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Regensburg
Samstag, 22. Juli 2017 30° 2

Berufsverkehr

Pendler haben tausendfachen Stress

Mit der Boomtown Regensburg wachsen die Pendlerströme. Das hat Folgen für die Gesundheit – und die Unterhaltungsindustrie.
Von Norbert Lösch, MZ

Regelmäßig staut sich der Verkehr auf der Autobahn vor dem Pfaffensteiner Tunnel. Foto: Lex

Regensburg.Man kann es drehen und wenden, wie man will: In der Boom-Region Regensburg pendeln immer mehr – und in Stoßzeiten viel zu viele – Berufstätige mit dem Auto zwischen Wohnort und Arbeitsplatz. Belastbare Zahlen über den Anteil der ÖPNV-Nutzer unter den Pendlern gibt es zwar nicht, sie liegen aber deutlich unter dem Wert großer Ballungsräume. Experten gehen davon aus, dass rund zwei Drittel der mittlerweile weit über 70000 Einpendler in die Stadt Regensburg das Auto nutzen und keine 20 Prozent öffentliche Verkehrsmittel. Viel ungenutztes Potenzial hin zu mehr ÖPNV und weniger verstopften Straßen gibt es vor allem mit Blick auf die Stadt-Umland-Beziehung. Das ist Fakt, auch wenn die politische Diskussion darüber immer wieder zu einer ideologischen Auseinandersetzung gerät.

Täglich 90 000 Menschen in die Stadt und aus der Stadt

Fakt ist auch, dass die Zahl der Berufspendler in den vergangenen 20 Jahren stark gestiegen ist. Die Statistik der Stadt Regensburg wies für 1995 gut 51000 Einpendler aus, fünf Jahre später waren es knapp 58 000, 2005 wurden knapp 62 000 Einpendler gezählt und zuletzt (Stichtag 30. Juni 2015) mehr als 73000. Das sind noch einmal deutlich mehr als die zuletzt von der Bundesagentur für Arbeit beziehungsweise dem Statistischen Bundesamt genannte Einpendler-Zahl von 71226 (siehe Grafik; die Daten stammen aus dem Jahr 2014). Zusammen mit mehr als 17000 Auspendlern – die meisten davon mit 6400 in den Landkreis Regensburg, aber immerhin auch rund 1500 nach München und weitere 2800 ins restliche Oberbayern – bewegen sich an jedem Arbeitstag also rund 90000 Menschen in die Stadt und aus der Stadt, um ihren Arbeitsplatz zu erreichen.

Dazu kommen fast 40000 interne Pendler, das sind Regensburger, die auch in der Stadt arbeiten. Auch diese Gruppe ist in den letzten zehn Jahren um fast 10000 Menschen gewachsen, auffällig sprunghaft seit 2010.

Unsere Grafik bietet einen Überblick über den Pendelverkehr nach Regensburg:

ÖPNV ja – aber nur, wenn es schnell geht

Für Regensburg gilt eine Faustregel besonders: Je kürzer die Entfernung zwischen Wohnung und Arbeitsstätte ist, desto häufiger greifen Arbeitnehmer zum Autoschlüssel. Nur bei den Pendlern, die sich innerhalb der Stadtgrenzen bewegen, kann je nach Verbindung und Zeitaufwand der Bus mit dem Auto konkurrieren. Und Fernpendler, etwa nach München und Nürnberg, nutzen Zug, U-Bahn, Straßenbahn und Bus ebenso häufig – ebenfalls vorausgesetzt, sie kommen wenig umständlich und zeitraubend zum Bahnhof beziehungsweise von dort weg.

Pendlerforscher sagt: Bahn und Bus sind gesünder

Das Pendeln ist zur Massenbewegung geworden – mit Folgen nicht nur für den Verkehr, sondern auch für die eigene Gesundheit und Freizeit. Wer Bahn und Bus nutzt, handelt nach Überzeugung des Pendlerforschers Steffen Häfner durchaus richtig: „Das Fahren mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist gesünder und nervenschonender“, sagt er. Andererseits ist der tägliche Weg zur Arbeit und wieder nach Hause umso anstrengender, je länger er ist – unabhängig von der Wahl des Verkehrsmittels. Nach Erhebungen des Statistischen Bundesamts brauchen 22 Prozent der Arbeitnehmer mehr als 30 Minuten, knapp vier Prozent sind sogar länger als eine Stunde zum Arbeitsplatz unterwegs.

In dieser Grafik sehen Sie die Ein-/Auspendler sowie die Einwohnerzahlen der einzelnen Gemeinden. Durch einen Klick können Sie die Spalten auf- oder absteigend sortieren lassen:

Quälend: Das Gefühl, Zeit zu vergeuden

Dieser Zeitaufwand führt zu Stress und Frust – was auf Dauer gar nicht gesundheitsfördernd ist. Pendler haben oft das Gefühl, ihre Zeit zu vergeuden. Das nagt an ihnen – im Extremfall so sehr, dass psychische Probleme auftreten.

Krankenkassen wie die AOK stellen schon seit Jahren fest, dass Arbeitnehmer, die vor und nach ihrem Acht-Stunden-Tag viel Zeit auf Straße oder Schiene „liegenlassen“, häufiger krank sind als andere. Die häufigsten Symptome sind neben psychischen Beeinträchtigungen auch körperliche Beschwerden: Magen-Darm-Probleme, Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Erschöpfung.

Am heftigsten trifft es die Autofahrer. Täglich sind auch rund um Regensburg Tausende genervt, wenn es wieder einmal so langsam vorangeht, dass sie zu spät zum Arbeitsplatz kommen. Auto-Pendler stehen rund 58 Stunden pro Jahr im Stau. Das haben Stauforscher ausgerechnet. Vor allem im November steigt die Staugefahr – zu einer Jahreszeit also, der man ohnehin nachsagt, schlechte Befindlichkeiten bis hin zur Depression auszulösen.

Zeitvertreib in Bus und Bahn

  • Mindestens 30 Minuten Zeit

    Bereits jeder vierte Berufstätige braucht Tag für Tag mehr als 30 Minuten Fahrtzeit pro Strecke nur für den Transfer – und auch der Anteil der Langzeitfahrer wächst. Diese Zahlen, erhoben vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, decken sich mit jenen, die der TV-App-Anbieter dailyme in einer Pendlerstudie mit über 6000 Teilnehmern 2015 ermittelte.

  • Mobile Unterhaltung ist gefragt

    Für viele dieser Berufsreisenden stellt sich die Frage, wie sie ihre reduzierte Freizeit optimal ausschöpfen können. Das Motto lautet: Jede Fahrt ist nur so trist, wie man sie gestaltet. Entsprechend groß ist mittlerweile die Nachfrage nach mobilen Unterhaltungsangeboten für den regelmäßigen Arbeitsweg. Videos auf Abruf beispielsweise bieten immer mehr Dienstleister an – auch mit Offline-Funktion für Bahn-Pendler.

  • Über die Studie:

    6051 Pendler aller Alters- und Berufsgruppen nahmen an der Umfrage von dailyme TV teil. Rund zwei Drittel der Befragten legen täglich weite Distanzen auf dem Weg zur Schule, zur Arbeit und dem anschließenden Heimweg zurück. Jeder Fünfte ist sogar zusätzlich am Wochenende unterwegs. So verbringen die Pendler jede Woche bis zu zehn Stunden und mehr auf der Straße oder der Schiene. Bevorzugt setzt rund die Hälfte der Befragten dabei auf das Auto oder die öffentlichen Verkehrsmittel.

  • Der wichtigste Begleiter

    Für viele Bahn-und Busfahrer ist das Smartphone der wichtigste Begleiter, um in Kontakt mit der Familie oder Freunden zu bleiben (40 Prozent), Musik zu hören (43 Prozent), zu browsen (37 Prozent) oder Videos zu schauen (36 Prozent). Nur noch 20 Prozent lesen.

Ein Stresslevel wie bei Kampfpiloten

Während draußen der Verkehr ruht, herrscht hinterm Steuer allerdings Hochdruck – im wahrsten Sinn des Wortes. Der britische Stressforscher David Lewis von der Universität von Sussex hat herausgefunden, dass der Stresspegel von Pendlern vergleichbar ist mit dem von Kampfpiloten: Fünf Jahre lang verglich er Blutdruck und Herzfrequenz seiner 800 Probanden mit denen von Jetpiloten und Polizisten in Ernstfallübungen. Das Ergebnis: Der Blutdruck der Pendler stieg rasanter als der beider Kontrollgruppen, teilweise auf bis zu 180. Wer wenig stressresistent ist, für den kann der Stau also zum Alptraum werden –für den Kopf und für den Körper.

Pendler haben ein hohes Trennungs-Risiko

Pendeln ist offenbar auch Gift für die Beziehung. Schwedische Wissenschaftler der Umeå-Universität haben die Daten von rund zwei Millionen Haushalten ausgewertet und dabei festgestellt: Wer täglich mehr als 45 Minuten zur Arbeit pendelt (also 90 Minuten hin und zurück), hat ein um 40 Prozent höheres Risiko, geschieden zu werden. In den ersten Beziehungsjahren ist das Risiko übrigens am größten. Pendeln ist für viele Paare also ähnlich gefährlich wie Fernbeziehungen.

Dauerstau in Regensburg: Lesen Sie mehr zu diesem Thema in unserem Spezial.

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