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Regensburg
Sonntag, 25. Juni 2017 27° 4

Maler der verschollenen Idyllen

Kunst Harte Arbeit vor dem Sonnensegel: Neue Bilder von Tilo Ettl bei Dr. Erdel.

Tilo Ettl: „Lebende Bilder“ (2007), Öl auf Lw., 117 x 77 cmFoto: Erdel

Von Helmut Hein, MZ

Regensburg. Durch die ganze Moderne geht ein Bruch – und Tilo Ettl verkörpert ihn wie kaum ein anderer. Er begann vor 20 Jahren als verstörter „enragé“, als ein im Innersten sanfter, suchender junger Mann, der sich gern die Aggressions- und Destruktions-Maske überzog. Er wollte der „bösen“ Welt den Spiegel vorhalten, trug viel Rouge auf seine Blessuren, damit sie schön leuchteten, baute grotesk-verstümmelte Maschinen aus Schrott, die bei jeder Bewegung schrägen Krach, verzerrt-unentzifferbare Stimmen der Qual von sich gaben und schrieb Pamphlete, vor denen die Kunst-Bürger erschrecken sollten. Das verlorene Paradies war bei den späten Nietzscheanern und „Sadisten“, den „Maldoror“-Adepten der damals für viel Aufsehen sorgenden Trash-Avantgarde-Gruppe „lyssa humana“ (menschliche Tollwut!) zum Reich der Psychosen und der permanenten Paranoia verklumpt.

Die Bereitschaft zum, ja „Kitsch“

Und jetzt das! In der Galerie Dr. Erdel steht würdig und soigniert der Künstler Tilo Ettl mit rotem Einstecktuch („das ist kultiviert!“) und wird besungen von dem einstigen Verwalter des Wiener Aktionismus-Erbes Arnulf Meifert, der offenbar auch genug hat von all den verzerrten und versehrten Leibern der Traditionslinie Bacon und Brus, von den dystopisch-wuchernden Mensch-Maschine-Metamorphosen und sich einfach über die schönen Bilder freut, die hinter ihm an der Wand hängen.

Auch diese Tilo-Ettl-Bilder sind verstörend – durch das demonstrativ (Alt-)Meisterliche dieser Malerei, durch das ungenierte Bekenntnis zur Arbeit an Farbe und Form, durch die blühenden Arrangements aus Frucht- und Landschafts-Accessoires und unschuldigsten Menschen, durch die Bereitschaft zum Idyll, ja zum „Kitsch“, was Meifert positiv, als Kompliment meint, gebe es doch „überhaupt keine Kunst ohne Kitsch-Anteil“. Prima vista will Tilo Ettl überhaupt nichts mehr von Destruktion und Dekonstruktion wissen, er verneint – was ein kleines Paradoxon ist! – die Negativität, er will, in der Weltabgeschiedenheit des von ihm selbst restaurierten Riesenhauses in der tschechischen Provinz, in der Gegenwelt seiner Ateliers und Werkstätten, nur noch schöpferisch sein, das, was er tut, bejahen, und sich um den Rest nicht kümmern. Aber wie der große Musik-Verrückte Karlheinz Stockhausen, von dessen Tod man in der Nacht nach der Vernissage erfährt, bewohnt auch Tilo Ettl nicht nur sein ästhetisches Reservat.

In die Geduld und Gelassenheit des Traditionalisten, der seine Vorbilder im Quattrocento findet und der ganzen Gegenwart und keineswegs nur ihrem leerlaufenden Kunstbetrieb abhanden gekommen ist, mischt sich die polemische Lust, die Verachtung für das, was die anderen sind und was er selbst einmal war. Von Nietzsches Diktum, dass, wer bereut, Verrat an sich übt, hat er noch nichts gehört oder will er nichts wissen. Die „Bohème“ ist für ihn nicht die harte Realität vieler Künstlerkollegen, sondern „Getue“. Über seine Bilder will er, Goethe im Kopf, der ihm auch an seinem Rückzugsort in Planá nahe Marienbad auf Schritt und Tritt begegnet, nicht sprechen und redet dann doch darüber, wenn auch nicht über deren Motiv-Zusammenhänge, ikonographischen Bezüge, ihren „Sinn“, sondern über das handwerkliche Entstehen dieser Natur- und Menschheits-Panoramen. Er will eine bestimmte Farbe – und er kauft nur die besten, die leuchtendsten! –, einen fernen Ton, einen Schatten und daraus entsteht die „Architektur“ einer Landschaft, einer Figur, einer Kleidung, eines Schuhwerks, eines Stilllebens. Die Farbe und das Licht entscheidet; so wie für den, der schreibt, die Musik in den Worten. Und daraus erst entsteht, sekundär, das „Idyll“, eine konkret gewordene innere Vision.

Kaum je war in den letzten Jahren in Regensburg eine Ausstellung zu sehen, die so betörend, so verstörend schön ist. Die Bilder halten dem Blick stand; sie vergehen nicht rasch unter ihm. Natürlich kann man Nachbarschaften entdecken, von der Romantik über den Surrealismus bis zur naiv-religiösen Kunst, natürlich kann einem Tilo Ettl wie ein Balthus erscheinen, dessen Begehren, wie auch immer, sediert ist, natürlich hat Meifert recht, wenn er en passant und leichthin von „Psyche ohne Amor“ spricht. Aber alle Assoziationen übersehen, dass Tilo Ettl die postmoderne „Referenzhölle“ fürchtet wie jeder rechte Kunstteufel das Weihwasser der kritischen Einordnung. Die Bilder sollen als Bilder, rein für sich, existieren, nicht als Repräsentation der Wirklichkeit, sondern als eine eigene Welt – die man, ließe sich hinzufügen, so zumindest noch nicht gesehen hat.

Bis 18. Januar in der Galerie Dr. Erdel, Fischmarkt 3. Mi. und Fr. 16-19 Uhr oder: Tel. (0941) 702194.

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