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Regensburg
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MZ-Serie

Schloss des malerischen Zerfalls

Einst war das Schloss Pürkelgut ein Ort, an dem sich Dichter inspirieren ließen. Heute würde es Dichter Mörike vor Mitleid wohl kaum wiedererkennen.
von Pascal Durain, MZ

  • Stadtschreiber Karl Bauer brachte den Zustand des Pürkelguts auf den Punkt: Ein Ort „trauriger Verwilderung und malerischen Verfalls.“
  • Ritter, Markt, Sonnwendfeuer – das ist „Hexentanz und Feenzauber“. Foto: Lex
  • Dr. Werner Chrobak will dem Verfall nicht länger zuschauen. Foto: altrofoto.de
  • Biedermeierzeit: So sah Heinrich Klonke das Pürkelgut im Jahr 1829. Foto: MZ-Archiv

Regensburg.Einsam versunken, die Fenster zugemauert, schlummernd ab vom Schuss: Wer sich das barocke Wasserschloss im Osten Regensburgs anschaut, empfindet Mitleid. Was aus dem Bau nun werden soll, darüber geben seine Besitzer, die fürstliche Familie Thurn und Taxis, keine Auskunft. Betreten darf man das Haus sowieso nicht. Lebensgefahr. Darüber, wie es innen aussieht, gibt es nur Schauergeschichten. Mahnende Worte über das Pürkelgut gibt es zuhauf. Vor Jahren schon beschrieb Stadtschreiber Karl Bauer den Zustand „trauriger Verwilderung und malerischen Verfalls.“ Für das Schloss sei es zu spät, ein Kultur-Skandal bahne sich da an. Dabei soll hier einst „das Sanssouci der Reichstagsgesandten von Regensburg“ gestanden haben. Zumindest hat das der Historiker Joseph Rudolf Schuegraf 1830 so der Nachwelt hinerlassen:

„Im regelmäßigen Quadrat sind die Sitze gereiht, von schattigen Bäumen überwölbt, und überall ist ein buntes Gemisch, selten leer eine Bank oder Laube. Hier blickt verstohlen eine ernste und dort eine muhtwillige Diana aus belaubtem Gebüsche hervor, und Endymione flattern, wie Schmetterlinge, überall umher. Jetzt beginnt im Schloß wieder lockende Musik, leer werden plötzliche Sitze und Bänke, Arm in Arm eilt alles dem Schlosse zu, und im Wirbel bewegt sich die muntere Jugend.“

„Für Regensburg eine Schande“

Werner Chrobak kennt alle historischen Quellen über das Schloss. Für ihn ist es seit vielen Jahren eine Herzenssache – und das obwohl der Stadtheimatpfleger das Schlösschen selbst noch nie betreten hat. Das Innere ist marode, alles ist verwüstet. Seit Jahren sieht Chrobak mit an, wie alles stillt steht im Osten der Stadt. Schon vor mehr als 15 Jahren mahnte er in einer Rede, die mehr Brand- als Festschrift ist, dass der „wertvollste profane Barockbau“ Hilfe braucht – Chrobak sagte: Sollte das wertvolle Schloss dem Verfall überlassen werden, wäre das „für eine denkmalbewusste Stadt wie Regensburg eine einzige Schande.“ Er verlangte Einsatz. Und zwar von allen. Von Stadt, der Familie Thurn und Taxis, dem Bund. Alle sollten an einem Strang ziehen, zu wichtig sei dieses Haus. Chrobaks Aufschrei wurde gehört – Chef-Veranstalter Peter Kittel lobte das „1. Pürkelguter Schlossfest“ aus; ein weiteres folgte.

Ein Volkspark rund ums Pürkelgut

Das Schloss bekam ein neues Dach, um es vor den widirgsten Witterungen zu schützen. Doch mehr als 13 Jahre nach der Mahnung Chrobaks liegt das Pürkelgut immer noch im Dornröschenschlaf. Es hat so lange geschlummert, dass es heute nicht nur eine Frage des Denkmalschutzes ist, sondern auch eine des Naturschutzes. Hinter dem Schloss hat sich ein Feuchtbiotop gebildet.

Die Geschichte des Schlosses Pürkelgut beginnt im 13. Jahrhundert, damals noch als Gut Neuenhausen. Die Besitzer wechselten rasant, ehe 1728 Johann Jakob Pürkel das Schloss in seiner heutigen Form bauen ließ. 1844 ging das Schloss an Fürst Maximilian Carl von Thurn und Taxis; gewohnt hat ein Mitglied der fürstlichen Familie hier nie. Die Anlage sei ein bloßes Renditeobjekt gewesen, glaubt Chrobak. Ludwig Mörike sollte hier eine Ackerbauschule aufbauen – dazu kam es jedoch nie. Aber dank dieser Verbindung weilte der Dichter Eduard Mörike 1850 einige Monate auf Pürkelgut und schrieb dazu: „So ein Spaziergang um den See, im Morgensonnenschein, ist gar zu angenehm; ich kann da halbe Stunden lang, allein das Spiegelbild des Schlößchens betrachten.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte Fürstin Elisabeth das Anwesen restaurieren lassen, aber noch stärker beschädigte Immobilien gingen vor. Stattdessen wohnten Flüchtlinge und bis 1975 Bedienstete der Gutsverwaltung in diesem Schloss. Seither steht es leer und alles an Einrichtung, was irgendwie wertvoll war, wurde gestohlen. Als für die Ostumgehung ein Wall aufgeschüttet wurde, verschwand das Schloss aus der Optik der Stadt.

Vergessen worden ist das Pürkelgut aber nicht. Chrobaks Vorgänger, Dr. Walter Boll, brachte als erster den Gedanken eines „Ostparks“ ein, ähnlich zu Dörnbergpark und Stadtpark, soll das Schloss hier ins Zentrum rücken. Regensburgs derzeitiger dritter Bürgermeister greift diesen Ansatz wieder auf – Jürgen Huber träumt davon, dass der Osten der Stadt aufgewertet wird, mit öffentlichem Park, dem Schlösschen als Rehabilitationszentrum der Uniklinik, einer „grünen Oase“.

Obwohl das Pürkelgut verwaist ist, habe dieses barocke Kleinod eine positive Ausstrahlung auf die Regensburger. Huber: „Was wäre die Altstadt ohne den Allengürtel? Sicher keine Wohlfühlstadt.“ Gerade dort, wo die Planungsreferenten einst noch mehr Industrie ansiedeln wollten, hätten die Bürger dort heute mehr von einem „Volkspark“. Huber: „Da geht es um die Verbesserung der Lebensqualität.“ Und zwar nicht nur für alle jetzigen Anwohner, sondern auch für alle künftigen. 15000 zusätzliche Regensburger sollen sich dort bis 2025 ansiedeln. Man müsse auch den Sprung aus der Altstadt schaffen. Auch wenn das insgesamt sicher einen zweistelligen Millionenbetrag kosten werde.

Dem Haus Thurn und Taxis Vorwürfe machen, will Huber nicht. Er führt bereits Gespräche mit den Eigentümern. So ein „Schwarze-Peter-Spiel“ mache keinen Sinn. Kein Unternehmen investiere dort, wo es keinen Gewinn sieht. Wichtiger sei, das fürstliche Haus nun für Lösungen zu gewinnen. Denn fest steht: „Da muss man was machen.“

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