunderbeeren in der Safferlingstraße reif sind. Kleine Mengen darf man im öffentlichen Raum ernten. Foto: Ried

Regensburg.Die Holunderbeeren an der Safferlingstraße sind bald reif, die Haselnüsse daneben, in dem kleinen Flecken Grün im Regensburger Osten, brauchen noch Wochen. Und die Kirschen in Burgweinting, die sind schon alle weg.

Die Stadt hat den Hain beim neuen Industriegebiet bepflanzt, in dem sich offensichtlich einige Obstfreunde bedient haben. Dass es dort Kirschen gibt, lässt sich im Internet nachlesen: Auf www.mundraub.org bildet eine Karte Standorte von Obst und Kräutern im öffentlichen Raum ab, die die Nutzer eintragen. Auch Privatleute können ihre Gärten dort markieren.

Blüten im Westen, Äpfel im Norden

Beides ist in der Region passiert. Die Zahl „24“ zeigt die Karte für den Großraum Regensburg an. Zoomt der Interessierte näher heran, sind neben den Kirschen in dem Stadtteil im Süden und den Fundorten im Kasernenviertel etwa „Mirabellen in unserem Garten“ im Stadtosten, „Lindenblüten im Stadtpark“ im inneren Westen und „Apfelbäume vor der Kleingartenanlage“ im Norden verzeichnet. Manche Nutzer weisen in Kommentaren, etwa „die Hausverwaltung erlaubt es, habe nachgefragt“, darauf hin, dass sie keine Kirschen und Äpfel ins Netz stellen, die für andere tabu sind.

Auf www.mundraub.org sind Obst und Nüsse verzeichnet.Foto: Gruber

Die Berliner Macher des „Mundraub“-Projekts wollen die „Obstalleen und Obstwiesen wieder und weiter ins Bewusstsein der Menschen holen“, wie es auf der Internetseite heißt. Bei einer Paddeltour hatten die beiden Initiatoren im August 2009 entdeckt, wie viele Früchte öffentlicher Obstbäume ungenutzt bleiben – sie möchten, dass die Menschen diese „vergessenen Obstschätze“ wieder entdecken.

Mit den „Mundräuber-Regeln“ will das derzeit achtköpfige Team des vom Forschungsministerium geförderten Projekts sicherstellen, dass weder privates Obst gestohlen, noch der Umwelt geschadet wird. „Stellt vor dem Eintragen beziehungsweise Ernten sicher, dass keine Eigentumsrechte verletzt werden“, heißt die erste Regel, „Geht behutsam mit den Bäumen, der umgebenden Natur und den dort lebenden Tieren um“, die zweite.

Dass dies keine Selbstverständlichkeiten sind, hat der Leiter des Regensburger Gartenamts, Hans Dietrich Krätschell, bereits festgestellt. Einmal radelte er die Ostpreußenallee im Stadtnorden entlang, als ihm eine Gruppe Erwachsener, „vielleicht Mitte 30“, auffiel: „Ich habe beobachtet, dass die die grünen Quitten runtergerissen haben.“ Darauf angesprochen, warum sie die unreifen Früchte ernten, hätten sie geantwortet: „Wenn wir es nicht ernten, dann tun es morgen andere.“

Dr. Hans-Joachim Hoffmann, Vorsitzender des Stadtverbands für Gartenkultur und Landespflege, zeigt Belege für rustikale Erntemethoden. Foto: Ried

Das Gartenamt hat in den vergangenen Jahren einige Obstwiesen angelegt, 13 Anlagen an den Stadträndern zeigt eine Karte. Sie sind ökologisch wertvoll. Auch den Trend, „dass das Kochen von Marmeladen und das Verwerten von Obst wieder modern ist“, nennt Krätschell als Grund für die Entscheidung für Obstbäume.

Der Kirschenhain am Burgweintinger Ortsrand ist eine dieser Anpflanzungen. Heuer hat jemand dort jedoch recht unsanft geerntet. Zweige mit braunen Blättern an den Bäumen, dazwischen auf dem Boden abgebrochene Äste zeigte Dr. Hans-Joachim Hoffmann, Vorsitzender des Stadtverbands für Gartenkultur und Landespflege, der MZ als Belege für rustikale Erntemethoden: „Da werden Äste heruntergerissen, da wird mit Stecken heftig in den Baum geschlagen“, beklagte er. Ein solches Abernten könne dem Baum so schaden, dass ihn auch ein fachgerechter Schnitt nicht mehr gesund machen kann, mahnte er.

Nur selten rechtliche Probleme

Dass die Nutzer Eigentumsrechte verletzen, verursacht dagegen nach Angaben der Berliner Initiatoren nur selten Probleme. „Wir hatten nur wenige Fälle, in denen jemand gesagt hätte, ,hier ist mein Baum‘ oder ,hier ist ein Naturschutzgebiet‘ “, sagte Eike Baur gestern der MZ. Bei weniger als einem halben Prozent der Fundorte habe jemand darauf hingewiesen, dass hier nicht geerntet werden darf.

Stadtgärtner Krätschell, der die Idee, dass nichts verkommt, „grundsätzlich gut“ findet, sieht ein anderes Problem. „Wenn jemand nur zum Ernten kommt, übernimmt er nur einen Teil im Zyklus. In der Regel ist es ja so, dass man etwas dafür tun muss, wenn man ernten will.“ Ein Obstbaum wolle geschnitten, wolle gepflegt werden – wer im öffentlichen Raum zugreift, ernte in der Regel nur die Früchte.

Der Idee der Berliner entspricht das nicht: „Teilt die Früchte eurer Entdeckungen und gebt etwas zurück“ und „engagiert euch bei der Pflege und Nachpflanzung von Obstbäumen“ lauten zwei „Mundräuber-Regeln“. In der weit von der Hauptstadt entfernten Domstadt hätten sie noch kein entsprechendes Projekt, räumt Baur ein. Das kann sich schnell ändern: Krätschell ist für Ideen von Gruppen offen, die sich mit Engagement und Sachverstand dem Obstbau widmen wollen.

Wann Ernten erlaubt ist

  • „Mundraub“ kommt im Strafgesetzbuch nicht mehr vor. Der Paragraf 248a beschäftigt sich jedoch mit „Diebstahl und Unterschlagung geringwertiger Sachen“. Das wird „nur auf Antrag“ verfolgt, es sei denn, „besonderes öffentliches Interesse ist gegeben“.

  • Die Praxis:

    „Wenn es nach Eigenbedarf aussieht, wird die Kommune niemals einen Antrag stellen“, sagt Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra. Ernten auf städtischem Grund sei nur dann nicht in Ordnung, wenn sich jemand „in großem Stil“ bedient.

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