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Regensburg
Freitag, 30. September 2016 24° 1

Petition

EU will Homöopathie für Tiere ausbremsen

Eine Verordnung zur Reduzierung von Antibiotika trifft primär die Naturheilkunde. Auch für Haustiere gäbe es Einschränkungen.
Von Heinz Klein, MZ

Mit Homöopathie lassen sich die Tierbestände widerstandsfähiger machen, sagen viele Tierhalter. Foto: dpa-Archiv

Regensburg.Wenn die Bäuerin Erna Rieder frühmorgens in ihren Stall kommt und den Blick über ihre 200 Rinder schweifen lässt, erkennt sie schnell, wenn einer ihrer Schützlinge kränkelt. Das Ohrenspiel, der Glanz der Augen, eine rinnende Schnauze, die Art der Bewegung, die Häufigkeit des Wiederkäuens, all das sind Zeichen, die erzählen, ob eine „Krankmeldung“ vorliegt. „Wenn eine Kuh krank ist, siehst du das sofort“, sagt die Bäuerin. Dann greift sie zuallererst zur Homöopathie.

Blick in einen Schrank auf Fläschchen mit homöopathischen Präparaten in der Praxis einer Heilpraktikerin. Die Mittel aus der Humanmedizin müssten für jede einzelne Tierart zugelassen werden. Foto: dpa-Archiv

Rund 120 Homöopathika hat Erna Rieder in ihrem Arzneischränkchen, arbeitet mit Arnika bei Verstauchungen, Belladonna bei Entzündungen, Arconitum bei Stress und vielen Substanzen, die auch zweibeinige Patienten in der Apotheke bekommen. Die Bäuerin ist damit seit 15 Jahren erfolgreich und muss den Tierarzt nur rufen, wenn sie mit Homöopathie nicht mehr weiterkommt. Das spart etwa die Hälfte der Tierarztkosten und vermeidet oftmals den Einsatz von Antibiotika. Doch wenn eine Kontrolle am Hof ansteht, räumt Erna Rieder lieber ihr Arzneikistchen zur Seite. Homöopathie in der Tierhaltung bleibt ein Schattenbereich. Und deshalb hat die Bäuerin aus dem Landkreis darum gebeten, ihren wirklichen Namen nicht zu nennen.

Homöopathie nur noch auf Rezept?

Keine Globuli mehr für Haustiere? Der Einsatz von Homöopathie würde auch bei Haustieren eingeschränkt, sagt Apothekerin Dr. Julie Dr. Christoffel. Foto: dpa-Archiv

Um die Homöopathie soll es in der Tierhaltung demnächst noch „schattiger“ werden. Die EU-Kommission hat die Verordnung KOM 558 vorgelegt, die das bisher geltende Recht für Tierarzneimittel ablösen soll. Ziel soll es sein, die Anwendung von Antibiotika zu reduzieren. Doch mit der Verordnung sollen auch die Alternativen der Naturheilkunde zusätzlich bürokratisiert und deren Anwendung stark eingeschränkt werden. Bisher bekommen Landwirte Homöopathika ganz einfach aus der Apotheke. Die meisten Präparate sind für den Einsatz am Menschen, nicht aber zusätzlich für die Verabreichung an Tieren zugelassen.

Nach der neuen Verordnung sollen dann ausschließlich Präparate, die ausdrücklich für den Einsatz in der Tiermedizin zugelassen sind, verabreicht werden dürfen und das auch nur auf Verschreibung des Tierarztes. Damit würde die Auswahl der homöopathischen Präparate erheblich vermindern oder aber sich der Preis verteuern, weil die Hersteller erst ein Zulassungsverfahren absolvieren müssten. Apothekerin Dr. Julie Christoffel aus der Brahms Apotheke, bei der viele Landwirte Homöopathika holen, verdeutlicht die Folgen: Weil jedes homöopathische Mittel jeweils für jede einzelne Tierart zugelassen werden müsste, wird es diese Zulassungen gar nicht oder jedenfalls nicht für alle Tierarten geben. Was eine schwangere oder stillende Frau als schonendste Behandlungsform einnehmen darf, darf einer Kuh oder einem Pferd nicht verabreicht werden. Und übrigens zumeist auch Hund, Katze oder Hamster nicht, denn die Verordnung soll ja auch für Haustiere gelten. Dr. Christoffel sieht dies bereits als Vorbote, dass in einigen Jahren auch die Verabreichung von Homöopathika beim Menschen zunehmend erschwert werden könnte.

Kommentar

Von Wirkung und Nebenwirkung

Bekanntlich kann ein Schuss auch nach hinten losgehen. Das würde bei der EU-Verordnung KOM 558 ein rückwärtiger Volltreffer werden. Um den Einsatz von...

Bereits jetzt müssen nicht für Tiere zugelassene Naturheilmittel eigentlich erst vom Tierarzt umgewidmet werden, ehe sie einem Tier verabreicht werden dürfen, erläutert Dr. Reinhold Schoierer, Leiter des Veterinäramts am Landratsamt, die bereits geltende Praxis. Diese Umwidmung müsste bei jedem Tier neu beantragt werden. Zwar arbeiten inzwischen auch einige niedergelassene Tierärzte mit Homöophatie, doch Bestandteil ihrer Ausbildung ist die Naturheilkunde weiterhin nicht.

„Es muss ein Nebeneinander von Schulmedizin und Homöopathie geben.“

Helene Faltermeier-Huber, Amt für Landwirtschaft und Forsten

Dagegen haben sich vornehmlich die Bäuerinnen in der Homöopathie längst schlau gemacht. Nicht alle Landwirtschaftsämter bieten ausführliche Schulungen für die Landwirte an, aber das Regensburger Amt tut das seit langem. „Es muss ein Nebeneinander von Schulmedizin und Homöopathie geben“, sagt Helene Faltermeier-Huber vom Regensburger Amt für Landwirtschaft und Forsten. Die Schulungen sind durchaus anspruchsvoll: ein zweitägiger Grundkurs und dann weitere vertiefende Schwerpunkte je nach Tierart. Was Helene Faltermeier-Huber besonders freut: Wer mit Homöopathie arbeitet, muss seine Tiere gut kennen: „Das verlangt intensive Tierbeobachtung.“ Und das ist gut so. Es seien übrigens vor allem konventionelle Landwirte, die in die Homöopathie einsteigen. Vielleicht ein Viertel der Viehhalter arbeite bereits mit mehr oder weniger naturheilkundlichen Methoden.

Online-Petition läuft noch acht Tage

Kälber werden oftmals ab ihrer Geburt mit naturheilkundlichem Mitteln für Krankheiten geschützt. Foto: dpa-Archiv

Vor allem in der Prävention sieht eine weitere Bäuerin, mit der die MZ sprach, einen großen Vorteil. Das gehe schon bei der Geburt los. Mit Homöopathie lasse sich der Geburtsweg weiten, mit Naturheilkunde könne das Neugeborene zum Abhusten gebracht werden, um in die Lunge gelangtes Fruchtwasser los zu werden, das ansonsten innerhalb von Tagen zur Lungenentzündung führen würde. Auch der Durchfall, den Kälber meist nach etwa zwei Wochen bekommen, lasse sich mit Naturheilmittel vermeiden oder lindern. Die Gesundheit im Stall sei meist Sache der Bäuerinnen, die Fortbildungen laufen jetzt im Winter, wenn mehr Zeit ist. Die Termine würden oftmals nur per Telefon oder E-Mail von Bäuerin zu Bäuerin weitergegeben. Homöopathie im Stall sei eben ein Graubereich.

„Auch bei uns bekommen die Tiere homöopathische Mittel, um einen Schutzwall gegen Krankheiten zu errichten.“

BBV-Kreisobmann Johann Mayer

Darum fragte unsere Zeitung gleich noch beim Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands an, der den Entwurf bedauert: „Man nimmt den Landwirten wieder ein Instrument aus der Hand.“, sagt Johann Mayer. „Auch bei uns bekommen die Tiere homöopathische Mittel, um einen Schutzwall gegen Krankheiten zu errichten“, versicherte der Kallmünzer Landwirt. Wenn die Krankheit diesen Wall überwinden kann, dann allerdings vertraut Mayer auf den Tierarzt, die Schulmedizin und deren Medikamente. „Aber auch ich nehme Globuli“, gestand der BBV-Frontmann. Und die Petition gegen die EU-Verordnung Kom 558 will er auch unterzeichnen.

Die Zeichnungsfrist läuft noch bis 24. Februar. Mit dem Stand von 15. Februar wurden 26 713 Unterzeichner gezählt. Sie fordern den Deutschen Bundestag auf, er möge beschließen, dass die Vertreter Deutschlands in der EU der Verordnung KOM 558 in der vorliegenden Form nicht zustimmen. Ziel des Quorums sind 50 000 Unterschriften. Wer lieber auf Papier unterzeichnen will, kann dies in der Brahms Apotheke in der Hermann-Geib-Straße 67 in Regensburg tun. Dort liegen Unterschriftenlisten auf.

Die Online Petition an den Deutschen Bundestag kann hier unterzeichnet werden.

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