mz_logo

Regensburg
Dienstag, 23. Mai 2017 25° 3

Musik

„Heimatliebe“ aus der Tuba

In Regensburg gibt es ein neues Festival, das die Heimat feiert – und die bairische Mundart. Aber woher kommt diese Liebe?
Von Anna-Maria Ascherl, MZ

  • Sie sind einer der Headliner des „Heimatliebe“-Festivals: die zehnköpfige Brass-Band Moop Mama aus München Foto: Eric Anders
  • Die Wilden aus dem Chiemgau: Django 3000. Ihr Folk-Pop-Gypsy-Mundart-Mix kommt nicht nur in der bayerischen Heimat an. Foto: Sturm-by-Mediaunlimited

Regensburg.Wer kennt sie nicht, die Heidi: „Somma is wenn’d Heidi kimmt und de Leid zum danzn bringt“ singen Django 3000 seit nunmehr sechs Jahren. Erst nur auf YouTube, dann auf der großen Bühne. Im Juli kommen die vier Wilden aus dem Chiemgau nach Ostbayern.

Genauer gesagt nach Schloss Pürkelgut in Regensburg. Sie sind neben Moop Mama – einer Brass-Band aus München – und den Schürzenjägern die Headliner für das „Heimatliebe“-Festival. Der Veranstalter Peter Kittel verspricht „Top-Acts“ aus Bayern und Österreich. Das Besondere: Die meisten Künstler setzen auf Mundart.

Das kommt an, vor allem bei der Jugend. Sei es aufgedruckt auf T-Shirts und Caps, wie zwei Studenten aus dem Bayerwald mit ihrem Label „Vogel.Wuid“ beweisen – oder gesungen bzw. gerappt: Dialekt ist wieder in. LaBrassBanda, Django 3000, die Niederbayern Dicht & Ergreifend oder die Regensburger Rapper Liquid und Maniac – an der bairischen Mundart kommt man in der Musikszene nicht mehr vorbei.

Mundart transportiert Emotionen

Warum funktionieren Musik und Dialekt scheinbar so gut zusammen? Prof. Dr. Rupert Hochholzer, Sprachwissenschaftler an der Uni Regensburg, hat dafür eine Erklärung. „Dialekt ist bei sehr vielen Menschen nach wie vor die erste Sprache, die sie erwerben. Die Mundart ist damit eine Sprache der Nähe, der Emotion.“ Das habe auch ganz viel mit Identität zu tun.

Komme dann noch die Musik dazu, eine Sprache, die ebenfalls Gefühle transportiert, entsteht eine Verbindung, die den Menschen nahe geht. Auch, weil die Mundart eine Art Familiensprache ist, die implizit an die Kindheit erinnert. „Das erklärt für mich den Erfolg dieser Musikrichtung“, sagt Hochholzer, der zusammen mit Prof. Dr. Hermann Scheuringer das Regensburger Dialekt-Forum leitet.

Wichtige Infos für Besucher

  • Zeit und Ort

    „Heimatliebe – das Festival“ findet vom 7. bis 9. Juli 2017 vor den Toren Regensburgs auf Schloss Pürkelgut statt.

  • Programm

    Am Freitag spielen Stereowatschn, GSINDL und Django 3000. Sie sollen ein junges Publikum ansprechen. 25+ ist die Zielgruppe von Blechbixn, Pam Pam Ida, Blankweinek, Lenze & de Buam und Moop Mama am Samstag. Der Sonntag soll ein Familientag werden. Auf der Bühne stehen unter anderem die Schürzenjäger.

  • Tickets

    Tickets für die einzelnen Tage sind ab ca. 15 Euro zu haben, ein Dreitagesticket kostet etwa 40 Euro.

  • Informationen

    Weitere Infos zu den Bands und den Vorverkaufsstellen gibt es hier .

Aber wird den Jugendlichen von heute nicht nachgesagt, sie würden keinen Dialekt mehr sprechen? Hochholzer wiegelt ab: „Dialekt spielt zwar nicht bei allen, aber bei vielen Menschen immer noch eine wichtige Rolle.“ Von einem Aussterben des Dialekts will der Sprachwissenschaftler nichts wissen: „Solch pauschale Aussagen sind nicht haltbar.“

„Der Dialekt wirkt weniger gekünstelt. Das Wort springt sozusagen direkt vom Herz auf die Zunge.“

Bezirksheimatpfleger Dr. Tobias Appl

Dr. Tobias Appl kümmert sich um die Heimat, genauer um die Oberpfalz. Der Bezirksheimatpfleger stimmt dem Professor zu: Dialekt ist intim, eine Verbindung zur Familie. Zur Musik, die aus der Heimat kommt, noch dazu im eigenen Dialekt, finden Menschen leichter Zugang.

Denn: „Der Dialekt wirkt weniger gekünstelt. Das Wort springt sozusagen direkt vom Herz auf die Zunge.“ Appl begrüßt, dass die Mundart die unterschiedlichsten Musikstile erobert. „Die Künstler spielen mit der Tradition und der Sprache. Sie nehmen ihre Wurzeln ernst und spüren ihnen als Menschen des 21. Jahrhunderts nach. Das ist eine reizvolle Kombination.“

Bezirksheimatpfleger Dr. Tobias Appl Foto: Wanner

Dass Heimat wieder im Kommen ist, sieht man auch auf Instagram. Unter den Hashtags #dahoam, #woid, #woidliebe, #heimat – bzw. #hoamat – posten in dem sozialen Netzwerk vor allem junge Leute Bilder von idyllischen Naturlandschaften, Omas Rohrnudeln oder sich selbst in Dirndl oder Lederhose. Daneben stehen Aufnahmen aus den Metropolen Shanghai, New York oder Kapstadt. Dass diese Heimatliebe so offen zur Schau gestellt wird, ist neu. „Seit dem Sommermärchen 2006 bekennen sich die Menschen in Deutschland wieder offener zu ihrer Nation und zeigen das auch“, sagt Appl.

Die Globalisierung ist für den Bezirksheimatpfleger ein Grund für die Heimatliebe junger Menschen. „Wenn man mit der ganzen Welt vernetzt ist, in jeder Stadt das goldene M leuchtet und jede Studentenbude mit Ikea-Möbeln eingerichtet ist, sucht man einen Ort, an dem man dem Einheitsbrei entweichen kann.“

Die Heimat ist vertraut, sicher – und setzt sich damit vom Rest der Welt ab. Sie wird zum Sehnsuchts- oder Zufluchtsort. „Heimat ist da, wo ich mich nicht erklären muss“, präzisiert Appl. „Daheim brauche ich mich nicht zu verstellen – und kann auch so reden, wie ich will.“

Jana Markl ist die Ideengeberin für „Heimatliebe – das Festival“. Foto: Ascherl

Jana Markls Heimatbegriff ist davon gar nicht weit entfernt: „Heimat ist für mich der Ort, an den ich immer wieder gerne zurückkomme, wenn ich mal weg bin.“ Für die 26-Jährige ist das Regensburg. In ihrer Heimatstadt organisiert sie zusammen mit ihrer Kollegin Linda Blattner „Heimatliebe – das Festival“.

Die Frauen hören selbst gerne diese neue, bairische Musik. Da lag für die Mitarbeiterinnen des Veranstaltungsservice Peter Kittel die Idee nahe, selbst ein Festival auf die Beine zu stellen. Der Name war schnell gefunden. „Unsere Botschaft ist: Habt Spaß und steht zu eurem Dialekt“, erklärt Markl. „Heimatliebe“ drücke genau das aus.

Dazu gehört neben der Musik auch das richtige Ambiente. Auch die Besucher können dazu etwas beitragen: „Tracht ist ausdrücklich erwünscht!“ In Dirndl und Lederhose können bis zu 6000 Besucher pro Tag auf Schloss Pürkelgut feiern – mehr gibt die Location nicht her. Auf der Bühne werden ausschließlich Musiker aus Bayern stehen. Die Schürzenjäger sind die einzige Ausnahme: Die Nachfolger der Zillertaler Schürzenjäger reisen aus Österreich an.

Münchner Lebensfreude

Dass österreichische Musik in Bayern gut ankommt, liegt für Bezirksheimatpfleger Dr. Tobias Appl auf der Hand. „Bayern und Österreich gehören zu einem Kulturraum – in der Sprachwissenschaft zu einer Sprachregion, verbunden durch Bairisch.“ In der Außendarstellung werde viel dafür getan, die Vorstellung vom Alpenraum als Sehnsuchtsort aufrechtzuerhalten.

Dazu trägt auch die österreichische Musik bei. Ein Beispiel: Seiler und Speer. Ihr humorvolles Lied über eine Trennung lief in bayerischen Radiostationen rauf und runter. Das Video zu „Ham kummst“ wurde auf YouTube 23 Millionen Mal aufgerufen.

Zurück nach Regensburg. Dass Headliner Moop Mama auf Hochdeutsch rappt, war für Organisatorin Jana Markl kein Ausschlusskriterium. „Sie sind Münchner und transportieren die Lebensfreude, die wir mit unserem Festival verbreiten wollen – deshalb haben wir ein Auge zugedrückt.“ Ganz frei von bayerischen Einflüssen sind die zehn Musiker aus der Landeshauptstadt aber nicht: Mit der Anzahl ihrer Blechblasinstrumente macht die Brass-Band einer Blaskapelle Konkurrenz.

Aktuelles aus der Region und der Welt gibt es über WhatsApp direkt auf das Smartphone: www.mittelbayerische.de/whatsapp

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht