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Regensburg
Donnerstag, 21. September 2017 19° 3

Entdeckung

Jahn-Gründerväter für Nachwelt gerettet

Der überraschende Fund der Wissner-Fresken in der abbruchreifen Jahntribüne bewegte Regensburg. Die Gemälde werden gesichert.
Von Helmut Wanner, MZ

Reinhold Lang und Fritz Rehbach (rechts) suchten nur nach schönen Stücken für den Bürgerfeststand der IG historische Straßenbahn– und fanden das. Foto: Wanner

Regensburg.Die Fresken aus der Jahntribüne werden gerettet, zumindest die wichtigsten Teile. Wie die städtische Pressesprecherin Juliane von Roenne-Styra am Mittwoch auf Anfrage mitteilte, haben sich das Hochbauamt und das Kulturreferat zusammengetan, die Wandmalereien aus der Gründerzeit des alten Jahnstadions vor der Zerstörung zu bewahren. Die Abbruchfirma Althammer hat das Gelände inzwischen abgesperrt.

„Max Wissner war ein genialer Maler. Das sind wichtige Dokumente der Stadtgeschichte.“

Rudolf Rappenegger

Federführend ist das Kulturreferat unter Klemens Unger. „Der Schwerpunkt wird auf den historischen Personengruppen liegen, die freigelegt wurden“, so von Roenne-Styra. Es handelt sich dabei u. a. um die Porträts der Vorstände des SSV Jahn, des Bürgermeisters und des Baumeisters des 1931 eingeweihten Jahnstadions. Die Rettungsaktion erfolgte buchstäblich in letzter Minute. Am Montag sollte die Tribüne dem Erdboden gleich gemacht werden.

Max Wissner hat auch einen Bedenkenträger porträtiert. Foto: Rehbach

„Nach Veröffentlichung des MZ-Artikels am Samstag setzte eine Völkerwanderung ins alte Jahnstadion ein“, berichtet Fritz Rehbach. Jahnfans entrollten auf der Stadiontribüne ein zehn Meter langes Spruchband: „Kulturgut erhalten. Geschichte in der Jahntribüne bewahren.“ Souvenirjäger sicherten sich Stücke und zerstörten dabei u.a. den Wurstsemmel-Buben auf dem Wissner-Fresko. Fritz Rehbach, der zusammen mit Reinhold Lang den „Fund“ in den sozialen Medien öffentlich gemacht hatte, berichtete darüber auf seiner Facebook-Seite „Regensburger damals“. Die hat seit der Veröffentlichung erhöhten Zulauf und 70 Freunde mehr.

Nun ist das zentrale Bild freigelegt. Das Wissner-Fresko zeigt die Verantwortlichen für den Stadionbau an der Prüfeninger Straße. Foto: Rehbach

Die Kassetten-Decke ist mittlerweile entfernt, die letzten verborgenen Fresken sind freigelegt. Sie zeigen für die Stadtgeschichte wertvolle Dokumente: die Gründerväter des SSV Jahn und die Vorstände des Jahntribüne-Bauvereins, porträtiert vom besten Maler, der zu der Zeit in der Stadt wirkte, Max Wissner (1873 bis 1959). Fritz Rehbach war am Montag wieder vor Ort und hatte dabei eine Begegnung, die ihn und die kunst- und geschichtsbewussten Freunde des SSV Jahn Regensburg hoffnungsfroh stimmt. Rudolf Rappenegger, Chef der bekannten Restaurierungswerkstätte in der Obermünsterstraße 7, sah sich die Entdeckung an der Prüfeninger Straße an. Rehbach: „Der Mann war begeistert von den Wissner-Fresken und überreichte mir gleich seine Visitenkarte.“

„Ja, wir haben den Auftrag“

Auf Nachfrage bestätigte Rudolf Rappenegger am Mittwoch. „Ja, wir haben den Auftrag. Ich werde am Donnerstag mit drei Leuten draußen sein.“ Rappenegger lässt ein Gerüst aufstellen. Danach wird die Malschicht gesichert, komplett abgenommen und auf einen neuen Putzträger aufgebracht. Bis über die weitere Verwendung der Fresken entschieden ist, werden die Malereien im Archiv des Historischen Museums eingelagert.

Kulturgut erhalten: Fans haben ein Spruchband auf der alten Jahntribüne ausgerollt. Foto: Rehbach

Ursprünglich waren es vier Segmente mit Deckenmalereien. Eines ist schon zerstört. In der Hauptsache wird sich Rappenegger auf die Rettung der Gründerväter und die Baumeister konzentrieren, die bis zum Wochenende unter der Kassettendecke schlummerten. Die Rettungsaktion wird nach Auskünften Rappeneggers in zwei Wochen abgeschlossen sein. Die Kosten, die er nennt, klingen erschwinglich.

Zur Qualität der vorgefundenen Arbeiten äußerte sich der Restaurator begeistert. „Max Wissner war ein genialer Maler. Das sind wichtige Dokumente der Stadtgeschichte.“ Rudolf Rappenegger hat viele Wissner restauriert und beim Bischofshof selbst eine seiner Wandmalereien entdeckt.

Der Mann mit dem Stadtschlüssel ist OB Otto Hipp (1920 bis 1933). Foto: Rehbach

Die Rettungsaktion kam durch reinen Zufall zustande. Der kleine Verein IG historische Straßenbahn mit gut 20 Mitgliedern will den letzten Straßenbahnzug, der seit über 20 Jahren im Freien steht und verrostet, der Nachwelt erhalten. Deswegen kamen Reinhold Lang und sein Freund Fritz Rehbach Mitte vergangener Woche auf die Baustelle. Lang auf Facebook: „Fritz und ich waren nur auf der Suche nach ein paar Brettern, die einen Bezug zum Jahn und der Linie 1 herstellen und die wir am Bürgerfest zur Restaurierung der Tram an den Mann bringen können.“ Dabei entdeckten sie die Malereien. Der Stadt war der Fund bekannt. Sie dokumentierte ihn. Zwei, drei Bilder davon sollten in der nächsten „bei uns“ erscheinen – nach der Zerstörung der Fresken.

„Nicht einfach zusammenhauen“

Nach der MZ-Veröffentlichung vom Samstag war der Fund Stadtgespräch. Jahnarchivar Dr. Wolfgang Otto schrieb an Dr. Neiser vom Historischen Museum, weil die Deckenmalereien doch der Stadt gehören und im historischen Museum dem alten Stadion ein Erinnerungsort geschenkt werden soll. „Wäre da ein Teil dieses Freskos nicht eine schöne, sehenswerte Ergänzung? Es würde zudem die Integration der damals aufkommenden Massenbewegung (Fußball)-Sport in die historisch gewachsene Bürgergesellschaft (mit ihren verschiedenen Protagonisten, auch der Kunst) und das unternehmerische Potenzial, das daraus resultierte – fernab von Sponsoring, kommunaler oder staatlicher Subvention, wie wir sie heute kennen – wunderbar dokumentieren und kommentieren“, schrieb Dr. Otto, Verfasser des Buches „Abschied vom Jahnstadion“.

Auch bei der Geburtstagsfeier von Georg Haber, Präsident der Handwerkskammer und Vorsitzender des Kunst- und Gewerbevereins, habe sich gezeigt, dass die Kunst- und Kulturschaffenden sowie die Kulturbürger die Vorgänge sehr genau verfolgten, sagte der Sammler Stefan Reichmann. Der Kunstexperte hatte für unser Medienhaus Max Wissner zweifelsfrei als Autor dieser Deckengemälde identifiziert. Er sagte: „Viele Leute sprachen mich auf die Malereien an. Sie sagten: Das kann man doch nicht einfach zusammenhauen.“

Das Alte Jahnstadion in 360 Grad

So sieht es zu Beginn des Abrisses aus: In den folgenden vier 360-Grad-Bildern können Sie sich noch einmal an vier Stellen im Alten Jahnstadion umsehen. Klicken Sie einfach in das Bild, um zu starten, und nutzen Sie dann ihre Maus (oder ihren Finger, wenn Sie ein mobiles Endgerät nutzen), um sich im Bild zu bewegen.

Vor der Tribüne

Mehr Grün ist nicht mehr übrig im alten Jahnstadion. - Spherical Image - RICOH THETA

Am ehemaligen Anstoßkreis

Der Anstoßkreis ist auch nicht mehr das, was es einmal was. - Spherical Image - RICOH THETA

Vor dem Turm

Wo früher Fußball gespielt wurde, rollen bald die Bagger an. - Spherical Image - RICOH THETA

Auf der Haupttribüne

Ein letztes Mal auf der Tribüne im alten Jahnstadion stehen. - Spherical Image - RICOH THETA

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