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Regensburg
Mittwoch, 23. August 2017 27° 1

Natur

Regensburg will „essbare Stadt“ werden

Mangold statt Rosen, Kohlrabi statt Geranien: In Parks dürfen Beete entstehen, in denen Bürger pflanzen, gießen, ernten.
Von Heinz Klein, MZ

  • Die Zentrale im Urban-Gardening-Projekt der Initiative Transition. Auf 500 Quadratmeter gedeihen in Stadtamhof Blumen und viele Gemüsearten. Fotos: Klein
  • Ein Zaun aus Aststücken gesteckt grenzt ein, aber nicht aus.

Regensburg.Bisher kaum vorstellbar: Man geht durch den Stadtpark und stößt dort auf kleine Gärten, darf sich im Vorbeigehen eine Erdbeere oder eine Tomate zupfen oder einen Kopfsalat abschneiden, eine Zwiebel aus der Erde ziehen, ein Sträußlein Thymian pflücken. Gesät, gepflanzt und gepflegt haben das Bürger, die auch jene zum Ernten einladen, die nicht daran mitgearbeitet haben. In den Parks blüht dann ein sehr seltenes und wertvolles Pflänzchen, das Toleranz und Altruismus heißt und unter dem Begriff „urban gardening“ wachsen darf.

Die jungen und idealistischen Menschen von „Transition“ haben bereits auf drei Flächen vorgemacht, was nun auf etwas breiterer Ebene in Regensburg Schule machen soll. Der Umweltausschuss hörte mit Sympathie, was SPD-Stadträtin Katja Vogel am Beispiel von Andernach angeregt hatte und Gartenamtsleiter Dietrich Krätschell vorstellte: dort ersetzte das Städtchen am Rhein einen Teil der Blumenrabatten durch Gemüsebeete und Gärten, dieprimär von einer Beschäftigungsgesellschaft bewirtschaftet werden.

Pflücken ausdrücklich erlaubt

Auf solchen Spuren wandelt Regensburg bereits, machten Bürgermeister Jürgen Huber und Dietrich Krätschell vor dem Umweltausschuss deutlich. Allerdings hat Regensburg keine Beschäftigungsgesellschaft, die die gärtnerische Arbeit leistet und zu 80 Prozent von Beschäftigungsträgern finanziert wird, wie dies in Andernach der Fall ist. Menschen aus schwierigen sozialen Lagen, die immer wieder im Regensburger Gartenamt eingesetzt werden, erweisen sich leider in der Regel als nicht sehr verlässliche Partner, die Quote der Abspringer liege bei weit über 80 Prozent, berichtete Krätschell.

Natürlich ist auch Regensburg schon ein gutes Stück „essbar“. Dafür sorgen in 32 Kleingartenanlagen Gartenfreunde, die liebevoll ihre 2000 Parzellen bestellen. Gärtnerische Aktivität nun auch außerhalb abgeschlossener Zäune zu initiieren ist ein neuer Ansatz. 2017 könnte diese neue Art der städtischen Grünplanung erste Früchte tragen. Statt „Betreten verboten“ soll es dann „Pflücken erlaubt“ heißen. Das Stadtgartenamt würde dieses Pflänzchen „Bürgergarten“ gerne ein wenig umsorgen und mit Rat und Material unterstützen. „Wir bieten die Flächen, die Sämereien oder vorgezogenen Pflänzchen, das Wasser, eventuell Zaunbaumaterial und mit Vorträgen über Gartenbau oder Obstbaumschnitt-Kursen das nötige Wissen“, lautet die offerte des Gartenamtsleiters. Die Arbeit ist das, was die Bürger dann selbst leisten müssen. Solche kleinen Gärten wären vor allem in der Nähe von Schulen willkommen.

„Nein, wir werden nicht die ganze Stadt mit Kohlrabi bepflanzen“ linderte der „grüne Bürgermeister“ Huber möglicherweise aufkeimende Ängste von Spinatverweigerern und Gemüseboykotteuren. Aber da und dort werde es solche Beete schon geben – möglicherweise sogar auf einer kleineren Fläche im Stadtpark.

Kunterbunt: Blumen und Gemüse

Transition hat dies am schattigen Roten Herzfleck, einer kleinen Gemüseinsel in der Gesandtenstraße und auf einem 500 Qudratmeter großen Gartenareal in Stadtamhof vorgemacht. Dort wächst und gedeiht kunterbunt Blumenpracht und Gemüse durcheinander: Kopfsalat und Tomaten, Zuchini und rote Beete, Kartoffeln und Sonnenblumen, Margareten und Spinat, Stangenbohnen und Kamille, Kürbisse und Gänseblümchen. Ein altes Gartenhäuschen dient als Zentrale, an einer großen Tafel werden wichtige Hinweise wie letztes Gießen oder Bitten zum Wassertankauffüllen kommuniziert. Ein aus Ästen gesteckter Zaun grenzt den Garten ein, doch eine Gartentür fehlt. Hier ist jeder willkommen.

Eine Mitarbeiterin des Gartenamts holte sich bereits in Müchen Informationen über Gardening-Initiativen geholt. Darüberhinaus hat auch Regensburg Einiges zu bieten: 1200 städtische Obstbäume, ausgedehnte Weingärten und 44 Hektar artenreiche Wildblumenwiesen. Neue Gartenstrategien sind auch ökonomisch interessant. Während eines der saisonal bepflanzten Wechselbeete die Stadtverwaltung 69,40 Euro pro Qudratmeter und Jahr kostet, käme ein Quadratmeter Gartenbeet mit Bürgerbeteilung auf rund 15,40 Euro .

Urban gardening in München

  • Jedem sein Beet

    „Zusammen aktiv“ heißt ein Integrationsprojekt in Neuperlach, wo sich Familien für 15 Euro jährlich ein individuelles Beet mieten und es bestellen.

  • Die Münchner Krautgärten sind Felder, die entweder nur gepflügt oder bereits bepflanzt parzellenweise vermietet und individuell bewirtschaftet werden.

  • Von Kombinaten und Initiativen

    Am Olympiazentrum gibt es Gemeinschaftsgärten ohne individuelle Beete: Allen, die mitarbeiten, gehört auch alles. Gegärtnert wird streng ökologisch. „Haar zum Anbeißen“ heißt eine weitere Alternative: In einem 300 Quadratmeter großen muschelförmigen Garten arbeiten Gartenfreunde auf sozialer Basis ohne eigene Besitzansprüche: Wer Lust auf einen Salatkopf hat, darf ihn sich holen.

  • Das Kartoffelkombinat ist eine Genossenschaft, in der man Anteile erwerben kann. Was auf den Feldern geerntet wird, bekommen die Genossen in Form von Gemüsenkisten geliefert.

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