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Regensburg
Montag, 29. Mai 2017 30° 2

Architektur

Regensburgs Synagoge: Sicher sehr offen

Das Jüdische Zentrum verlangt widersprüchliche Dinge. Per Pedersen erklärt, wie dem Büro Volker Staab der Spagat gelingt.
Von Marianne Sperb, MZ

Per Pedersen vom Büro Volker Staab zeigt eine Ansicht des neuen Jüdischen Zentrum, das bis Ende 2018/Anfang 2019 entsteht. Die Animation zeigt das Gebäude etwas verzerrt; es bleibt auf Höhe der Nachbarhäuser. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Im Degginger in der Regensburger Wahlenstraße ist am Dienstagabend kein Stuhl frei und kaum ein Plätzchen zum Stehen zu finden. Per Pedersen vom Büro Volker Staab stellt die Pläne für die neue Synagoge vor, und obwohl das Vorhaben mehrfach präsentiert wurde und der Architekt nichts wesentlich Neues erzählt, ist das Interesse außergewöhnlich hoch.

80 Jahre nachdem Nazis die Synagoge Am Brixener Hof niedergebrannt haben, und 500 Jahre nachdem Regensburger Bürger die Synagoge und das Judenviertel am Neupfarrplatz dem Erdboden gleichgemacht haben, bekommt die Jüdische Gemeinde Regensburg ein neues Haus – ein Premiumprojekt. Sogar Berlin nimmt wahr, welche Bedeutung der Neubau hat. Der Bund stuft ihn als Projekt von nationalem Rang ein und gibt 3,3 Millionen Euro.

Das enorme Interesse im Degginger hat zu tun mit der historischen Bedeutung des Baus, mit seiner Symbolkraft, seinem Identifikationswert – und mit seinen prominenten Architekten. Volker Staab setzte sich in einem Wettbewerb durch, knapp vor dem Regensburger Büro Köstlbacher Miczka. Wo immer in Deutschland bedeutende Kulturbauten entstehen, gehören die Berliner zu den Verdächtigen. Das Naturkundemuseum Biotopia beim Nymphenburger Schloss, das Museum am Bauhaus-Archiv Berlin, der Augustinerhof Nürnberg, das Domareal Paderborn, das Seminargebäude für das Haus der Wannsee-Konferenz Berlin, die Fakultät für Design der Hochschule München: Die Liste nennt nur ein paar der aktuellen Arbeiten. Den Durchbruch markierte ab 1991 das Neue Museum Nürnberg, das die meisten Oberpfälzer kennen dürften. Der Bau, der mit sanft geschwungener Glaswange den Klarissenplatz einfasst, steht auch für eine Handschrift: den intensiven Kontakt von Haus und Umfeld. Kaum ein anderes Büro in Deutschland plant so konstant derart sensibel, uneitel und klar.

Symbolische Bausteine

  • Der Anstoß:

    Die Jüdische Gemeinde Regensburg wächst, vor allem durch Zuzug. Aktuell gehören ihr mehr als 1000 Menschen an. Das Jüdische Zentrum am Brixener Hof ist zu klein geworden.

  • Das Projekt:

    Herzstück des Zentrums ist die Synagoge für 100 Männer und 60 Frauen auf der Empore. Außerdem entstehen ein Veranstaltungssaal für etwa 200 Menschen, Räume für Verwaltung, Besprechungen und Lernen, eine Bibliothek mit Café.

  • Die Finanzierung:

    Das Projekt ist auf acht Millionen Euro veranschlagt. Trotz hoher Förderung klafft in der Finanzierung noch eine Lücke. Der Förderverein Neue Regensburger Synagoge (synagoge-regensburg.de) wirbt um Spenden. Für 500 Euro kann man einen symbolischen Baustein kaufen.

  • Die Architekten:

    Per Pederson ist einer der vier Geschäftsführer von Staab Architekten und Projektleiter für das Jüdische Zentrum Regensburg. Volker Staab war einige Jahre Gestaltungsbeirat in Regensburg. Pedersen sprach in der Reihe „Architekturkreis im Degginger“, veranstaltet vom Regensburger Architekturkreis und der Welterbe-Stelle.

„Er macht den Ort besser“, fasst Thomas Eckert (Dömges AG Regensburg), der die Jüdische Gemeinde als Architekt berät, Staabs besondere Qualität zusammen. Per Pedersen formuliert es vor seinem Vortrag im Degginger so: „Vielleicht ist es diese Offenheit, die Durchwegung und die Durchlässigkeit der Gebäude für den öffentlichen Raum. Das ist es, was wir können.“

Thomas Eckert (Dömges AG) ist Beirat im Architekturkreis Regensburg. Er berät die Jüdische Gemeinde beim Neubau. Foto: altrofoto.de

Die Regensburger Synagoge stellt die Architekten vor scheinbare Widersprüche: Architektur auf der Höhe der Zeit mitten im Welterbe. Ein großes Raumprogramm auf kleinem Grundstück. Eine Synagoge, die dem Bedürfnis nach Kontemplation entspricht, aber ausreichend hell ist. Ein Gemeindezentrum, das Besucher willkommen heißt und gleichzeitig ausreichend Sicherheit bietet.

Das Büro Staab platziert die Synagoge vorn, an der Straße Am Brixener Hof, und setzt dem Sakralraum eine Kappe auf knuffigem Metall auf. Nach innen strömt Tageslicht durch eine Haut aus satiniertem Glas und eine zart aufgefächerte Holzlamellenschale, die zum Himmel immer lichter wird. Ein kleiner, aber wirkungsvoller Twist: Der Gebetssaal dreht sich leicht aus der Straßenachse in Ost-West-Richtung.

Der gestaffelte Bau, mit einer Fassade aus hochkant gemauertem, geschlämmtem Backstein, nimmt Rücksicht auf die Nachbarhäuser und wendet sich dem Stadtraum zu. Bibliothek und Gemeindesaal öffnen sich mit großen Fensterflächen zu Brixener Hof und Seitengasse. Besucher haben schon am Eingang freien Blick durch das Haus auf den Hof.

Geplant nach religiösen Regeln

Religiöse Regeln erforderten einige Kniffe. Ein Team von Staab verbrachte einen vollen Tag bei der Jüdischen Gemeinde, um die Bedürfnisse kennenzulernen. Der Rabbi etwa muss in der Synagoge auch ohne Mikro gut zu verstehen sein, weil die Tora am Sabbat verbietet, Strom einzuschalten.

Lesen Sie auch: Stein für Stein zur neuen Synagoge

Per Pedersen zog Parallelen zum Jüdischen Museum Frankfurt, das gerade erweitert wird und wo er ebenfalls Projektleiter ist. In Regensburg genügt im Wesentlichen ein Pförtner, der den Besucherverkehr kontrolliert, um die Sicherheitsanforderungen abzudecken. In Frankfurt ist das anders. Obwohl das Museum eine städtische, keine jüdische Einrichtung ist, ist der Schutzbedarf wesentlich höher, bis hin zu Besucherschleuse und Panzerglas. „Eigentlich ein Wahnsinn“, sagt Pedersen.

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