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Regensburg
Sonntag, 19. November 2017 7

Habe die Ehre

Kirchendiplomat verlässt Ostengasse

Das Ostkirchliche Institut (Oki) im ist Geschichte. Prälat Klaus Wyrwoll leitete hier das vielleicht wichtigste Studentenwohnheim der Stadt.

  • Prälat Dr. Nikolaus Wyrwoll vor den ostkirchlichen Fresken im ehemaligen Refektorium des Klarissenklosters, die Georghe Ciobanu 1985 geschaffen hatte. Foto: altrofoto.de
  • Prälat Wyrwoll übergibt dem Papst das „Who’s who“ der Ostkirche. Prof. Ratzinger hatte am 10. Oktober 1976 die Einweihungsrede im Oki gehalten.

Regensburg. Also, wenn man sich einen Pfarrer, Priester, Seelsorger, Hirten malen könnte, so wie Georghe Ciobanu, das 1985 im Refektorium der Klarissen in der Ostengasse getan hat …

So „al fresco“ einen armen, grundgütigen und demütigen, der sich nicht bei jedem Empfang in die erste Reihe setzt, sondern eher am Rande steht. Einen, der alles, was die Kirche lehrt, vermitteln kann, ohne kalt zu sein. Eine offene, zugewandte Seele, die ihr Gegenüber weder durch negative Anrede, noch Nichtbeachtung verletzt. Einen modernen Apostel, der die Menschen nicht totpredigt, sondern ihnen zuhört. Einen leisen, aber dennoch wachen Geist… Man darf ja träumen.

Ein sagenhafter Netzwerker

Solche sind rar im himmlischen Bodenpersonal. Und weil man sich Priester, Seelsorger und Hirten nach dem Herzen Gottes nicht malen kann, nehmen wir als Ersatz geglückte Versuche in diese Richtung – zum Beispiel den Prälaten Dr. Nikolaus Wyrwoll.

In seinem Schrank hängen drei schwarze Anzüge. Seit 1990 wohnte er im Oki in Möbeln der Caritas, die schon vor 22 Jahren alt und gebraucht waren. Seit 1972 ist er ohne Auto. Er geht zu Fuß, fährt mit dem Nachtzug nach Rom, wo er seit 56 Jahren einen Koffer stehen hat. Dieser Mann reiht sich dort seit 1982 jedes Jahr in die allgemeine Audienz ein und wartet geduldig, bis er dem Heiligen Vater das neueste Adressbuch der Orthodoxie übergeben kann. Es hat 2012 über 344 Seiten, an die 2000 Namen. Die Träger dieser Namen kennen ihn alle.

Sein Titel ist fast so lang wie seine 1,84 Meter: Prälat Dr. Nikolaus Wyrwoll, Bischöflicher Beauftragter für die Kontakte mit den Kirchen des Ostens und für Ökumene und Reformation, Ostkirchliches Institut Regensburg. In ähnlicher Funktion hat er im Vatikan eine Abteilung geleitet. 1989 hat er von katholischer Seite die erste europäische Ökumenische Versammlung „Frieden in Gerechtigkeit“ in Basel (Schweiz) organisiert.

Kein Treueeid für orthodoxe Studenten

Als 20-jähriger Student am Germanicum-Hungaricum in Rom hatte Nikolaus Wyrwoll den Schalter in den Beziehungen des Heiligen Stuhls zur Ostkirche umgelegt. Nach einer Griechenlandreise 1960 hatte er durchgesetzt, dass orthodoxe Studenten nicht mehr den Treueeid auf den Papst leisten mussten. Nur deswegen hatten sie bis dahin bei uns nur an protestantischen Einrichtungen studiert.

Der Papst hat bei seiner Libanon-Reise von den Früchten seiner ökumenischen Arbeit gezehrt. Bei einer Generalaudienz hat Benedikt XVI. einmal das Protokoll des Vatikans gesprengt. Der Papst begrüßte die Besuchergruppe aus „XY“. Dann fügte er hinzu: „und Prälat Wyrwoll“. Namen nennt man grundsätzlich nicht bei Generalaudienzen in Rom.

Kulturreferent Klemens Unger schätzt den Prälaten als sagenhaften Netzwerker. „Er genießt das höchste Ansehen auf der Welt. Er hat eine Universalbildung, spricht mehr als 12 Sprachen. Und als Mensch ist er außerdem sehr originell.“

Dogmatismus ist ihm so fern wie der Himalaya hoch ist. „Es gibt soviele Arten zu glauben“, sagt Wyrwoll. „Als Menschen bleiben wir hinter der Wahrheit zurück, die wir predigen.“ Und er ist froh, dass die deutschen Katholiken, die sich so wichtig nehmen, nur zwei Prozent der Weltkirche ausmachen. Wyrwoll hat festgestellt, „dass hierzulande nur der als intelligent gilt, der negativ ist“. Er hat es sich angewöhnt, in den Menschen das Positive zu sehen und das auch auszusprechen. So lässt er seine Gesprächspartner immer gut aussehen. Und wenn jemand glaubt, er wird verschaukelt, sagt er. „Naa, i sog’s, wia’s is.“

Wegen der MZ zurück an der Donau

Den urbaierischen Spruch hat er mitgenommen, zurück nach Hildesheim, Domhof 119, seine neue Adresse. Nur wegen der Mittelbayerischen Zeitung ist er zurück an die Donau. Er vermisst den Dom, die Bratwürste und die Donau. „Dieser Fluss benetzt alle Länder, aus denen unsere Stipendiaten kamen.“

Es wird kalt in den Gemäuern des Ostkirchlichen Instituts. Sekretärin Ide Schwinghammer sitzt im dicken Pullover im Büro. Sie bestätigt bei einem Kaffee, der Tote erweckt, den Eindruck, dass der Prälat ein wenig wehmütig ist. „22 Jahre. Es war die längste Zeit, die er an einem Ort zugebracht hat“. 14 Jahre war er in Rom.

Das Oki schließt zum 30. November. Dann haben auch die letzten Studenten des Sommerkurses das Haus verlassen. Im April wurde das gesamte Gelände an die Regensburger Trep-nau-Gruppe verkauft. „Hier geht es zu Ende, aber die Arbeit, die wird größer“. Wyrwoll will den Eindruck des Niedergangs vermeiden. Die Stipendiaten werden verteilt. Das Werk „Renovabis“ hilft. Heute finden Stipendiaten in allen deutschen Städten orthodoxe Gemeinden aller Richtungen.

Süßer orthodoxer Rosenweihrauch und Abschied liegen in der Luft. An der Ostfassade bröckelt der Putz. Wie an Grabsteinen geht Prälat Wyrwoll an Fototafeln vorbei, die im Kreuzgang des ehemaligen Klarissinnenklosters in der Ostengasse die Geschichte des Oki dokumentieren. Auf den ältesten Fotos ist er der lange Dünne mit der dunklen Hornbrille.

Die Ostkirche in der Ostengasse

Am 10. Oktober 1976 wurde das Institut feierlich eingeweiht. Professor Josef Ratzinger hielt die Rede. Seitdem haben 800 Theologinnen und Theologen aus 20 Nationen die Ostengasse 31 als ihre geistige Heimat erfahren. Sie wurden entsandt von den Heimatkirchen. Sie kamen von Albanien bis Zypern. 25 Bischöfe, 10 Äbtissinnen denken mit Freude an Regensburg, darunter die Äbtissin des mit 450 Nonnen größten Frauenklosters der Welt, Pasarea bei Bukarest. Der „Papst“ der orthodoxen Kirche, Patriarch Bartholomäus in Istanbul, war hier Student. Der 1. Absolvent überhaupt ist der rumänische Bischof Gherasim. Mit 97 Jahren ist er noch immer aktiv.

Einzelne Benediktiner aus Nieder-altaich jedoch haben das Oki immer als „Studentenwohnheim“ belächelt. Das ostkirchliche Institut verdankte seine Existenz der psychologischen Erkenntnis, dass ein Theologiestudent aus dem Osten alleine in seiner Bude im Studentenwohnheim verkümmern würde.

Überfordert in der westlichen Zivilisation

Am Anfang waren die Studenten aus den osteuropäischen Ländern einfach überfordert in der westlichen Zivilisation. Wer glaubt, will nicht alleine sein. Ein Senner auf der Alm weiß, dass mindestens zehn Kühe auf der Weide stehen müssen, sonst haben sie Angst. Ein guter Hirte weiß das auch.

Nun geht der Mensch, der 1962 im Vatikan den Schalter umgelegt hat, in der Beziehung zu den Ostkirchen. Der Kirchendiplomat ging geräuschlos. Von einer Abschiedsfeier ist nichts bekannt. Die Arbeit geht ja weiter. Istanbul und Moskau stehen auf dem Reiseplan. Und in Rom hat er wie gesagt einen Koffer stehen.

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