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Regensburg
Donnerstag, 14. Dezember 2017 3

Nachruf

Ohne ihn gäb‘s wohl keinen „Donaustrudl“

Trauer um Pater Alfred Welker. Als Regensburger Jugendpfarrer weckte er das soziale Gewissen der Nachkriegsgeneration.
Von Helmut Wanner, MZ

  • Pater der Banditen: Alfred Welker SJ war von 1971 bis 1974 Jugendpfarrer in Regensburg. Foto: MZ-Archiv
  • 30 Jahre lang lebte der Pater der Banditen in der Hölle von Cali. Foto: SJ
  • Reinhard Kellner (links) besuchte Pater Welker (mit Kappe) in Pasing. Dabei war Reinhold „Schoko“ Müller. Foto: Kellner

Regensburg. Es gab tatsächlich mal alternative Christmetten in Regensburg. Darin drängte sich die fein nach männlich und weiblich getrennte katholische Jugend von Helian bis GCL (Gruppe christliches Leben) und Neu Deutschland (ND) bis MC (Marianische Jugendcongregation). In wechselnden Kirchen wie St. Kassian, St. Jakob und Dominikanerkirche haben sie selbst dann noch stattgefunden, als Pater Welker 1974 beim Bischof in Ungnade gefallen und nach Nürnberg weiter gezogen war, um dort mit gefährdeten Jugendlichen zu arbeiten.

Diese Metten waren eine Herausforderung fürs Geschmacksempfinden. Bei Pater Alfred Welker gab es nicht Flötentöne und Glockenklang. Rudi Kobler, Chef des Chors „Nova Capella“, hat die Maschinengewehrsalven im Ohr, die des Jesuitenpaters Verkündigung des Evangeliums begleiteten. Botschaft: Wir lassen uns hier die Gans schmecken - und die Welt brennt. Die Salven wurden über Tonband eingespielt.

30 Jahre in der Hölle von Cali

Alfred Welker hat mit seiner später in der Hölle von Cali radikal vorgelebten Gleichsetzung von Glaube und aktiver Mitmenschlichkeit einen Teil der christlichen Regensburger Nachkriegsgeneration geprägt. Ohne ihn gäbe es für Reinhard Kellner schlicht keinen „Donaustrudl“. Kellner bezeichnet den Jesuiten Alfred Welker als einen der Väter der Regensburger Sozialen Initiativen. So zog dieser radikale Christ im Sinne Ernesto Cardenals lebendige Spuren auch durch die Regensburger Geschichte.

Man glaubt gar nicht, wen Welker als Jugendpfarrer zwischen 1971 und 1974 alles in den Gruppenstunden hatte. Wirt Hubert Fromm, Rudi Kobler, Reinhold „Schoko“ Müller, den Anwalt Charly Rosner, Karl Eckert, den Finanzreferenten der Stadt und einige andere haben deswegen bald einen gemeinsamen Termin. Am Samstag, 23. Januar, 19.30 Uhr, versammeln sich ergraute Männer, die sich in Regensburg als Ärzte, Anwälte, Beamte, Wirte und Sozialarbeiter einen Namen gemacht haben, um Don Alfredo beim Bier zu betrauern und sich nebenbei auch an ihre wilde Jugendzeit zu erinnern.

Sie treffen sich bei einem der Ihren, Hubert Fromm, dem Wirt vom Berghammer in Oberndorf. Reinhard Kellner hat sogar vor, das Welkergedenken zu einem festen Termin zu machen. „Entweder an seinem Geburtstag, 14. April oder seinem Todestag, 30. Dezember“, sagt Kellner.

Es war eine schöne Jesuiten-Leich

Der Lehrer Klaus Kobler wird von der Beerdigung in Pasing berichten. Als ehemaliger Jugendleiter war er dabei: Es war eine schöne Leich, mit allem was Jesuiten zu bieten haben. Der Provinzial hat geredet. Alfred sei für viele einer gewesen, der faszinieren konnte, der aber auch viele verunsicherte. Auch im Orden haben ihn einige lieber in der Distanz erlebt.

Nach Angaben von Reinhard Kellner flossen Monat für Monat 40 000 Euro an Spendengelder von Deutschland nach Kolumbien, ein schöner Batzen stammte aus Regensburg. Das Geld überwies die Missionsprokur an sein Sozialwerk „Die Kinder von Cali“. Kinderkrippe, Grundschule – mit immerhin 3350 Kindern, Gymnasium, Krankenstationen, regelmäßige ärztliche Versorgung, Werkstätten und der Aufbau einer einigermaßen menschenwürdigen Infrastruktur mit Kanalisation und befestigten Wegen sind dadurch möglich geworden. Der knorrige Bauernsohn aus Stiebarlimbach (Forchheim) wurde über Johannes B. Kerner im ZDF 2002 einem Millionen-Publikum bekannt.

„Schüchtern, harmlos und bartlos“ war er als Kaplan 1965 ins Noviziat eingetreten. Nach seiner Zeit als Jugendpfarrer in Regensburg ging Pater Welker nach Nürnberg, wo er von 1974 bis 1981 die Jugendarbeit im Caritas-Pirckheimer-Haus leitete.

Für sein Tertiat, eine ordensinterne Ausbildung, ging Pater Welker 1981 nach Kolumbien. Von Aguablanca, dem berüchtigtsten Slum der Millionenstadt Cali, schrieb er seinen berühmten ersten Rundbrief „100 Tage in der Hölle von Cali“. Er verließ die Jesuitenzentrale und richtete sein Pfarrhaus in einer Hütte ein, um nahe zu sein. Er kämpfte gegen Überschwemmungen, gegen sinnloses Morden, vermeidbare Kindstode, Gewalt in kaputten Familien und gegen die Armut. Zweimal entging er Mordanschlägen.

2011 kam er zurück. Er litt an schwerer Demenz. Reinhard Kellner hat ihn in Pasing besucht. „Die 30 Jahre in der Hölle von Cali sind komplett weg“, sagt Kellner. Den Padre Alfredo hatte er in Kolumbien gelassen.

Lebenstationen Pater Welkers

  • Hölle von Cali:

    Wenn es in einem Stadtviertel jährlich zehn vollendete Morde gibt, wird man das kaum als Beispiel für erfolgreiche Gewaltprävention feiern. Anders ist es, wenn man weiß, dass es sich bei dem Stadtviertel um eine Slumregion der kolumbianischen Millionenstadt Cali handelt und dass dort in der Vergangenheit pro Jahr durchschnittlich 80 Ermordete zur traurigen Verbrechensbilanz gehörten. Zu danken ist dieser Rückgang der Arbeit des Jesuiten Alfred Welker.

  • Die letzten Jahre:

    „Er sieht glücklich aus“, sagte Reinhard Kellner (links). Der liebe Gott, dem er in den Menschen von Cali so hingebungsvoll gedient hat, dass man ihn dort „einen Heiligen unserer Tage“ nennt, hatte wohl ein Einsehen und ließ ihn am Ende das Elend vergessen. Der Pater (Mitte) erinnerte sich am Ende nur an seine „schönen Jahre“ - auch an die Regensburger Zeit (bis 1974), als er als junger Jesuitenpater in der Schottenstraße die Jugendgruppe der MC führte.

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