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Regensburg
Freitag, 30. September 2016 24° 1

Tradition

Kommt bald der Maibaum aus Aluminium?

Nicht nur das Auto muss zum TÜV, auch der Zunftbaum. Schon wird über Metallbäume nachgedacht. Da gruselt’s einem Trachtler.
Von Heinz Klein, MZ

  • Maibäume müssen jährlich geprüft werden. Nach drei Jahren ist meistens der Pilz da, sagt der Maibaum-Prüfer des TÜV-Süd. Foto: Archiv/Paschek-Wagner
  • Klassisches Maibaumaufstellen in Oberölsbach. Foto: MZ-Archiv/nst
  • In Frauenzell und Brennberg ist der Maibaum jedes Jahr eine neue, frisch gefällte Birke. Foto: Archiv/Beiderbeck

Regensburg. Groß soll er sein, 30 Meter oder mehr, und schön soll er sein, mit weißblauen Bändern festlich geschmückt. Dann klirren Ketten, tönen Kommandos, und stramme Burschen und starke Trachtler wuchten mit den Schwalben (lange Stangen) und Irxenschmalz (Muskelkraft) zwei Tonnen Maibaumholz in den blauen Maihimmel. So soll es sein, seit Jahrhunderten und immer wieder am 1. Mai.

Das Alternativszenario sieht anders aus. Ein Autokran rollt an, hievt einen 20 Meter langen und eine Tonne schweren zweiteiligen Stahlbaum vom Tieflader und setzt den feuerverzinkten und weiß-blau lackierten Metallmast millimetergenau zusammen. Die Gemeinde Anzenkirchen im Rottal wagte als dritte Gemeinde in Bayern 2012 diesen Schritt und ist mit ihrem Stahlmast glücklich geworden, sagte Dorfsprecher Charly Altmann unserer Zeitung. Auch im nahen Sinzing überlegt man derzeit, den morsch gewordenen Zunftbaum durch einen Aluminiumbaum zu ersetzen. In Kneiting hat man seit Wiebke sogar schon einen.

Kommt bald der virtuelle Maibaum?

Nicht nur am Land, auch in der Stadt wird altes Brauchtum noch gepflegt. In Wutzlhofen, an der Konradkirche, in Schwabelweis und Weichs, Kleinprüfening, Harting, Oberisling und am Keilberg, am Weinweg und am Spitalgarten werden Maibäume aufgestellt. An einen Metallbaum hat in Regensburg aber noch niemand gedacht, ist sich Erich Tahedl sicher. Der Geschäftsführer des Bayerischen Trachtenverbands und Vizepräsident des Oberpfälzer Kulturbunds könnte sich mit dieser Vorstellung auch gar nicht anfreunden. „Wenn man es sich nicht mehr leisten kann, dieses Brauchtum zu pflegen, dann soll man es lieber ganz bleiben lassen“, sagt er dazu. So ähnlich sieht das auch Bezirksheimatpfleger Dr. Tobias Appl. „Kommt dann als nächstes der virtuelle Maibaum, der als Lichtspiel in die Nacht gezaubert wird?“, fragte er amüsiert.

Denn beim Maibaumaufstellen geht es inzwischen um Fragen der Sicherheit, der Versicherungspflicht und letztlich ums Geld. Die Versicherungskammer Bayern empfiehlt längst schon Maibaum-Versicherungen und hat dafür einen speziellen Experten ausgebildet. Und beim TÜV Südbayern gibt es in der Abteilung „fliegende Bauten“ den Maibaum-Prüfer Georg Wagner, der bayernweit mehrjährige Zunftbäume auf ihre Standsicherheit überprüft und dabei ganz gut zu tun hat.

Nach fünf Jahren ist Schluss

Es gibt Maibäume, Kirtabäume und Zunftbäume, unterscheidet der Brauchtumsexperte Erich Tahedl. Viele Maibäume stehen nicht lange, werden am 1. Mai aufgestellt, im Sommer wieder umgeschnitten und entgehen so ganz legal dem kritischen Blick des Maibaumprüfers Georg Wagner. Anders sieht es bei weiß-blau-lackierten und mit metallenen Zunftswappen geschmückten Maibäumen aus, die länger stehen bleiben. Ihre Existenz ist allerdings auf fünf Jahre begrenzt, dann spürt der Baum zum zweiten Mal in seinem Leben die Motorsäge. Im ersten Jahr seines Maibaumdaseins muss der Stamm von einem Fachkundigen geprüft werden, im zweiten Jahr von einem Sachkundigen und im dritten Jahr von einem TÜV-Ingenieur. Der will den Baum aber nicht nur am Stammfuß sehen, sondern auch die Stabilität des Wipfels prüfen. Also muss ein Hubsteiger her oder die Feuerwehr hat ein Erbarmen und kommt mit der großen Drehleiter. Maibaumprüfer Wagner macht dabei immer wieder die gleiche Erfahrung: Nach drei Jahren geht es meistens los mit dem Pilzbefall.

Die beiden Brauchtumspfleger Dr. Tobias Appl und Erich Tahedl sind sich unabhängig voneinander ziemlich einig: Ein Maibaum muss doch gar nicht jahrelang stehen. Es geht doch um viel mehr als um Statik, Versicherungsfragen und Kostenbegrenzung. Es geht um gemeinsam gelebtes Brauchtum, um das Aussuchen des Baums, das Fällen und gemeinsame Transportieren, das Schmücken, Bewachen und Maibaumstehlen, das Aufstellen und das Feiern der Dorfgemeinschaft unter dem Maibaum, der ein Frühlingsbote sein soll und am Ende noch einen Ster Brennholz hergibt.

In Anzenkirchen sieht man das etwas anders. „Der Stahlbaum schaut toll aus, man sieht keinen Unterschied“, versichert Charly Altmann und weiß: „Der steht für die Ewigkeit“. Und Arbeit macht er auch keine mehr.

In Sinzing ist der schon länger stehende Maibaum langsam morsch geworden. Er wird heuer wohl noch fallen. Im Gemeinderat hat Bürgermeister Patrick Grossmann über eine Alternative zum Holzbaum informiert. Es könnte ein Baum aus Aluminium sein. Der Trachtenverein hat den Zunftbaum bisher alle paar Jahre erneuert. Doch der Verein hat Zukunftssorgen. Es wächst zu wenig nach, nicht an Bäumen, sondern an Mitgliedern, die einen Baum fällen, schmücken und aufstellen könnten, bedauert Patrick Grossmann.

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Kommentar

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