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Dienstag, 26. September 2017 19° 5

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Mehrheit vermisst eine Stadthalle

Nach 30 Jahren könnte am Ernst-Reuter-Platz eine Lösung kommen. MZ-Redakteurin Marion Koller diskutiert mit drei Insidern.
Von Marion Koller, MZ

Wo jetzt der marode Wirsing-Bau (Mitte) aus den 70er-Jahren in die Höhe ragt, soll das Regensburger Kultur- und Kongresszentrum entstehen. Foto: Effenhauser/Stadt

Wie lange wird schon über eine Stadthalle gestritten?

Seit 1984 wird darüber diskutiert. Dreimal verwarfen die Wähler in Bürgerentscheiden den vom Stadtrat favorisierten Standort am Donaumarkt, wo heute das Museum der bayerischen Geschichte hochwächst. Jetzt gibt es einen neuen Anlauf. Bei den städtischen Ideenwerkstätten zum Areal zwischen Bahnhof, Ernst-Reuter-Platz und Maxstraße ist die Stadthallen-Debatte weitergegangen. Eins aber ist völlig klar: Beinahe zwei Drittel der Regensburger wünschen sich ein Kultur- und Kongresszentrum (RKK). Die Meinungsforscher von Mafotools haben Bürger auch zu dieser Frage interviewt. 61 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass die Domstadt eine Stadthalle braucht, ein Drittel (33 Prozent) verneint es. Die Befürworter finden sich gleichmäßig verteilt in allen Altersgruppen, von den 18- bis 34-Jährigen bis zu den Senioren ab 65.

Hier sehen Sie das Ergebnis unserer Umfrage:

Was sagen Veranstalter und die Altstadtfreunde?

Die Mittelbayerische Zeitung hat drei Spezialisten zu einer Debatte eingeladen: Prof. Peter Morsbach (61), Chef der Altstadtfreunde, Städtebau-Gutachter und Kunsthistoriker an der OTH, Arthur Theisinger (57), Geschäftsführer von Power Concerts und Konzertveranstalter, und Prof. Dieter Weiss (62), der an der Universität den Lehrstuhl für Physik der Mikro- und Nano-Strukturen leitet und alle drei Jahre einen Physikerkongress mit mehreren tausend Gästen organisiert.

Der Physiker Prof. Dieter Weiss hofft auf ein RKK. Fotos: Lex

Brauchen wir ein RKK am Ernst-Reuter-Platz? Weiss bejaht das. Die Wissenschaftler veranstalten Konferenzen und Workshops in der Altstadt. Das funktioniere gut, wenn die Besucherzahl 100 bis 200 nicht übersteigt, zum Beispiel im Runtinger-Saal oder im Thon-Dittmer-Palais. Für große, internationale Konferenzen mit mehr als 1000 Teilnehmern fehlten Räumlichkeiten. An der Uni stünden nur das Audimax und der Vielberth-Saal zur Verfügung, „der Rest ist abgewohnt“, sagt der Physiker. Aus Arthur Theisingers Sicht ist ein RKK mit 2000 bis 4000 Plätzen dringend erforderlich.

„Überzeugt, dass es nicht gebaut wird“: Arthur Theisinger, Power Concerts; Foto: Lex

Geplant sind allerdings rund 2000 Plätze. „Musicals, Pop- und Rock-Veranstaltungen gehen an Regensburg vorbei, weil Raum fehlt“, bedauert er. Der 57-Jährige zählt auf: Das Audimax bietet 1450 Plätze, die sich aber häufig durch Technikaufbauten auf 1300 reduzierten. Auch habe die Universität Vorrang als Nutzer. „Die Donau-Arena hat keinen großen Charme und man kann sie nur für Großveranstaltungen nutzen.“ Das RKK funktioniere nur zentrumsnah, dafür stelle er die ökologischen Aspekte, also Baumfällungen, hintan. Theisinger ist überzeugt, dass ein RKK Touristen anziehen wird, die zwei bis drei Tage bleiben, Stadt und Kultur genießen. Prof. Morsbach kann dem RKK durchaus etwas abgewinnen, doch nicht, wie jetzt geplant, am Ernst-Reuter-Platz. Dort müssten zu viele Alleebäume weichen. Außerdem sei die Feinstaubbelastung hoch. Warum also mehr Autos ins Zentrum locken? Die Stadt besitze zahlreiche Säle für kleine Veranstaltungen und für Massen-Events – vom Antoniushaus über Alte Mälzerei und Donau-Arena bis zum Bayern-Museum, das 2018 eröffnet (1000 Plätze).

Bringt ein RKK ein Defizit oder lohnt es sich letztendlich?

„Nicht um jeden Preis“, sagt Prof. Peter Morsbach von den Altstadtfreunden. Foto: Lex

„Ich meine, wir können uns das Geld fürs RKK und das gewaltige Defizit sparen“, appelliert Morsbach. Der suspendierte OB Wolbergs habe die jährlichen Verluste auf fünf Millionen Euro beziffert. Das kommentiert Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra auf Anfrage mit den Worten: „Die Aussage über fünf Millionen Defizit war nur eine Schätzung, dazu gibt es keine rechnerische Grundlage.“ Allerdings schreibe kein Kultur- und Kongresszentrum in Deutschland, das der Stadt bekannt sei, schwarze Zahlen. Die endgültigen Ergebnisse der Marktanalyse zum RKK werden voraussichtlich im Juni dem Stadtrat vorgestellt. Arthur Theisinger meint, dass der laufende Betrieb wie auch in der Donau-Arena nicht defizitär wäre. In den fünf Millionen seien wohl auch Baukosten-Rückzahlungen enthalten. „Die Besucher geben eine Menge Geld aus hier“, ist er überzeugt. Die städtischen Berechnungen für das Marinaforum, dass jeder Gast zusätzlich 70 bis 80 Euro pro Tag ausgebe, hält er zwar für „schön gerechnet“, doch die Kulturfreunde oder Tagungsteilnehmer nutzten sicherlich Handel und Gastronomie. Davon ist auch Prof. Weiss überzeugt.

Wird sich das Parkproblem in der Altstadt verschärfen?

Der Physiker beobachtet, dass Kongressbesucher oft aus dem Ausland anreisen: per Flugzeug und Bahn. Im Übrigen stünden im Dallmeier-Parkhaus beim Bahnhof Stellflächen zur Verfügung. Veranstalter Theisinger sieht das ebenso. Auch auswärtige Autofahrer steuerten, wohin man sie lenkt. Er sieht das Arcaden-Parkhaus und die Park-and-Ride-Plätze als geeignete Anlaufpunkte. Das stehe und falle aber mit der Busanbindung. „Im Übrigen sind es die Einheimischen, die immer bis ins Zentrum fahren.“ Weiss nennt noch die Parkplätze bei der Continental Arena. Morsbach meint, dass Staus programmiert sind, zumal die Autos nur über Galgenbergbrücke und Luitpoldstraße rollen könnten, wo auch jetzt schon viel los ist. Wenn noch eine Stadtbahn- oder Schnellbustrasse auf der Galgenbergbrücke dazu komme, sei das Chaos perfekt, glaubt der Altstadtfreund.

Mehr über den Regensburg-Trend 2017: Lesen Sie in unserem Spezial, wie beliebt die Regensburger Politiker sind.

Wie sollte das RKK ausgestattet werden?

Diese Frage erscheint den drei Experten äußerst wichtig. „Man muss genau definieren, was man haben will“, erklärt Physiker Dieter Weiss. Für internationale Kongresse würden mehrere Säle benötigt. Konzertveranstalter Theisinger fordert eine „gehobene Halle“ mit guter Bühnentechnik, ansteigender Bestuhlung und einem großen Foyer mit Gastronomie. Er versteht nicht, warum die Stadt beim Marinaforum im alten Schlachthof eine ebenerdige Bestuhlung plant. Dazu sagt Pressesprecher Michael Vogel von der Regensburg Touristik GmbH auf MZ-Anfrage, der Wunsch des Stadtrats sei gewesen, die Schlachthofhalle als Tagungszentrum auszurichten. Einer aufsteigenden Bestuhlung wurde aufgrund der teuren Anschaffung sowie der Folgekosten nicht zugestimmt – trotz Hinweis der RTG, dass dies für Veranstaltungen äußerst hilfreich wäre. Das Marinaforum verfüge über die in der Tagungsbranche übliche Technik, bei der der Redner oder die Podiumsteilnehmer abgefilmt und sowohl auf die große Leinwand projiziert, als auch auf die im Forum platzierten Bildschirme nach hinten übertragen werden. Die Bühne sei in zwei Sonderhöhen einstellbar, so dass ihr Niveau auf 1,34 Meter angehoben werden kann.

Wie soll ein Kultur- und Kongresszentrum aussehen?

Die Ideenwerkstätten liefen sehr gut. Foto: Effenhauser/Stadt

Bei den städtischen Ideenwerkstätten haben die Bürger ein dezentrales Gebäude mit mehreren Sälen und Räumen gefordert, die auch angemietet werden können. Der Flächenverbrauch solle nicht größer sein als mit der gegenwärtigen Bebauung durch das Studentenwohnheim (Wirsing-Bau), Läden und Bank. Bei einer MZ-Umfrage im Frühjahr betonten Bürger, ihnen schwebe kein futuristischer Bau vor, sondern ein Gebäude, das sich in die Umgebung einfügt. Visionäre Architektur aber sei schon gefragt. Prof. Weiss gibt zu bedenken, dass das Kultur- und Kongresszentrum vom Gesamtumfeld abhänge, das derzeit überplant wird. „Es ist eine sehr markante Stelle und muss schon ästhetischen Ansprüchen genügen.“ Dachbegrünung oder verschiedene Ebenen, die begrünt werden, hält der Wissenschaftler für denkbar. Städtebau-Gutachter Morsbach verlangt: „Es muss absolut qualitätsvoll sein, nichts Gesichtsloses.“ Die Bauhaus-Universität Dessau habe schon einmal einen RKK-Bau vorgeschlagen, der sich auf kleinere Kuben verteilt. Doch der Flächenverbrauch mache ihm Sorgen. Die Dessauer hätten zwar nur das jetzt auch bebaute Areal überplant, „aber es kommt darauf an, was man reinpacken will“. Arthur Theisinger schätzt, dass mehrere verbundene Gebäude mehr Flächen verbrauchen. Er zieht einen Gesamtkomplex vor, der multifunktional genutzt wird. „Das macht meiner Meinung nach mehr Sinn.“

Bringen die Gegner das RKK zu Fall?

„Ich bin nach dem Gespräch, das wir hier führen, überzeugt, dass es nicht gebaut wird“, sagt Konzertveranstalter Arthur Theisinger mit Blick auf den Standortkritiker Morsbach und die rund 100 Altstadtfreunde, die hinter diesem stehen. Der 57-jährige zeigt sich auch skeptisch, ob Bürger, Planer und Stadt wirklich einen gemeinsamen Nenner finden werden. Schließlich hätten die Regensburger bei den Ideenwerkstätten betont, dass sie ein Bürger- und Kulturhaus wollen. Prof. Weiss betont, alle drei Diskussionsteilnehmer sähen den Bedarf für ein RKK. „Ich denke, viel hängt davon ab, ob die Pläne akzeptabel und attraktiv sein werden“, meint er. „Ich hoffe, dass das RKK bald realisiert wird, auch wenn ich es in meiner beruflichen Laufbahn nicht mehr nutzen werde.“ Städtebau-Gutachter Peter Morsbach warnt: „Nicht um jeden Preis.“

In unserem Spezial zum RKK finden Sie Berichte über aktuelle Entwicklungen sowie einen Rückblick.

Wie sieht der politischeStand der Dinge aus?

Der Stadtrat hat Ende November 2016 beschlossen, dass die Kommune am Bau eines Kultur- und Kongresszentrums am Standort Ernst-Reuter-Platz festhält. Der zum Teil hochwertige Baumbestand des Alleengürtels sei im Rahmen der Aufgabenstellung größtmöglich zu schützen. Beim Planungsverfahren seien Minimierungsmöglichkeiten von Eingriffen zu erarbeiten. Für den Herbst 2017 ist nach der Bundestagswahl ein Ratsbegehren bzw. Bürgerentscheid geplant, bei dem die Regensburger über die bis dahin fertigen Pläne für den Bereich zwischen Bahnhof, RKK und Maxstraße abstimmen können. Bisher haben zwei Ideenwerkstätten mit Planern und Bürgern stattgefunden. Die wichtigsten Ergebnisse: Der Zwischenstand der Marktanalyse zum Kultur- und Kongresszentrum wurde präsentiert. Die Unternehmensberatung ghh consult aus Wiesbaden fasst zusammen, dass bei Veranstaltern die Nachfrage nach einem Raum für größere Personengruppen besteht, da eine Vielzahl an Konzerten und Events derzeit in Regensburg nicht durchgeführt werden könne. Die Befragung habe gezeigt, dass dies nur funktioniere, wenn in dem Gebäude kulturelle Veranstaltungen und Kongresse über die Bühne gehen können. Zudem hält ghh eine Gastronomie im direkten Umfeld für unverzichtbar. Ein Schwerpunkt des Hauses sollen nach Ansicht der Experten Veranstaltungen mit regionalem Bezug sein. Vieles davon wünschen sich auch die Bürger.

Eine Chronologie zum Regensburger Kultur- und Kongresscentrum sehen Sie hier:

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