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Bildung

Pädagogen planen „freie Schule für alle“

Demokratisch, feininklusiv und selbstbestimmt – in zwei Jahren sollen an der Karfunkel-Grundschule in Regensburg die ersten Kinder unterrichtet werden.
Von Heike Haala, MZ

Melden sollen sich die Grundschüler der geplanten Karfunkel nicht nur dann, wenn sie etwas wissen, sondern auch, wenn eine ihrer zahlreichen Entscheidungen ansteht, die sie im Schulalltag fällen dürfen. Foto: dpa

Regensburg.Keine Noten, keine Klassen, keine Hierarchien – das, was das 20-köpfige Pädagogen-Team um Kathrin Plank und Michael Bauernschuster vorhat, klingt als ob Regensburger Abc-Schützen ihre Grundschulzeit bald in Pippi Langstrumpfs Villa Kunterbunt absolvieren könnten. Dahinter steckt ein Konzept, das das Team in zwei Jahren umgesetzt haben will. Sie wollen eine neuartige Grundschule in Regensburg etablieren, die soll „Karfunkel“ heißen.

Plank, die nach ihrem Grundschulreferendariat an der Universität Passau im Fach Grundschulpädagogik promoviert, erklärt, dass es sich dabei um eine „Schule für alle“ handelt, deren Konzept auf drei Säulen fußt: auf dem selbstbestimmten Lernen, auf der Feininklusion und der demokratischen Bildung.

Schulalltag selbst gestalten

Das Schulkonzept sieht beispielsweise vor, dass der Schüler sich aussuchen kann, welchen Stoff er wann lernt und ob das in Interessensgruppen geschieht oder alleine. Zudem soll es keine herkömmlichen Klassen oder Noten geben. Für den Übertritt an weiterführende Schulen werden die Kinder an der Karfunkel vorbereitet. Inklusion hat an der Karfunkel nicht nur die Aufgabe, Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen zu ermöglichen, die Kinder sollen vielmehr davon profitieren, dass sie unterschiedlich sind. Laut Konzept steht jedem Kind an der Karfunkel individuelles Arbeiten und individuelle Förderung zu. So sollen Stärken und Interessen offengelegt werden. Teilhabe heißt für das Karfunkel-Team auch, dass die Kinder lernen sollen, an ihrem Umfeld mitzugestalten. Sie sollen diskutieren lernen und wie sie sich in der Gesellschaft einbringen können – und zwar in ihrem Regensburger Umfeld. Neben dem Unterricht vermittelt auch die Schulstruktur selbst demokratische Entscheidungsprozesse: etwa gibt Streitschlichter, ein Rechtskomitee und die wöchentliche Schulversammlung.

Finanziert werden soll die Privatschule über staatliche Förderung, Stiftungsgelder, einen Trägerverein und über Elterngeld. Damit die Schule für alle aber nicht zu einer Schule wird, die sich lediglich bestimmte Menschen leisten können, richtet sich der Beitrag, den Eltern zahlen sollen, nach ihren individuellen Möglichkeiten. Einen Finanzierungsplan hat Plank mit dem Team bereits ausgearbeitet. Ebenso haben sie sich auf die Suche nach einem möglichen Gebäude gemacht und bereits einige Optionen aufgetan. Der Trägerverein wurde gerade aus der Taufe gehoben.

Staat muss Konzept genehmigen

Bevor die Schule an den Start gehen kann, ist es dennoch ein weiter Weg, auf dem die Initiative unter anderem den staatlichen Genehmigungsprozess durchlaufen muss. Auch wenn die Karfunkel eine private Schule ist, fungiert der Staat als Aufsichtsbehörde. Dafür ist Regierungsschuldirektor Erwin Zenger zuständig. Er hat die Aufsicht über private Grund- und Mittelschulen in der Oberpfalz inne. Ein Genehmigungsantrag der Karfunkel liegt ihm noch nicht vor. Muss er auch nicht: „Wenn eine Schule im September an den Start gehen will, brauche ich den Antrag im März davor“.

Private Schulen besitzen zwar viele Freiheiten, bevor sie aber genehmigt werden, müssen sie einige Kriterien erfüllen. Neben dem Finanzierungsplan für die ersten beiden Schuljahre, dem Schulhaus und dem Schulträger, wird dann beispielsweise auch das pädagogische Konzept geprüft. Es muss sich laut Zenger nicht nur eklatant von staatlichen Schulkonzepten, sondern auch von denen der weiteren privaten Schulen im Einzugsbereich unterscheiden, sagt Zenger. Er zählt auf, dass er bei Abgabe des Antrags außerdem das Lehrerkollegium darauf überprüfen werde, ob es eine staatliche Ausbildung für das Lehramt an Grundschulen durchlaufen hat. Auch den künftigen Schulleiter wird er sich genau ansehen. Zudem muss es sicher Schüler geben.

Voraussetzungen, die nicht gerade einfach zu erfüllen sind. Deswegen gibt es den Verein „European Democratic Education Community“ (Eudec). Die Organisation unterstützt Einzelpersonen, Schulen und andere Organisationen in Europa dabei, demokratische Bildung als Bildungsmodell zu fördern. So bekommen auch die Mitglieder der Karfunkel-Initiative die Möglichkeit, sich mit anderen Schulen oder Initiativen zu vernetzen und sich auszutauschen – und zwar mit 45 Mitgliedsschulen in 16 Ländern.

Zehn Jahre Erfahrung in Stuttgart

Beispielsweise in Stuttgart: inklusiv-demokratisch organisierte Freie aktive Schule (Fas) nahm den Betrieb vor zehn Jahren auf und wird in diesem Schuljahr ihren ersten Realschuljahrgang verabschieden. Hier können die Schüler nicht nur bestimmen, welchen Stoff sie zu welcher Zeit und in welchem Umfeld lernen müssen, sie haben sogar ein Mitspracherecht, wenn es darum geht, welche Lehrer eingestellt werden.

Klaus Soukup von der Schulinitiative sieht den Vorteil in dieser Art des Unterrichts darin, dass die Kinder, die diese Schule verlassen, besser über sich Bescheid wissen. Sie kennen sich selbst, sie können soziale Gefüge einschätzen und wissen, wie sie selbst darin funktionieren. Außerdem wissen sie, auf welche Weise sie sich entscheiden: „Denn sie entscheiden sich an unserer Schule ja mehrfach täglich.“

Auch die Finanzierung nach dem Solidaritätsprinzip sei in den vergangenen zehn Jahren nie ein Problem gewesen: Die Eltern bekommen bei Aufnahmegespräch eine Tabelle vorgelegt, in denen das Schulgeld nach Einkommensklassen aufgeschlüsselt wird. Jeder könne zahlen, so viel er will. In einen finanziellen Engpass hätte das den Träger noch nie gebracht. Auch mache es keine Probleme, dass die Eltern unterschiedlich viel Schulgeld zahlen. „Manche können mehr Geld geben, dafür engagieren sich die anderen längere Zeit ehrenamtlich“, sagt Soukup.

An die Anfangszeit kann Soukup sich noch gut erinnern. Von der ersten Idee zum ersten Schultag hätte es bei dieser Initiative nicht länger als ein Jahr und drei Monate gebraucht. Doch diese Zeit zehrte bisweilen ganz schön an den Nerven der Mitglieder der Initiative. Schließlich mussten sie erst einmal viel Geld investieren, ohne dass sie etwas dafür in den Händen hielten: in das Gebäude, in die Sanierung, in die Lehrer. Die Stimmung in der Gruppe hätte ihm damals über manchen Frust hinweggeholfen, sagt er.

Während die Karfunkel-Initiative diesen Prozess noch vor Sicht hat, haben ihn die Mitglieder der Sudbury-Initiative aus München gerade hinter sich – ihre Mitglieder eröffneten in der vergangenen Woche die erste demokratisch-inklusive Schule in Bayern.

In den kommenden Wochen wird das Karfunkel-Team sein Schulkonzept mehrfach präsentieren: Beim Aktionstag „Regensburg neu gestalten“ am Samstag, ab 13.30 Uhr, im ESG-Raum des Alumneums Info-Abende gibt es außerdem am 13. Oktober und 10. November jeweils um 19 Uhr im W1 — Zentrum für junge Kultur. Dort gibt es einen Vortrag zum Thema „Karfunkel Regensburg, eine freie Schule für alle“.

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