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Regensburg
Sonntag, 17. Dezember 2017 4

Kultur

Sie übersetzte Georg Britting

Dr. Charlotte Wolf ist die Frau, die „Brudermord am Altwasser“, die Kurzgeschichte des Regensburger Expressionisten, erstmals ins Englische übersetzt hat.
Von Helmut Wanner, MZ

„Brudermord im Altwasser“ hat sie bereits als Schülerin des Goethe-Gymnasiums gelesen: Dr. Charlotte Wolf lebt jetzt in Boulder. Für ein Klassentreffen kam sie für zwei Wochen in ihre Geburtsstadt. Foto: Wanner

regensburg. „Brudermord im Altwasser“ ist die wohl bekannteste Kurzgeschichte des Regensburger Dichters und Schriftstellers Georg Britting (1891 bis 1964). Britting schrieb sie 1929. Der Text gilt als eine der frühesten Kurzgeschichten in Deutschland. Erzählt wird die Geschichte der drei Hofberger Buben (11, 12 und 13 Jahre), die oft am Altwasser der Donau spielen. Einmal gelangen sie zu einem Weiher und besteigen dort ein altes Fischerboot. Mit dem Boot rudern sie auf den Tümpel. Als der jüngste Bruder einen Fuß auf den Bootsrand setzt, wollen die anderen beiden ihn erschrecken. Sie werfen sich plötzlich auf eine Bootsseite, so dass er über Bord geht. Da sie ihm nicht helfen, ertrinkt er. Verstört kehren die beiden anderen Brüder heim und verabreden, ihren Eltern nichts davon zu erzählen.

Es dauerte bis ins Jahr 2012, dass sie in einer Anthologie des amerikanischen Dover Verlags unter den großen deutschen Kurzgeschichten des 20. Jahrhunderts aufgetaucht ist. Die Geschichte des Regensburger Expressionisten heißt dort „Fratricide in the Backwater“. „Britting goes british“, wie man heute wohl sagen würde.

Interesse an Oberpfälzer Sagen

Dass dieser eindringliche Britting-Text aus der „Stadt am Strom“ erstmals ins Englische übersetzt wurde, dafür müsste man das rotlockige Haupt von Dr. Charlotte Wolf aus Boulder/Colorado mit Lorbeer bekränzen. Über 20 Jahre lebt und arbeitet die promovierte Amerikanistin und Germanistin aus Regensburg in den Staaten. Sie ist im erdbeerroten Keilberg aufgewachsen und ins Goethe-Gymnasium zur Schule gegangen. „D’Welt is a Dorf“, sagt sie im unverfälschten Dialekt ihrer Jugend.

Die Welt ist ein Dorf und die Sprache ist für sie die wahre Heimat. Als sie jetzt wieder durch den Regensburger Hauptbahnhof ging, sei das für sie wie ein Bad in vertrauten Tönen gewesen, sagt sie. Am Samstag hat sie das erste Abiturtreffen ihrer Klasse. Dr. Charlotte Wolf freut sich schon auf die Begegnung mit Sportlegende Armin Wolf, nicht verwandt und nicht verschwägert. Dieser positive und unkomplizierte Typ habe sie im Bus zur Schule jahrelang köstlich unterhalten.

Das Heimweh, das das Kind der Stadt jetzt wieder einmal (bis 1. Oktober) nach Hause geführt hat, wurde durch den neuesten Auftrag ihres Verlags angefeuert, original bayerische Volksmärchen und ausgewählte Schönwerth-Geschichten ins Englische zu übersetzen.

Grund ist das weltweite Interesse am Oberpfälzer Sagenforscher Franz Schönwerth (1810 bis 1886). Die Märchenforscherin Erika Eichenseer hatte 2008 im Regensburger Stadtarchiv eine Schachtel mit 500 Märchen des Sammlers entdeckt, davon waren vier Fünftel unveröffentlicht. Seit die britische Zeitung „The Guardian“ im März vergangenen Jahres über den Fund berichtete, läuft eine Schönwerth-Welle um den Erdball. Märchen und Sagen erleben eine Renaissance. Die Feuilletonistin Victoria Sussens-Messerer bezeichnet den von Erika Eichenseer gehobenen Schatz als die „bedeutendste Sammlung in der deutschsprachigen Welt des 19. Jahrhunderts.“

Schönwerth ins Englische übersetzt

Die renommierte Mythenforscherin, Harvard-Professorin Maria Tatar, schätzte das „Rohe und Unverfälschte“ dieser Sagen und Märchen aus der Oberpfalz. Die Fachwelt kommentierte den Artikel im „Guardian“ euphorisch: „Wie wenn man in einen Jungbrunnen und eine Goldader zugleich stolpert. Ich kann es kaum erwarten, dass es ins Englische übersetzt wird.“

Genau das hat Dr. Charlotte Wolf getan. Ihre zweisprachige Schoenwerth-Selection original bayerischer Volksmärchen steht kurz vor der Veröffentlichung. Es sind Texte aus „Sitten und Sagen“, die es seit 2010 als Nachdruck von Harald Fähnrich gibt. Das Material unterliegt keinem Urheberschutz.

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