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Dienstag, 30. August 2016 26° 2

Umwelt

Regensburger holen Energie aus der Tiefe

Das Unternehmen Geokraftwerke setzt auf Strom- und Wärmegewinnung aus Thermalwasser. In der Region Regensburg ist es im Untergrund aber zu kalt.
Von Norbert Lösch, MZ

  • Dampfwolken umhüllen den Bohrturm: spektakulärer Pumptest im Geokraftwerke-Projekt Kirchweidach. Es liefert bereits Wärme für einen großen Gemüseproduzenten. Foto: geokraftwerke.de

Regensburg. Energie aus der Erde gewinnen – eine Methode, die die Menschheit schon seit Jahrtausenden fasziniert. Erdwärme wird in Zeiten der Energiewende zunehmend zur Unterstützung von Heizanlagen genutzt – vor allem bei öffentlichen Gebäuden. Beispiele in und um Regensburg sind das Landkreis-Gymnasium in Lappersdorf und aktuell der Neubau des Landratsamts in der Altmühlstraße. Dort sollen Erdsonden und Wärmepumpen künftig die Grundlastversorgung sicherstellen, das heißt dass rund die Hälfte der maximal nötigen Heizenergie aus der Erde kommt. Das deckt erfahrungsgemäß rund 85 Prozent aller Heiztage ab.

Mit ganz anderen Größenordnungen und Projekten der Geothermie hat ein Regensburger Unternehmen zu tun, das auch schon einmal Trikotsponsor des SSV Jahn war: Forever Green, kurz FG, hat mit der Geokraftwerke.de GmbH einen Unternehmensbereich aufgebaut, der sich ausschließlich um die Projektierung und Finanzierung von Tiefengeothermie-Kraftwerken kümmert. Dabei werden Thermalwasser-Reservoire Kilometer unter der Erdoberfläche erschlossen und die dabei gewonnene Energie in Heizwärme und Strom umgewandelt.

„Die ersten Geothermie-Tomaten“

Dass das Unternehmen dabei nicht die Region um Regensburg im Auge hat, sondern insgesamt fünf Standorte in Oberbayern, hat einen einfachen Grund: „In der Oberpfalz und in Niederbayern gibt es leider keine ausreichend heißen Thermalwasservorkommen“, sagt Franz Heidelsberger. Der Diplom-Kaufmann betreut und berät als Sales Manager Anleger, die in den Markt der erneuerbaren Energien investieren. Nicht ohne Stolz berichtet er von einem Meilenstein in der Entwicklung: Das Geothermie-Kraftwerk in Kirchweidach bei Altötting, so etwas wie eine Pionieranlage der Regensburger Kraftwerksbauer, liefert mittlerweile die Heizenergie für einen benachbarten Agrar-Großbetrieb. Dort gedeiht in einem Gewächshaus mit einer Fläche von rund zwölf Hektar Gemüse.

Derzeit werden in Kirchweidach laut Heidelsberger „die ersten geothermisch beheizten Tomaten in Deutschland“ geerntet. Die Kooperation mit dem österreichischen Unternehmer Josef Steiner hat fast 100 neue Arbeitsplätze zur Folge. Auch die 2200-Seelen-Gemeinde profitiert vom Engagement: Sie ist nicht mehr von den Preisen auf dem Heizöl- und Gasmarkt abhängig, sondern kauft Wärme künftig vom Betreiber des Kraftwerks vor der Haustüre und verkauft sie an die Verbraucher weiter. Die Kirchweidacher bauen auf langfristige Synergien und investieren ihrerseits rund 15 Millionen Euro in ein Fernwärmenetz für die komplette Gemeinde.

Die Tiefengeothermie folgt einem einfachen Prinzip: Je tiefer sich Thermalwasser führende Gesteinsschichten befinden, je weiter sie sich also dem Erdmittelpunkt nähern, desto heißer ist das dort fließende Wasser – und desto größer ist die Energieausbeute. In Deutschland ist die Nutzung von Thermalwasser zur Energiegewinnung grundsätzlich in drei Gebieten möglich. Das größte potenzielle Fördergebiet ist das Norddeutsche Becken von der dänischen Grenze bis südlich der Linie Hannover-Berlin, daneben sind der Oberrheingraben von der Schweizer Grenze bis zur Höhe von Frankfurt und schließlich das sogenannte Molassebecken in Süddeutschland relevant, das sich vom Bodensee über ganz Oberbayern bis zur östlichen Grenze nach Österreich erstreckt. Die Bayern sind hier klar im Vorteil: „Ihr“ Thermalwasser ist wenig salzhaltig und macht bei der Förderung entsprechend wenig Probleme.

Von der Donau bis zu den Alpen verbirgt sich die Thermalwasser führende Kalksteinschicht immer tiefer im Untergrund – und das Wasser wird immer wärmer, je weiter südlich man kommt. In Straubing wird Geothermie zum Heizen des Freizeitbads eingesetzt, dazu reicht die Förderung von 35 Grad warmem Wasser aus oberflächennahen Schichten. Im Raum München, wo aktuell 16 Geothermie-Kraftwerke geplant sind, beträgt die Temperatur in gut 2500 Meter schon 93 Grad, bei Holzkirchen wird in fünf Kilometer Tiefe 140 Grad heißes Wasser erwartet.

„Ab 120 Grad wird’s wirtschaftlich“

„Bei mehr als 120 Grad Wassertemperatur wird die Sache wirtschaftlich“, sagt Heidelsberger. Am Standort Kirchweidach, wo das erste von fünf geplanten Geothermie-Kraftwerken bereits Wärme liefert und im nächsten Jahr auch Strom ins Netz eingespeist werden soll, ist man in dreieinhalb bis vier Kilometer Tiefe auf 126 Grad heißes Wasser gestoßen. „Das holen wir herauf und schicken es mit 60 Grad wieder hinunter“, erläutert Heidelsberger den Kreislauf kurz und knapp.

Wer hoch hinaus will, muss kräftig investieren. Für die Geothermie gilt das in abgewandelter Form: Wer tief hinunter will, muss viel Geld in die Hand nehmen. Ein Kraftwerk der Größenordnung von Kirchweidach kostet summa summarum rund 50 Millionen Euro. Die Investition setzt sich so zusammen: Kosten der Vorerkundung rund 3,5 Millionen Euro, Bohrkosten rund 22 Millionen, Kraftwerksbau 18 Millionen und sonstige Kosten etwa 4,5 Millionen. Versichert werden muss das Projekt natürlich auch noch, was mit weiteren zwei Millionen Euro zu Buche schlägt.

Auf der anderen Seite steht ein kalkulierter Ertrag von 240 Millionen Euro – auf die ersten 20 Jahre der Lebensdauer der Anlage gerechnet, die wesentlich länger ist wie etwa bei Solarparks oder Windrädern. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) garantiert derzeit bei Geothermie-Strom eine Einspeisevergütung von 25 Cent pro Kilowattstunde bei einer Laufzeit von 20 Jahren. Investoren können sich – ähnlich wie bei Windkraftanlagen – mit Anleihen an Kraftwerk-Projekten beteiligen. Bei der Geokraftwerke GmbH können sie ab 1000 Euro einsteigen, der Investor verspricht eine Kapitalverzinsung von 7,25 Prozent jährlich. Seit 2011 hat er 26 Millionen Euro Kapital angesammelt und nach eigenen Angaben 20 Millionen Euro selbst investiert, um das Vorzeigeprojekt in Kirchweidach realisieren und die Planungen für die weiteren Standorte Schnaitsee, Amerang, Gars am Inn und Seebruck vorantreiben zu können.

Der Vision ein Stück näher

In Kirchweidach fehlt derzeit im Prinzip nur noch das eigentliche Kraftwerksgebäude. Es wird sich äußerlich kaum von einer großen Scheune mit Satteldach unterscheiden. Franz Heidelsberger hofft, dass es spätestens Ende nächsten Jahres stehen wird und dann auch Strom ins Netz eingespeist wird. Der Bohrturm ist längst abgebaut. Wo die Energie herkommt, wird später nur noch zu erahnen sein: tief aus der Erde, in teleskopartig ineinandergeschobenen, einbetonierten Edelstahlrohren nach oben befördert. Dann sind die Regensburger Spezialisten ihrer Vision ein Stück näher gekommen: „Die Geothermie könnte Kernkraftwerke und Kohlekraftwerke komplett ersetzen.“

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