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Regensburg
Freitag, 15. Dezember 2017 3

MZ-Serie

Fußgänger erobern die Altstadt

Die große Schlagzeilen Ostbayerns: 1972 verbannt Regensburg den Autoverkehr aus Teilen der Altstadt, die ersten hundert Meter Fußgängerzone entstehen.
Von Dagmar Unrecht, MZ

  • Johann Lehrer war 30 Jahre lang Verkehrsplaner in Regensburg. Er kann sich noch gut an parkende Autos auf dem Haidplatz erinnern. Foto: Schönberger
  • An der Fußgängerzone schieden sich anfangs die Geister. Foto: Unrecht

Regensburg.Bummeln durch die Regensburger Innenstadt (fast) ohne von einem Auto zur Seite gescheucht zu werden. Gemütliches Sitzen auf dem Haidplatz und am Kohlenmarkt - bis dahin war es ein langer Weg. Die Einrichtung einer Fußgängerzone in Regensburg war von heftigen „Geburtswehen“ begleitet, wie am 29. Mai 1972 in der Mittelbayerischen Zeitung zu lesen war. Drei Wochen zuvor war der Autoverkehr aus der Königsstraße verbannt worden. Damit konnten die Regensburger endlich ein Stück durch ihre Altstadt flanieren. Die Fußgängerzone reichte damals vom Neupfarrplatz über die Weiße-Lilien-Straße bis zur Königs- und Maximilianstraße und war einige hundert Meter lang.

„Das war nicht einfach“, erzählt Johann Lehrer, „es gab massive Widerstände“. 30 Jahre lang, von 1970 bis 2000, hat er als Leiter der Abteilung Verkehrsplanung die Entwicklung der Regensburger Innenstadt begleitet. Der 75-Jährige steht am Brunnen am Haidplatz und hält ein altes Foto in der Hand: „Auf dem Haidplatz waren etwa 70 Parkplätze“, erinnert er sich. Erst Anfang der 1980er Jahre, mit dem Bau der Tiefgarage am Bismarckplatz, wird der Verkehr von den historisch bedeutenden Plätzen der Altstadt weitgehend verbannt. Bis dahin wälzen sich täglich fast 8000 Autos über den Kohlenmarkt, Rathaus- und Haidplatz in Richtung Arnulfsplatz.

Handfeste Überraschung

Schon der Entschluss, mit der Sperrung der Königsstraße eine Fußgängerzone in der Stadt zu etablieren, sorgt im Mai 1972 für eine handfeste Überraschung. Zwischen dem einstimmigen Stadtratsbeschluss und seiner Umsetzung liegt nur eine Woche. Am Mittwoch, es ist der 10. Mai 1972 um 12.20 Uhr, fällt der Startschuss. Der damalige Bürgermeister Hans Weber erklärt die Königsstraße für „fußläufig“ und stellt schon damals in Aussicht, dass sie einmal „sogar bis zum Arnulfsplatz“ reichen könnte. Weil im Vorfeld alles so schnell geht, fehlt „die Möblierung“, also Bänke und Blumenkübel, zum Start noch. Bis zum Nachmittag stehen nur unbepflanzte Betonkübel in der neuen Fußgängerzone. Dabei will die Stadt „eine gute Stube im Freien schaffen“, verspricht Weber. Unter Hochdruck werden Parkuhren abmontiert, Zebrastreifen aufgespritzt und neue Schilder aufgestellt, ein „City-Gefühl“ soll entstehen.

Die Reaktionen fallen gemischt aus. Fußgänger trauen sich zunächst gar nicht so recht auf die Straße. Anlieger befürworten das Projekt zwar, kritisieren aber das „Ruck-Zuck-Verfahren“. Autofahrer ärgern sich über den Stau, auch die Umleitungen sind verstopft. „Aber nach gut einer Woche gab es keine wesentlichen Probleme mehr, die Autofahrer haben die neue Regelung schnell akzeptiert“, erinnert sich Lehrer. Zuvor waren mehr als 6000 Autos täglich durch die Königstraße gerollt. Bei der Einführung der Fußgängerzone spielt auch der Neubau des „Horten“-Kaufhaus am Neupfarrplatz eine entscheidende Rolle, denn im Zuge dessen war das Parkhaus aus Dachauplatz gebaut worden. Das Argument, durch die Fußgängerzone würden dringend benötigte Parkplätze wegfallen, verliert so an Gewicht.

Die Überzeugung, eine Stadt müsse „autogerecht“ sein und den Bedürfnissen der Autofahrer dienen, ist damals noch tief verankert. Erst in den 1970 Jahren setzt ein Umdenken ein, denn immer mehr Fahrzeug wälzen sich durch die Regensburger Gassen. Die Stimmen, die den Schutz der Altstadt fordern und den Wert einer Innenstadt ohne Autoverkehr betonen, werden lauter. „Bürgerinitiativen wie das Forum Regensburg und die Altstadtfreunde haben die Entwicklung beschleunigt“, ist Verkehrsplaner Lehrer überzeugt. Er habe damals viel dazugelernt. Als Straßen- und Brückenbauer sei er als „Technokrat“ und „Betonierer“ von der Uni gekommen, erzählt er schmunzelnd. Die Verkehrsplanung in der Altstadt wird seine Passion. Mitte der 1970er Jahre steigt er selbst vom Auto aufs Rad um und gibt seinen Stadtbediensteten-Stellplatz im Parkhaus am Dachauplatz auf: „Wie hätte ich sonst glaubwürdig für eine verkehrsberuhigte Innenstadt eintreten können.“ Zwanzig Jahre lang radelt er von Lappersdorf nach Regensburg.

Das erste Bürgerfest

1973 findet unter dem Motto „Altstadt macht Spaß“ das erste Bürgerfest statt und macht den Regensburgern die Altstadt weiter schmackhaft. Noch immer donnern im Alltag Autos und Busse über die schönen Plätze. Erst Mitte der 1980er Jahre wird die Fußgängerzone ausgeweitet. Unter anderem kommen Teile der Fröhlichen Türkenstraße dazu, die Obere Bachgasse und vor allem der Kohlenmarkt, Rathaus- und Haidplatz. Geschäftsleute protestieren, aber die Spaziergänger erobern weiteres Terrain. Die Gesandtenstraße wird Anfang der 1990er Jahre verkehrsberuhigt, 1997 wird die Steinerne Brücke für Autos gesperrt. Damit entspannt sich auch die Situation im Bereich Kepler- und Thundorferstraße. Verkehrsplaner Lehrer denkt aber schon weiter: „Es wäre wünschenswert, über eine Verkehrsberuhigung auf dieser Achse zu diskutieren.“

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