mz_logo

Regensburg
Donnerstag, 17. August 2017 28° 2

Konsum

Studie: Radfahrer sind bessere Kunden

In der Regensburger Altstadt kaufen Radler mehr als Autofahrer. Doch Händler lehnen die Radfreigabe ab. Werden sie umdenken?
Von Marion Koller, MZ

  • Umweltfreundlicher geht’s nicht: Nicht nur in Berlin, auch in Regensburg entdecken immer mehr Menschen den Drahtesel neu. Foto: Bildarchiv BUND Berlin
  • Marion Herlitze kauft alles mit dem Fahrrad ein. Foto: Fikuart
  • Danny Zientz, 36 Jahre: „Ich fahre immer mit dem Fahrrad in die Stadt oder gehe zu Fuß. Ich wohne in der Nähe und es gibt keine guten Parkmöglichkeiten. Trotzdem gebe ich wahrscheinlich mehr Geld aus, wenn ich mit dem Auto unterwegs bin.“ Foto: Greiner
  • Cornelia Hortig, 51 Jahre, Ladenbesitzerin (Jala): „Viele meiner Kunden sind Touristen oder kommen von außerhalb, weil man in Regensburg so gut einkaufen kann. Ich bekomme auch nicht wirklich mit, mit was sie fahren, aber ich denke, dass auch viele mit dem Bus oder Zug kommen.“ Foto: Greiner

Regensburg.Radfahrer sind die besseren Altstadtkunden. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie der European Cyclists‘ Federation. Sie kaufen nicht nur öfter in der Innenstadt ein, sie geben auch pro Einkauf mehr Geld aus als Leute, die mit dem Auto kommen.

Die Argumente: Radfahrer erreichen das Zentrum kostenlos, weil sie nichts für Busse oder Parkplätze ausgeben. Etliche Stadtbewohner besitzen gar kein Auto. Auch das spart Geld. Sie können es in andere Dinge investieren. Die Biker strampeln direkt von der Haustür zum Laden. Sie müssen keinen Parkplatz suchen und keine weiten Wege gehen. Dabei sind Radfahrer langsam genug unterwegs, um im Vorbeifahren in Schaufenster zu sehen und schnell anzuhalten. Das flapsige Fazit: Die bequemsten Einkaufskörbe sind laut Studie der Gepäckträger und die Satteltasche.

Kaufleute in der Zwickmühle

Was sagen die örtlichen Kaufleute dazu? Ingo Saar, Geschäftsführer von Faszination Altstadt, kann das deutschlandweite Gutachten der Fahrrad-Lobby „ein Stück weit für Regensburg nachvollziehen“. Er beobachtet, dass viele Radfahrer die Nahversorgung nutzen. „Sie können direkt vor das Geschäft fahren und kaufen deshalb vermutlich öfter in der Altstadt ein“, sagt der Chef der Kaufleute-Vereinigung. Regensburger Zahlen dazu existieren leider nicht.

Interessant am Rande: Viele Kaufleute wehren sich dagegen, dass die probeweise Radfreigabe der gesamten Fußgängerzone, die noch bis Ende April läuft, zur Dauereinrichtung wird.

Ingo Saar von Faszination Altstadt Archivfoto: xtl

Kreisvorsitzender Dr. Klaus Wörle vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) betont, dass Fußgänger und Radfahrer die treuesten Innenstadt-Kunden sind und am meisten ausgeben – bis zu 65 Prozent mehr als die Autofahrer. Das weiß er aus mehreren Städte-Studien. „Der Autofahrer greift für den einzelnen Einkauf tiefer in die Tasche, Fußgänger und Radfahrer kommen häufiger und geben in der Summe mehr aus.“ Die Letzteren hätten ihre Stammgeschäfte in der Altstadt, zum Beispiel die Biomärkte. Wer dagegen mit dem Auto einkaufe, fahre mal zum Real, mal ins Donau-Einkaufszentrum oder zu Globus.

Der Medizinphysiker Wörle wohnt zwar in Graß, radelt aber oft in die Altstadt. Er kauft gern Lebensmittel im Welterbe ein, auch am Markt. Die vier Supermärkte im Zentrum seien stets rappelvoll, ob es sich um den Netto am Arnulfsplatz, den vorübergehend geschlossenen Rewe am Dachauplatz, die Norma am Bahnhof oder den Edeka in der Galeria Kaufhof handelt. Davor reihen sich dann die Fahrräder. In der Innenstadt leben immerhin 17 000 Menschen. Auch die begeisterte Radfahrerin Marion Herlitze kauft im Zentrum ein. Täglich strampelt die Rechtsanwältin von der Reinhausener Wohnung zur Kanzlei in der Augustenstraße. Sie bestätigt alle Aussagen der Studie: „Ich kaufe gerne mit dem Fahrrad ein, weil ich damit mobiler bin als mit dem Auto.“

Jeder Umsteiger zählt

Mit ihrem Drahtesel steuert sie die Metzgerei, die Bäckerei, den Blumenstand und den Modeladen an. In der Packtasche oder dem Korb könne sie die Einkäufe gut transportieren, sagt die 44-Jährige. Umweltbürgermeister Jürgen Huber begrüßt die Fahrradstudie und hat sie auf Facebook gepostet – mit dem Kommentar „Sag ich doch!“.

sag ich doch!

Posted by Jürgen Huber on Mittwoch, 6. April 2016

Sie passt ins Konzept der Stadtspitze, die die Menschen zunehmend zum Umsteigen auf Fahrrad und ÖPNV bewegen will. Das gelingt auch: Seit der Freigabe der gesamten Altstadt für Radfahrer nutzen dort 30 Prozent mehr Bürger das umweltfreundliche Verkehrsmittel. Das haben kürzlich städtische Zählungen in fünf Welterbe-Straßen ergeben.

Huber sagt, 70 000 Einpendler nach Regensburg sorgten für große Verkehrsprobleme. Deshalb freue er sich über jeden Umsteiger in der Altstadt. Die Entscheidung über die endgültige Radfreigabe der Fußgängerzone wird am 26. April der Planungsausschuss fällen. Huber geht davon aus, dass alle Ausschuss-Mitglieder der bunten Koalition zustimmen werden.

Teile der CSU, Kaufleute und der Seniorenbeirat lehnen die Freigabe nach wie vor ab, weil sie eine Gefährdung der Fußgänger sehen. Vielleicht wird die Studie der European Cyclists‘ Federation manche Geschäftsleute zum Umdenken bewegen.

Zu viel Autoverkehr

  • Fahrradfreundliches Klima:

    Es ist erklärtes Ziel der bunten Koalition, ein fahrradfreundliches Klima zu schaffen. Deshalb hat sie vor mehr als einem Jahr die Fußgängerzone und den Alleengürtel probeweise für Radfahrer geöffnet.

  • Mehr Radfahrer:

    Der Anteil der Radfahrer am Gesamtverkehr soll deutlich steigen.

  • Letzte Umfragezahlen:

    Laut einer Befragung von 2011 nutzten im Zentrum 33 Prozent das Auto, 14 den ÖPNV, 23 das Rad, 30 waren Fußgänger; in der Gesamtstadt lag der Autoanteil bei 51, der Radanteil bei 19 Prozent.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht