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Regensburg
Samstag, 24. Juni 2017 30° 2

Gesellschaft

Flucht vor Männerfäusten: Das Frauenhaus

Die Zufluchtsstätten sind hoffnungslos überfüllt, obwohl nur ein kleiner Teil der Gewaltopfer wirklich flieht.
Von Heinz Klein

  • Foto: Dan Race-Fotolia

Regensburg.Wieder Beschimpfungen, wieder Verdächtigungen, wieder Verbote und dann auch noch Schläge: Das erleben in Bayern mindestens 90 000 Frauen jedes Jahr aufs Neue. Manche Frauen ertragen das jahrelang, manche – und es werden mehr – sind resoluter und sagen „nicht mit mir“. Wenn Frauen die Reißleine ziehen, weil die Beziehung zum Drama und der Ehemann zum Tyrann, zum Kontrollfreak, Vergewaltiger oder zum Schläger geworden ist, dann ergeben sich verschiedene Szenarien. Das Spektakulärste beginnt mit Blaulichtgeflacker nachts vor der Tür. Die Polizei ist da, weil vielleicht ein Nachbar das Gebrüll nicht mehr ertrug oder einen Hilfeschrei hörte und zum Telefon griff.

Manchmal kommt der Platzverweis

Die Streifenbeamten unterziehen den rabiaten Ehemann an Ort und Stelle einer geharnischten Standpauke. „Gefährderansprache“ heißt das im Amtsdeutsch und es soll klarmachen: Mit der Anwendung von Gewalt ist eine absolut nicht mehr tolerierbare Grenze überschritten, aus dem „Familienkrach“ ist eine Straftat geworden. Vielleicht bekommt der Mann einen Platzverweis und muss auf der Stelle die Wohnung verlassen. Wohin geht ein Mann, der seine Frau verprügelt hat und nachts von der Polizei aus der Wohnung gewiesen wird? Meistens zu seiner Mutter, lehrt die Erfahrung. „Hoffentlich bekommt er dort einen Anschiss und nicht einen Schweinebraten“, sagen Inge Heindl und Maria Simon, zwei Sozialpädagoginnen, die seit vielen Jahren im Autonomen Frauenhaus Regensburg arbeiten.

Das weniger spektakuläre Szenario: Frauen holen sich professionelle Hilfe – das tun allerdings nicht einmal 20 Prozent der betroffenen Frauen –, lassen sich bei Beratungsstellen informieren, wägen Möglichkeiten ab oder beschließen, zu gehen: zu Freunden, selten ins Hotel, oft ins Frauenhaus. 20000 Frauen mit fast ebenso vielen Kindern tun das jährlich in Deutschland und weitere 20000 landen auf Wartelisten, denn die Frauenhäuser sind randvoll. Auch das Autonome Frauenhaus in Regensburg ist seit Jahren überbelegt – im vergangenen Jahr zu 104 Prozent. 47 Frauen und 47 Kinder wohnten 2015 im Autonomen Frauenhaus, erzählen Inge Heindl und Maria Simon. Beide sind auch in der Beratungsstelle des Frauenhauses tätig. Die Einrichtung ist zuständig für die Stadt und den Landkreis Regensburg sowie die Landkreise Cham, Neumarkt und Kelheim. Das Regensburger Haus nimmt auch Frauen aus anderen Regionen oder Bundesländern auf, wenn diese akut gefährdet sind und eine große Distanz zu dem Mann geboten scheint. Andererseits werden auch Frauen aus der Oberpfalz bei akuter Gefährdung in weiter entfernte Frauenhäuser vermittelt.

Von Luxus keine Spur

Und wie lebt es sich in einem Frauenhaus? Von Luxus keine Spur, versichern die beiden Sozialpädagoginnen. Im Autonomen Regensburger Frauenhaus gibt es zehn Plätze für Frauen und zehn Plätze für Kinder, aber nahezu immer bringen zehn Frauen mehr als zehn Kinder mit. So ist es ganz normal, dass in einem Zimmer von 18 bis 20 Quadratmeter Größe eine Frau mit zwei Kindern lebt – im Schnitt drei bis sechs Monate, oft auch länger. Drei oder vier Monate Aufenthalt würden für die Frauen eigentlich reichen, um zu klären, wie es weitergeht in ihrem Leben, sagt Inge Heindl.

Fast die Hälfte der Frauen will vom Frauenhaus aus ein neues Leben in einer eigenen Wohnung beginnen und genau das ist in der Boomtown Regensburg mit Wohnungsnot und teuren Mieten das Problem. Die Frauen sind mit ihren Kindern fast immer auf Sozialen Wohnungsbau angewiesen. Doch solch eine Wohnung zu finden ist schwierig und langwierig. 15 Bewohnerinnen des Frauenhauses kamen im vergangenen Jahr bei der Stadtbau unter, doch der Bedarf wäre mindestens doppelt so hoch. So zieht sich die Wohnungssuche in Regensburg über Monate hin und das Frauenhaus kann keine akuten Fälle aufnehmen. Die Wartezeit auf einen Platz beträgt derzeit rund sieben Monate.

Daneben leistet das Frauenhaus-Team (3,5 Planstellen) aber auch intensive Beratungsarbeit. Die „ambulante“ Hilfe umfasst jährlich etwa 450 Beratungen telefonischer oder auch persönlicher Art. Dazu kommt eine halbe Planstelle für „pro-aktive Beratung“. „Dann gehen wir auf Frauen in einer akuten Notlage zu“, erzählt Inge Heindl. Es sei für die Frauen leichter, angesprochen zu werden, als selbst um Hilfe zu bitten und dabei vielleicht Scham empfinden zu müssen. Der Tipp kommt dann meist von der Polizei, wenn Beamte zu einem Fall von häuslicher Gewalt gerufen wurden und die betroffene Frau einverstanden ist, dass die Info an das Frauenhaus weitergegeben wird.

Kinder fühlen sich wohl

Das Regensburger Frauenhaus hat drei Stockwerke. In jedem teilen sich drei bis vier Frauen mit den jeweiligen Kindern eine Wohnküche und ein Bad. Wohnen im Frauenhaus ist ein bisschen Abenteuer, es ist wie das Leben in einer großen Wohngemeinschaft, in der die Mitglieder allerdings nicht so ganz aus freien Stücken, sondern aus der Not eingezogen sind. Die Frauen organisieren ihren Alltag selbst, gehen arbeiten, wenn sie berufstätig sind. Die Kinder gehen in die Schule oder in den Kindergarten. Man hilft sich gegenseitig, kocht für andere mit oder passt auch auf andere Kinder auf. Es treffen verschiedene Kulturen aufeinander, verschiedene Wertvorstellungen, auch verschiedene Vorstellungen von Sauberkeit oder Kindererziehung. Wenn ein Putzteufel sich Küche und Bad mit einem etwas schlampigen Gegenüber teilen muss, wird es Probleme geben. Aber es gehört ja auch zum Programm des sozialen Lernens, mit Problemen umzugehen und sie konstruktiv zu lösen.

„Im Frauenhaus entstehen tiefe Freundschaften, aber auch tiefe Feindschaften“, kann Inge Heindl aus der Erfahrung von 30 Berufsjahren berichten. Bei den Kindern ist das alles meist viel unproblematischer. Man hat immer Spielkameraden und es ist immer was los. Kinder fühlen sich hier eigentlich immer wohl. „Die finden das Frauenhaus klasse“, weiß Maria Simon. In Einzelgesprächen können auch die Kinder mit den Mitarbeiterinnen über ihre meist bedrückenden Erfahrungen und Erlebnisse reden. Es gibt viele Spiele und die Möglichkeit des therapeutischen Reitens auf einem Reiterhof, allerdings kein Spielzimmer mehr. Das wurde aufgrund der Platznot in ein Notfallzimmer für akute Fälle umgewandelt. Wenn Jungs langsam junge Männer werden, endet ihr Aufenthalt im Frauenhaus. Ab der Pubertät gilt: Jungs werden in einer Wohngruppe des Jugendamts betreut.

Monopoly und Frust über Männer

Einmal pro Woche ist Kinderversammlung und einmal wöchentlich auch eine Hausversammlung. Es wird viel gespielt, am liebsten Monopoly. Und es werden natürlich viele Erfahrungen ausgetauscht. „Na klar wird über Männer geschimpft“, lacht Inge Heindl, aber nicht immer: „Viele Frauen verteidigen ihre Männer auch, es sind ja immerhin die Väter ihrer Kinder.“ Für manche junge Frau, die noch nie alleine gelebt hat, gilt es nun, ihr Leben erstmals selbst zu organisieren. Wenn Frauen ein eigenes Einkommen haben, zahlen sie im Frauenhaus Miete, ansonsten zahlt die Miete das Jobcenter: 7,68 Euro am Tag. Für die Unterbringung von Asylbewerbern bezahlt der Staat mehr als das Doppelte. Im Frauenhaus ist die aktuelle Flüchtlingswelle aber noch nicht angekommen. Allerdings lebten dort im vergangenen Jahr bereits 29 Migrantinnen aus insgesamt 18 verschiedenen Nationen.

Geld ist im Frauenhaus immer knapp. Den Großteil des Etats zahlen die Kommunen, 30000 Euro schießt der Freistaat beim Regensburger Frauenhaus zu, das einen Jahresetat von etwa 300000 Euro hat. 15000 Euro muss das Frauenhaus an Eigenmitteln aufbringen. Für die Arbeit mit den Kindern gibt es beispielsweise keinerlei Unterstützung, bedauert Maria Simon. Für einige Jahre flossen Stiftungsgelder. Dem Regensburger Haus gehe es verhältnismäßig gut, sagen die beiden Sozialpädagoginnen. Die finanzielle Lage der Häuser sei allerdings sehr unterschiedlich, ebenso wie das finanzielle Engagement der Kommunen. Manche weigern sich beispielsweise, die Kosten für auswärtige Frauen zu übernehmen. In Regensburg ist das nicht so.

Ein neues Leben beginnen

Um 35 Prozent müssten die Kapazitäten der Frauenhäuser in Bayern schrittweise aufgestockt werden, um den Bedürfnissen verzweifelter Frauen und Kinder gerecht zu werden, sagt Inge Heindl. Zudem bräuchte es allein in Regensburg ein Kontingent von jährlich etwa 30 Sozialwohnungen, in die Frauen mit ihren Kindern ziehen könnten, um dort ein neues Leben zu beginnen. Auch die Kapazitäten für die Beratung seien zu gering bemessen. Es fehlen zudem zeitnahe Therapiemöglichkeiten für traumatisierte Frauen und Kinder. Und es gibt derzeit in ganz Bayern nur eine einzige barrierefreie Unterbringungsmöglichkeit. Drückt man das Problem der Gewalt gegenüber Frauen in Zahlen aus, sind diese laut einer Studie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg von 2014 erschütternd. So wird davon ausgegangen, dass in Bayern 22 Prozent der in einer aktuellen oder früheren Partnerschaft lebenden Frauen Opfer sexueller/körperlicher Gewalt wurden: Das betrifft 1044393 Frauen. Der Anteil der Frauen, die psychische Gewalt erleben mussten, beträgt laut einer Hochrechnung 50 Prozent (2373620 Frauen).

Gewalt nimmt in Paarbeziehungen im Laufe der Jahre leider zu, wissen die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses. Und je länger die Gewaltbeziehung dauert, umso mehr verselbstständigt sich diese Art eines brutalen Miteinanders. Dabei kann es bis zum Schlimmsten kommen. Im vergangenen Jahr starben in der Oberpfalz zwei Frauen durch Gewaltanwendung ihrer Partner. Das Spektrum von blanker Gewalt oder diffizilem Psychoterror ist breit. Oft werden Frauen komplett von ihrem Umfeld isoliert: Freundschaften werden verboten, Kontakte eingeschränkt. Die Frauen haben kein eigenes Geld, Einkäufe erledigen dann die Männer, deren Eifersucht grenzenlos sein kann und auch vor dem Verkäufer im Supermarkt nicht haltmacht, nur weil der einmal gelächelt hat. Tobende Männer stoßen Morddrohungen aus oder drohen mit dem eigenen Suizid.

„Ich zerstöre dein Leben!“

Psychische Gewalt kann über Jahre gehen und mutet an wie im Psychokrimi. Eine Frau, die vor acht Jahren von ihrem Mann beinahe erwürgt worden wäre, musste wieder zittern, weil ihr der Ex-Mann ankündigte: „Ich zerstöre dein Leben!“ Als er sich um einen Job in der Firma bewarb, in der die Frau arbeitete, ging alles wieder von vorne los. In solchen Situationen sehen Betroffene oftmals jede kleine Ungewöhnlichkeit als Bedrohung, die sie in Todesangst versetzen kann und fragen sich selbst, ob sie schon unter Verfolgungswahn leiden. Meist gebe es keinen Zeugen der Bedrohung. Einschüchterungen und Drohungen seien vor Gericht oft nur schwer zu belegen. Eingeschüchterte Frauen könnten vor dem Richter oftmals lange nicht so souverän agieren, wie es die Männer tun, berichten die Sozialpädagoginnen aus dem Autonomen Frauenhaus.

Auch eine von ihnen musste mit solchem Terror bereits persönliche Bekanntschaft machen und wurde Ziel von Morddrohungen. Der Partner einer Frauenhaus-Bewohnerin drohte der Mitarbeiterin, deren Kinder umzubringen und schockte sie mit Mitteilungen, dass er soeben seine eigene Frau getötet habe. Was kann man in so einer Situation tun? „Nerven bewahren“, lächelt die Mitarbeiterin.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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