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Regensburg
Samstag, 22. Juli 2017 30° 2

Gastronomie

Heißeste News aus dem City-Café

Die Paulin-Passage in der Schwarzen-Bären Straße war die Nachrichtenbörse der Stadt – auch für Woche-Chef Jupp Titz.
Von Helmut Wanner, MZ

  • Geschäftsleute aus der Passage versammeln sich bei einem Glas Sulzfelder Maustal. Links: Die Cafetiers Christa und Hans GablmeierFoto: Gablmeier
  • Auf der Café-Terrasse in der Paulin-Passage (von rechts): Josef Titz, der Bäcker Schifferl und der Autohausbesitzer Werner Radlsbeck Foto: Gablmeier

Regensburg.Es gab in Regensburg eine Zeit, in der die kleinen und großen Nachrichten der Stadt nicht über die Timeline bei Facebook liefen, sondern ganz real in einem Café gehandelt wurden. Dessen Name war Programm: City-Café. „City wie Zentrum“, sagt Hans Gablmeier. Es lag wirklich in der Mitte der Stadt, einen Katzensprung vom Dom, von der Synagoge und von der Polizeidirektion entfernt – in einem Lichthof in der Paulin-Passage.

Der Cafetier betrieb das Konditorei-Café mit seiner Frau Christa, einer Prock-Tochter. Jakob Prock, der stadtbekannte Konditor vom Kohlenmarkt, hatte es 1970 für seine Tochter gekauft. Das Mobiliar war vom Feinsten. Der beste Schreiner der Stadt, Paulin, hatte es aus Kirschholz gefertigt. „Ein Polsterstuhl alleine kostete damals schon 800 Mark“, erinnert sich Gablmeier.

Die besten Köpfe der Stadt

180 Stühle hatte das Lokal, davon 80 weiße Plastikstühle draußen unter einem ausfahrbaren Dach, was im Gastronomiewesen eine Sensation darstellte. Drinnen nahmen die besten Köpfe der Stadt ihre privilegierten Plätze ein. Über die Sitz-Verteilung wachte Johanna, die Chefbedienung, mit Argusaugen: Die Kanoniker von St. Johann, zünftige Leute, als direkte Nachbarn, Staatsanwälte und Richter vom Landgerichtspräsidenten abwärts, der Leiter der Mordkommission vom Minoritenweg und andere Kriminaler, Hans Rosengold und Leo Herrmann von der Synagoge um die Ecke, Bankiers, Autohändler, Architekten und Ärzte, Jahn-Legenden wie Horst Eberl, Star-Anwälte wie Ernst Bäumel und Winkeladvokaten – und der Top-Journalist vom Haidplatz.

Josef Titz, Chefredakteur der Woche, war Stammgast der Stunde Null. „Er war jeden Tag im Café in der Paulin-Passage – außer am Sonntag“, erinnert sich Gablmeier. Sogar bei der Eröffnung im Januar 1970 war er dabei. Samstags trank er einen Müller-Thurgau (Sulzfelder Maustal), werktags trank er seinen Kaffee und rauchte seine Dunhills aus der breiten roten Packung. Er schürzte dabei die Lippen und schaute harmlos in die Runde.

Titz erzählt: „Damit es nicht auffiel, schrieb ich mir beim Gang hinunter auf die Toilette die Anregungen auf das Zigarettenpapier und verteilte hernach die Themen an meine Spezialisten. Viele Storys habe ich so aus dem City-Café geholt.“ Die waren am Donnerstag Aufmacher in der „Woche“.

Das Dunhill-Zigarettenpapier war golden und vierfach gefaltet. Hunderte dieser Schachteln hat er beim Götz am Neupfarrplatz oder bei Wolsdorff am Eck zur Maxstraße gekauft. Ein ganzes Zigarettenpapier widmete er in den 80er Jahren dem Cafetier. Der hütet es nun in seinem Ruhesitz in der Karthauserstraße wie einen Schatz aus längst vergangenen Tagen: „Wegen seiner Verdienste um den Samstagsstammtisch wird der Cafetier und Schaumrollendreher (sic!) und Realitätenbesitzer Hans Gablmeier zum Ehrenmitglied auf Widerruf einstimmig ernannt. Möglichst viele Flaschen!“

Nach 33 Jahren war Schluss

Dieser Widerruf erfolgte 2003. Im 130. Jahr des Bestehens hörte das Möbelhaus Paulin auf. Die Passage wurde an einen Bauträger verkauft und dem Erdboden gleichgemacht. Baron-Schuhe, Dessous John, Anwaltskanzleien und Ärztepraxen sagten Servus, sogar Uhren Dieterle am Eck war plötzlich weg. Nach 33 Jahren wollten die Cafetiers keinen Neuanfang mehr wagen. Hans Gablmeier war 64, seine Frau Christa 59 Jahre alt.

Das war für viele Regensburger das Ende einer schönen und angenehmen Zeit im City-Café. Der Arzt Eberhardt Anke hatte hier mit seiner Familie seinen Stammtisch. Er erinnert sich an Originale wie den alten Franz Deininger, einen fast 90-Jährigen Gendarmen und „Freigänger“ aus dem Seniorenheim am Ägidienplatz. „Der hat erzählt, dass er noch mit der Pickelhaube rumgelaufen ist und beim Saumarkt in der Wahlenstraße die Standgebühren abkassiert hat.“ Die Freunde vom Stammtisch hätten ihm Streiche gespielt und dem verdienten Ordnungshüter goldene Löffel im Jackett versteckt. „Wenn er dann das Café verlassen hat, hat es geklingelt und der Gablmeier ist ihm nach gelaufen. Was haben wir gelacht.“

Ganz in der Tradition des Konditorei-Cafés Prock hatte das City-Café zwei Konditoren beschäftigt. Sie werkten in einem Raum im ersten Stock der Paulin-Passage. „Hinten raus, Richtung dem Kanonikergassl zu, war noch ein zusätzliches Ladengeschäft, in dem die Kunden oft Schlange standen“, erzählt Christa Gablmeier. „Wennst a wenig schmatzt, dann siehst as plötzlich alle wieder hocka“, sagt sie: Domkapellmeister Georg Ratzinger und Agnes Heindl, seine Hausdame.

Joseph Ratzinger und die Haustorte

Wenn der Kardinal aus Rom in der Stadt war, luden sie ihn regelmäßig ins City-Café ein. „Joseph Ratzinger verlangte immer unsere Haustorte.“ Fürstin Gloria besuchte das Café mit ihrer Hausdame, Frau Sprüth. „Und in ihrer verrückten Phase, als sie ihre Haare noch hochgesteckt trug, entführte sie ihre Kinder zum Eisessen.“

Der Grandseigneur der jüdischen Gemeinde, Hans Rosengold, ein starker Gauloiseraucher, fühlte sich im raucherfreundlichen City-Café offenbar besonders wohl. Hier war er täglich anzutreffen, es war ja nur ums Eck.

Hans Gablmeier konnte der Gemeinde öfter aushelfen. Für jüdische Festtage bestellte Rosengold koscheres Gebäck in der Konditorei. Und einmal wurde er sogar als „Schabbes-Goi“ gerufen. „Ich werde es nie vergessen: Kantor Leo Herrmann winkte mich an einem Freitagabend heran zu sich. Ich solle doch bitte mit ihm in die Synagoge gehen und die Kerzen löschen. Es war Sabbat und er durfte keine Arbeit mehr verrichten. Ich hab das dann am anderen Tag dem Rosengold erzählt. Was hat der Mann gelacht!“

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