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Regensburg
Montag, 11. Dezember 2017 11

Stadtleben

Hoffnung für ein trostloses Viertel

Das Regensburger Schäffnerquartier, lange ein Sorgenkind der Stadtplaner, erhält ein neues Gesicht. Häuser müssen weichen.
Von Marion Koller, MZ

Ein Schandfleck mitten im Welterbe: Es ist höchste Zeit, dass in der Grasgasse etwas geschieht. Stehenbleiben wird nur das denkmalgeschützte Eckhaus links. Fotos: Koller

Regensburg.Noch sind am leeren Schaufenster der Schäffnerstraße 23 die Worte „Räumungsverkauf: Alles muss raus“ in Leuchtbuchstaben zu lesen. Doch das Geschäft ist längst ausgezogen, genau wie die Läden in den beiden Nachbarhäusern und „Fahrrad Stadler“ um die Ecke in der Grasgasse. Das Schäffnerquartier mitten in der Altstadt wirkt desolater denn je. Passanten wundern sich, warum alle Geschäfte dichtgemacht haben außer B.Fashion, die Boutique im Eckhaus.

Der Grund: Das Karree wird sich in den nächsten Jahren gewaltig verändern. Wenn die Pläne des Architekturbüros Michael Feil verwirklicht werden, die der Ausschuss für Stadtplanung Ende November 2016 durchgewunken hat, werden sechs Häuser abgerissen. Die Eigentümerfamilie hat vor, in beiden Straßen moderne Wohn- und Geschäftsgebäude aus einem Guss bauen zu lassen. Nur das Eckhaus Schäffnerstraße 29 mit dem Bekleidungsgeschäft wird stehenbleiben, denn Teile davon sind denkmalgeschützt.

„Auf dieses Viertel setzen wir“

Die Geschäfte haben die Abrissgebäude in der Schäffnerstraße verlassen. Foto: Koller

Altstadtkümmerer Alfred Helbrich sagt: „Das ist eines der zentralen Viertel, auf das wir sehr viel Hoffnung setzen.“ Im Schäffnerquartier bestehe die Möglichkeit, großflächigen Textileinzelhandel zu schaffen, der eine Magnetwirkung auf die gesamte Altstadt ausüben kann. Ingo Saar, Geschäftsführer der Kaufleute- und Gastronomenvereinigung Faszination Altstadt, widerspricht. Für ein großes Textilkaufhaus reiche die Fläche im Schäffnerquartier nicht aus. „2000 Quadratmeter wären nötig.“

Wann der Abriss der Gebäude beginnen wird, ist unklar. Der Antrag ist noch nicht bei der Stadt eingegangen. Die Kommune beabsichtigte ursprünglich, das Quartier als Sanierungsgebiet zu deklarieren, doch die Eigentümer wehrten sich dagegen. Weil die Stadt nicht gegen den Willen der Hausbesitzerfamilie handeln wollte, verzichtete sie auf die Einstufung als Sanierungsgebiet. Das geht aus den Beschlussvorlagen zum damaligen Stadtplanungsausschuss hervor. Die Eigentümer waren am Mittwoch nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Was entstehen wird, zeigen die Pläne des Architekturbüros Michael Feil, das beim städtebaulichen Wettbewerb den dritten Platz erreichte. Ein eindeutiger Siegerentwurf kristallisierte sich nicht heraus; zwei andere Planungsbüros, die Pure Gruppe und Carlo Berarducci, erhielten Anerkennungen. Nach einer Überarbeitung empfahl die Jury den dritten Preis zur Realisierung.

Demnach sind 36 Wohneinheiten vorgesehen: 19 Zwei-Zimmer-Wohnungen, 15 Drei-Zimmer-Apartments und zwei Vier-Zimmer-Wohnungen. Sechs Geschäfte mit insgesamt 1143 Quadratmetern sind geplant. In der Tiefgarage werden 31 Autos und 52 Fahrräder Platz finden.

Auch die Flachbauten in der Maxstraße werden abgerissen und neu gebaut. Foto: Koller

Im Preisgerichtsprotokoll heißt es: „Städtebau: Die Lösung nimmt die angrenzende Bebauung sehr selbstverständlich auf und bindet gut an das denkmalgeschützte Eckgebäude an. Sie ist im Hinblick auf die Genehmigungsfähigkeit gut umsetzbar.“ Zur Funktionalität sagt die Jury, die fehlende Flexibilität der Ladengrößen sei durch die Anordnung der Treppenhäuser mit durchgesteckter Erschließung von der Straße zum Innenhof bedingt. „Sie wird in der Vermietbarkeit kritisch gesehen.“

Ingo Saar von Faszination Altstadt ist überzeugt, dass die Baumaßnahme das Viertel aufwerten wird. Er kann sich Conceptstores in der Schäffnerstraße und Grasgasse vorstellen, die einen bestimmten Lebensstil bedienen und branchenübergreifend sind. Einige haben bereits in der Königsstraße und Gesandtenstraße eröffnet. Die Baustelle werde allerdings die Nachbarn belasten. Saar betont jedoch, Frequenzzählungen im Frühjahr hätten gezeigt, dass etwa der Umbau der Fußgängerzone die Altstadtbesucher nicht abschreckt.

„Wir leben von den Stammkunden“

Altstadtkümmerer Alfred Helbrich Foto: Peter Ferstl/Stadt

Einzelhändler Leo Schlager, der das B.Fashion im Eckhaus Schäffnerstraße 29 betreibt, macht sich keine großen Sorgen. „Wir hatten noch nie die beste Verkaufslage. Wir leben von den Stammkunden“, sagt er zur Mittelbayerischen. Auch der Betreiber der kürzlich eröffneten, schicken Café-Bar Vincent schräg gegenüber in der Grasgasse vertraut auf das Quartier, obwohl das Umfeld noch zu wünschen übrig lässt.

Der alteingesessene Kunstverein Graz muss das Hinterhaus in der Schäffnerstraße 21 im August verlassen, weil der Projektentwickler ITEC dort ein Hotel bauen wird. Graz-Vorsitzender Albert Plank und seine Mitglieder suchen neue Ateliers und Ausstellungsräume, am liebsten wäre ihnen eine alte Tankstelle oder ein leerstehendes Industriegebäude. Ab Dezember 2018 werden die Künstler erstmal einen Stadtbus anmieten.

Nicht nur in den beiden genannten Straßenzügen stehen Veränderungen an, auch in der angrenzenden Maximilianstraße tut sich etwas. Eine Projektgesellschaft namens M22 Grundbesitz GmbH reißt die beiden Häuser 20 und 22 ab und baut neu. Sie gehören den Eckert Schulen AG.

Vorstandsmitglied Michael Weinelt terminiert den Baubeginn auf Anfang 2019. Für die oberen Geschosse sind ein Hotel mit etwa 100 Zimmern und Wohnungen vorgesehen. Im Erdgeschoss entsteht eine Handelsfläche mit rund 700 Quadratmetern. Diplom-Kaufmann Weinelt kündigt an, ein Bekleidungsgeschäft, ein Drogeriemarkt und hochwertige Systemgastronomie könnten einziehen. Derzeit wird noch verhandelt.

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  • HK
    Harald Kelsch
    12.10.2017 15:32

    Wieviele Textilgeschäfte denn noch? Man gewinnt langsam tatsächlich den Eindruck, dass Klamotten wichtiger sind als Dinge des täglichen Bedarfs. Unter welchen Bedingungen diese Bekleidung oft produziert wird, ist leider hinläglich bekannt.

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