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Verkehr

Stau-Stadt Regensburg: Es fehlen Auswege

Ein Verkehrsleitsystem soll die Auto-Flut von A 3 und A 93 besser kanalisieren. Das Problem: Es mangelt an Alternativrouten.
Von Micha Matthes, MZ

Kracht es auf einer der Autobahnen, breiten sich Staus oft auf die Straßen in der Stadt aus, die ohnehin durch viele Pendler strapaziert sind. Foto: Lex

Regensburg.Wieder genügt eine kleine Unachtsamkeit, um die Verkehrsströme der Stadt komplett lahmzulegen: Zu spät erkennt ein 29-jähriger Autofahrer am Dienstag, dass die Fahrzeugkolonne auf der A 93 vor ihm ins Stocken geraten ist. Er rammt das Auto vor sich und schiebt es am Autobahnkreuz (AK) Regensburg in die Leitplanke. Mitten im Berufsverkehr muss die Unfallstelle gegen 7 Uhr abgesichert werden. Der Rückstau wächst schnell. Ein Wohnmobilfahrer bemerkt das zu spät und fährt bei Prüfening erneut auf ein Stauende auf. Jetzt geht nichts mehr. Viele Autofahrer versuchen auf die B8 und die B15 auszuweichen oder fahren einfach unkoordiniert von der Autobahn ab. Die Staus breiten sich wie ein Virus auf die ganze Stadt aus und verstopfen dort die ohnehin bereits von Pendlern überlasteten Verkehrsadern.

Teilsperrungen auf Knopfdruck

Fast schon regelmäßig kommt es in Regensburg zu diesen chaotischen Verhältnissen – und das seit Jahren. „Weil die Autobahnen so dicht am Stadtgebiet vorbeiführen, wirken sich besonders bei Unfällen Rückstausituationen sofort auf unser Netz aus“, hatte Christine Schimpfermann, Planungs- und Baureferentin, unserer Zeitung schon vor zwei Jahren nach einem vergleichbaren Verkehrsinfarkt gesagt. „Das sind Spitzen, für die unsere Straßen nicht ausgelegt sind.“

Für den Oberbürgermeister lauten die Lösungswege nach wie vor: Bau der Sallerner Regenbrücke und sechsspuriger Ausbau beider Autobahnen. „Große Probleme erfordern große Maßnahmen“, sagt Joachim Wolbergs. Weil sich diese Mammutprojekte aber nur äußerst träge vorwärtsbewegen, sucht er nun auch nach weiteren Optionen, um schon in der Zwischenzeit eine Entlastung herbeizuführen. Deshalb will der OB das Thema Verkehrsleitsystem nun in einer Referentenrunde auf den Tisch bringen. „Ein Krisensystem, das auf Knopfdruck anspringt, könnte helfen, schwierige Verkehrssituation zu überbrücken.“ Sperrungen oder Teilsperrungen würden dann dafür sorgen, dass „nicht jeder versucht, sich irgendwo durchzuwursteln“. Die Verkehrsströme würden effektiver kanalisiert – so die Hoffnung. Wie das System konkret aussehen könnte, ist bislang aber noch völlig offen.

Aktuelle Verkehrsmeldungen finden Sie auf MittelbayerischeMaps:

In Nürnberg und München gibt es schon länger Verkehrsleitsysteme. Bei einem Stau im Stadtnorden von München kann die Anlage an der A9 beispielsweise eine Umleitungsempfehlung geben. Nürnberg kanalisiert den Verkehr zum Messe- und Veranstaltungsgelände über Freitextanzeigen und dynamische Wegweiser auf weniger ausgelastete Zufahrtsstraßen. „Das Leitsystem funktioniert wunderbar“, sagt Frank Jülich, Dienststellenleiter des Verkehrsplanungsamts Nürnberg. „Wir haben in Intelligenz statt in Beton investiert. Das hat uns viele Kilometer Neubaustraßen erspart.“ Das System werde von den Autofahrern sehr gut angenommen – besonders von ortsunkundigen Fahrern. „Je mehr man es mit Pendlern zu tun hat, umso schwerer lässt sich der Verkehr allerdings lenken.“

Das Leitsystem in Nürnberg

  • Das Verkehrsleitsystem

    in Nürnberg (Foto: Stadt Nürnberg) wurde 2005 in Betrieb genommen. Es kostete rund 30 Millionen Euro. Das System besteht aus 81 sogenannten dynamischen Wechselwegweisern auf rund 70 Kilometern Autobahnen sowie 49 Schildern auf 33 Kilometern Stadtstraßen.

  • Die Verkehrsdichte

    wird über Induktionsschleifen und Radarsensoren ermittelt, die in die Fahrbahnen eingebaut sind. Zusätzlich liefern 26 Kameras einen Überblick über die Verkehrslage.

  • Alle Daten

    werden zentral von einem Rechner verarbeitet. An ihn ist auch ein Programm für die Ampelschaltungen angeschlossen.

In Städten, in denen mehrere Autobahnen oder belastbare Hauptstraßen dicht beieinander liegen, sind solche Alternativrouten möglich. In Regensburg ist der Spielraum hingegen sehr begrenzt. Hier tragen die A93 und die A3 die Hauptlast. „Ein Leitsystem kann nur Verbesserung bringen, wenn es eine vernünftige Alternativroute anzubieten hat“, sagt Alexander Kreipl, Verkehrspolitischer Sprecher des ADAC. Die Innenstadt von Regensburg biete dafür wenig Möglichkeiten. „Dort bereiten die wenigen Donauquerungen schon Probleme.“

Neue Anlage an A 93 installiert

Die Autobahn hat eine wesentlich höhere Leistungsfähigkeit als das nachgeleitete Straßennetz. „Wenn man nur einen Bruchteil des Verkehrs von einer Autobahn herunterleitet, ist das umliegende Straßensystem überlastet“, sagt Kreipl. Er kann sich daher nur schwer vorstellen, dass – auch das „kontrollierte“ – Ableiten von Verkehr in Richtung Stadt in Regensburg zielführend sein kann.

An der A93 wird derzeit schon eine sogenannte durchgehende Streckenbeeinflussungsanlage (SBA) zwischen den Anschlussstellen Regensburg-Süd und Regensburg-Nord errichtet. Die Anlage kostet 12,4 Millionen Euro und soll Ende des Jahres einsatzbereit sein. Ein System, das an bestimmten Ausfahrten den Autobahn-Verkehr auf- oder ableitet, gibt es aber nicht. „Man kann nicht einfach Anschlussstellen sperren, um den Verkehr beispielsweise an einer bestimmten Stelle nicht mehr auf die Autobahn zu lassen“, sagt Christian Unzner, Dienststellenleiter der Autobahndirektion Südbayern in Regensburg. Möglich ist nur eine Dosierung durch Zuflussregelungen.

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An der Anschlussstelle (AS) Regensburg-West regelt eine Signalanlage bereits die Auffahrt auf die A 93 in Richtung Hof. Kommt es zu einem Stau auf der Autobahn, verhindert eine Ampel, dass Fahrzeuge von der Clermont-Ferrand-Allee aus im Pulk in den zähfließenden Verkehr einfahren und damit schlagartig alles verstopfen. Solche Anlagen sind außerdem bei der AS Kumpfmühl und der AS Prüfening in Fahrtrichtung Hof sowie der AS Königswiesen in Fahrtrichtung Holledau geplant. Die neuen Zuflussregelungsanlagen sollen gemeinsam mit der SBA in Betrieb genommen werden. Außerdem wird es mit der neuen Anlage an der A93 künftig unter anderem möglich sein, flexibel auf verschiedene Verkehrssituationen in den beiden Tunnels zu reagieren. So können etwa unterschiedliche Geschwindigkeiten, Fahrstreifen- oder Tunnelsperrungen und Überholverbote angezeigt werden.

Darüber hinaus können vielfältige Informationen und Warnhinweise zu Staus, Unfällen, Baustellen oder Glätte gegeben werden. „Erfahrungsgemäß lässt sich das Unfallaufkommen durch den Einsatz von Streckenbeeinflussungsanlagen um bis zu 30 Prozent reduzieren“, sagt Unzner. Gesteuert wird die Anlage durch die Betriebszentrale der Autobahndirektion Südbayern in München-Freimann.

Die A 3 soll zwischen dem AK Regensburg und der AS Rosenhof sowie zwischen der AS Nittendorf und dem Kreuz in den kommenden Jahren sechsstreifig ausgebaut werden. Die Errichtung einer SBA ist dort nicht vorgesehen.

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