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Regensburg
Mittwoch, 22. November 2017 7

Medizin

Mit kranken Kindern wird nichts verdient

Der Kostendruck bei Kinderkliniken steigt auch in der Oberpfalz. Das Krankenhausstrukturgesetz ignoriert kleine Patienten.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

In der Kindermedizin kann wenig geplant werden, meist kommen die kleinen Patienten als Notfälle. Für die Kliniken bedeutet das hohe Fixkosten, deren Finanzierung momentan nicht abschließend geklärt ist.Foto: dpa

Regensburg.Ein Teenager wartet auf den Gips für den gebrochenen Arm. Im Sprechzimmer daneben hat ein Vater die Babyschale mit seinem wenige Monaten alten Mädchen abgestellt. Der Säugling hat Fieber. Im Wartezimmer sitzt noch ein halbes Dutzend Kinder mit akuten Infektionen, Schnittwunden, Sportverletzungen. Ein typischer Freitagabend in der KUNO-Notfallambulanz an der Klinik St. Hedwig in Regensburg. Wenn die niedergelassenen Kinderärzte ins Wochenende gehen, dann geht es hier rund. Für die Eltern ist es beruhigend zu wissen, wohin sie sich im Notfall wenden können. Doch für die Kliniken ist die Kinder- und Jugendmedizin ein defizitäres Geschäft. Nach Schätzungen der Gesellschaft der Kinderkrankenhäuser und Kinderabteilungen in Deutschland (GKinD) bis zu 40 Kinderstationen in den kommenden Jahren von einer Schließung bedroht sein könnten.

„Man muss es sich leisten wollen“

In der Oberpfalz gibt es neben den beiden großen KUNO-Standorten St. Hedwig (112 Planbetten) und Universitätsklinikum Regensburg (45 Betten) eine Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum St. Marien in Amberg mit 40 Betten sowie eine Pädiatrie am Klinikum Weiden mit 89 Betten. In Niederbayern werden kleine Patienten in Deggendorf und Passau medizinisch versorgt. „Eine Kinder- und Jugendmedizin muss man sich als Träger schon leisten wollen“, sagt Hubert Graf, kaufmännischer Direktor am Klinikum St. Marien in Amberg. „Mit Hüftoperationen kann man Geld verdienen, mit der Versorgung von Kindern und Jugendlichen zahlt man drauf.“

Für den Direktor der KUNO-Kliniken, Prof. Dr. Michael Melter, wurde bei der Reform des Krankenhausstrukturgesetzes, die am 1. Januar 2016 in Kraft getreten ist, die besondere Situation der Kinder- und Jugendkliniken nicht berücksichtigt, was nun zu einer weiteren Verschärfung bei der finanziellen Ausstattung führe. Denn Erkrankungen bei Kindern sind meist akut und deshalb kaum planbar. Die Notfallquote liegt bei rund 80 Prozent. Prof. Melter spricht sogar von bis zu 90 Prozent in der KUNO-Klinik St. Hedwig.

Kliniken gehen in Vorleistung

Für die Kliniken bedeutet das: sie müssen hohe Fixkosten in Kauf nehmen, also medizinisches Personal und Gerätschaften für Kinder aller Altersgruppen (vom Frühgeborenen bis zum 17-Jährigen) vorrätig halten, ohne vorher zu wissen, ob es dann tatsächlich benötigt wird. Kosten, die die Krankenkassen nicht übernehmen, da sie über die Fallkostenpauschalen abrechnen. Die sogenannten DRGs (Diagnosis Related Groups) greifen erst dann, wenn Patienten stationär behandelt werden. Melter nennt als Beispiel die Neugeborenen-Intensivmedizin. „Wir haben inzwischen das größte Perinatalzentrum Bayerns mit 24 Intensivbetten. Weil Frühgeburten nicht planbar sind, halten wir immer einen ausreichend großen Personalstamm vorrätig, ohne dass diese Kosten refinanziert werden.“

Das unterstreicht auch Bettina Wolf, Leiterin Controlling/Entgeltrecht der Kliniken Nordoberpfalz AG in Weiden, wo ebenfalls in Kooperation mit dem Klinikum St. Marien in Amberg ein Perinatalzentrum des höchsten Levels angesiedelt ist. „Aufgrund der hohen Richtlinien sind wir dazu verpflichtet, keine Abstriche in der Kindermedizin zu machen. Das ist uns durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) so vorgeschrieben, auch wenn bislang keine finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt werden.“ Das Krankenhausstrukturgesetz biete die Möglichkeit, die Mehrkostenzuschläge zu finanzieren, die Umsetzung und Durchführung sei seitens des Gesetzgebers aber bislang nicht geklärt worden, beklagt Wolf. Die Kliniken gehen in Vorleistung und wissen noch nicht, wer am Ende zahlt. „Wir verhandeln nun auf Ortsebene mit den Krankenkassen, was aber schwer ist“, so Wolf.

Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU), selbst Mutter von zwei Kleinkindern und Ärztin, hält die finanzielle Ausstattung der Kliniken durch das neue Krankenhausstrukturgesetz grundsätzlich für ausreichend. „Die aktuelle Krankenhausreform beinhaltet eine Reihe von Regelungen, die kleine Krankenhäuser im ländlichen Raum stabilisieren sollen, z. B. die neuen Zuschläge für Notfallvorhaltungen oder konkretisierte Bedingungen für Sicherstellungszuschläge.“ Sie verspricht, dass Bayern genau beobachten werde, wie sich die Lage der Krankenhäuser nach der Reform weiterentwickeln wird. „Eine wohnortnahe Krankenhausversorgung ist mir wichtig“, betont Huml auf Nachfrage unserer Zeitung. Auch der Chamer Landtagsabgeordnete und Arzt Dr. Karl Vetter (Freie Wähler) sieht in der Erwachsenenmedizin im neuen Krankenhausstrukturgesetz durchaus Verbesserungen. „Aber auf die Versorgung von Kindern und Jugendlichen geht das Gesetz überhaupt nicht ein.“ Ein geforderter Zuschlag Kindergesundheit sei nicht umgesetzt worden. „Das ist unbefriedigend.“

Die Gesellschaft für Kinderkrankenhäuser und Kinderabteilungen in Deutschland (GKinD) drängt auf einen solchen Sicherstellungszuschlag für alle pädiatrischen Einrichtungen. Geschäftsführer Jochen Scheel will verhindern, dass die medizinische Versorgung von Kindern und Jugendlichen noch mehr an betriebswirtschaftliche Überlegungen geknüpft wird. „Es soll auch in Zukunft möglich sein, dass eine Kinder- und Jugendmedizin in einer Entfernung von 30 bis 40 Kilometern zu erreichen ist. In den vergangenen 25 Jahren hat sich die Zahl der Kinderkliniken in Deutschland bereits von 440 auf 364 verringert. Die GKinD hat errechnet, dass es bei weniger als 2000 stationär behandelten Kindern für die pädiatrischen Abteilungen finanziell kritisch wird. Denn allein die Schaffung der benötigten Infrastruktur sei bei kleineren Kliniken mit 3 bis 3,5 Millionen Euro zu veranschlagen, sagt Scheel.

KUNO-Direktor Melter sieht die flächendeckende Versorgung in spezialisierten Kinderabteilungen in Ostbayern als dringend notwendig an. Nach seinen Vorstellungen sollte hierzu die Zusammenarbeit der Kinderkliniken zukünftig noch enger werden. Bereits jetzt arbeiten das Klinikum St. Marien Amberg und das Klinikum Weiden zusammen. „Außerhalb der Ballungszentren werden zukünftig große Kinderkliniken, wie die KUNO-Kliniken, als Kern eines Netzwerkes dienen, von dem aus ein besserer Austausch von Know how oder Personal mit den assoziierten kleineren Kliniken der Umgebung stattfinden kann“, lautet einer von Melters Vorschlägen. Melter könnte sich etwa vorstellen, dass KUNO von Regensburg aus Notfallteams entsendet, um Eingriffe, wie Darmspiegelungen, an den Kliniken durchzuführen, die auf diese Verfahren bei Kindern nicht spezialisiert sind. „Das würde den Kindern die Verlegung nach Regensburg ersparen und ihren Eltern weite Wege“, so Melter.

Denn in den KUNO-Kliniken stellt man seit Jahren fest, dass sich viele Eltern lieber gleich ins Auto setzen und ihr Kind ins Notfallzentrum bringen – egal, wie weit die Anreise auch ist. Von rund 19 000 Patientenkontakten im Jahr 2011 hat sich die Zahl der Notfallpatienten in der Klinik St. Hedwig auf rund 26 000 im Jahr 2015 gesteigert, davon 20 000 ambulante Behandlungen. „Und in den ersten zwei Monaten 2016 haben wir schon wieder einen Anstieg von zehn Prozent“, sagt KUNO-Direktor Melter.

Auch in der ambulanten Versorgung von Kindern sind die Kosten ein leidiges Thema. „Die Notfälle sind chronisch unterfinanziert. Das Klinikum Amberg erhält eine Notfallpauschale von 40 Euro, faktisch liegt der Aufwand aber bei rund 120 Euro pro Kind“, rechnet der kaufmännische Direktor Hubert Graf vor. An den kleinen Patienten, das betonen die Verantwortlichen, wird aber trotzdem auf keinen Fall gespart. Josef Götz, Vorstand der Kliniken Nordoberpfalz AG betont: „Für uns als kommunale Klinik ist neben der wirtschaftlichen Betrachtung auch die Sicherstellung der Versorgung von extrem hoher Bedeutung.“ Die Klinik werde die Zusammenarbeit mit dem Klinikum Amberg weiter intensivieren, um Synergieeffekte zhu nutzen. Die größte Herausforderung werde es dabei sein, fachlich kompetente Ärzte und Pflegekräfte verfügbar zu haben - und dies unter großem wirtschaftlichem Druck.“

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