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Regensburg
Dienstag, 17. Oktober 2017 20° 2

Lebensstil

Tierischer Ärger um veganes Festival

Tierschützer setzten Regensburg auf die Liste der veganfreundlichsten Städte. Doch die Veganmania steht hart in der Kritik.
Von Heinz Klein, MZ

Das Grunzmobil der Albert Schweitzer Stiftung war mal wieder in Regensburg, um daran zu erinnern: in Deutschland werden jährlich fast 60 Millionen Schweine geschlachtet. Foto: Klein

Regensburg.Die Weltkulturerbe-Stadt und Boomtown Regensburg darf sich mit einem neuen Titel schmücken. Die Internationale Tierschutzorganisation Peta setzte Regensburg beim veganen Städte-Ranking auf Platz 10 der veganfreundlichsten deutschen Städte unter 600 000 Einwohnern. Gelobt wird die Anzahl und Originalität der rein veganen Lokale ebenso wie der Cafés und Restaurants, die mit ihrem Speiseangebot auch vegane Gäste berücksichtigen. Natürlich lässt es sich für Veganer auch in Regensburger Biomärkten gut einkaufen.

Vegan leben ist schick und modern geworden, sagt Gudrun Fickler. Die Regensburger Diplom-Ökotrophologin informiert als Ernährungsberaterin nicht nur normale Esser, sondern auch Menschen, die beim Einstieg in eine vegane Ernährung alles richtig machen und Mangelerscheinungen vermeiden wollen. Hauptmotiv für ein Leben ohne tierische Produkte ist ganz klar der Tierschutz, sagt sie. Gesundheitliche Gründe bewegen nur einen kleinen Teil zum veganen Leben.

„Es sind in der Hauptsache zwei Gruppen, die kommen“, weiß Gudrun Fickler: Schüler und Studenten – ganz junge Leute, die bisweilen auch noch von ihren Müttern zur Beratung geschickt werden. Und schließlich Frauen zwischen 25 und 40 Jahren, die hochmotiviert sind und sich und ihre Familie gesund ernähren wollen. Natürlich sind unter den Veganern die Frauen haushoch in der Überzahl.

Von der Liebe ohne Fleisch

Der Frauenanteil dürfte bei etwa 80 Prozent liegen, aber die Zahl der Männer wächst zusehends, freut sich Felicitas Kitali, Fachberaterin für Ernährung bei Peta. Sogar Ironmen, Fußballer und andere Spitzensportler werben inzwischen als Vorbilder für vegane Ernährung. Um die zu zeigen hat die Tierschutzorganisation sogar einen Contest (sexy.peta.de) eingerichtet.

Auch was die Gesamtzahl der Veganer und Vegetarier betrifft, schwanken die Angaben beträchtlich. Die Ernährungswissenschaftlerin zitierte neue Umfragen, die von 7,8 Millionen Vegetariern und 900 000 Veganern in Deutschland berichten. Zusammengenommen würde das einem Bevölkerungsanteil von etwa zehn Prozent entsprechen. Auf Regensburg heruntergerechnet leben dann rund 14 000 Bürger in der Stadt, die zumindest ohne Fleisch oder aber ganz ohne tierische Produkte leben.

Nicolas Thun und Lea Kramkowski suchen das Gespräch mit Passanten. Foto: Klein

„Vegan leben ist ein langer Weg“ sagt Gudrun Fickler. Die Regensburger Ernährungsberaterin ernährt sich seit langem vegetarisch und seit eineinhalb Jahren vegan. Vom veganen Essen zum veganen Leben ist es aber noch einmal ein großer Schritt. Die Lederschuhe und Wollpullis hat sie nicht weggeworfen sondern zieht sie weiterhin gerne an. Und der Mann an ihrer Seite ist ein Fleischesser geblieben. Natürlich versucht man, den Partner für feine vegane Speisen zu begeistern, aber dogmatisch will Gudrun Fickler nicht sein. „Wenn man sich verliebt, dann verliebt man sich“, sagt sie. Das habe nichts mit vegan zu tun.

„Liebe geht durch den Magen“, sagt andererseits ein Sprichwort. Weil vegan leben ein Lebensstil ist, hat man doch gerne Menschen mit einem ähnlichen Lebensstil um sich. Bei der Suche nach solchen naturnahen, umweltbewegten und tierfreundlich gesinnten Zeitgenossen bietet bereits eine alternative Kennenlern-Plattform mit derzeit 14 500 Mitgliedern Unterstützung an. „gleichklang“ nennt sich die Plattform, die zusammen mit dem veganen Info-Portal (www.vegan.eu) 1704 Frauen und 511 Männer, die vegan leben, in Sachen Liebe befragt hat. Demnach wären nur 68 Prozent der befragten Veganer bereit, sich mit einem Fleischesser der fleischlichen Liebe hinzugeben, mit einem Vegetarier aber glatte 95 Prozent. Wenn es statt Sex um echte Partnerschaft geht, werden die Maßstäbe strenger: Das Leben an der Seite eines Vegetariers könnten sich 89 Prozent der Veganer vorstellen. Fleischesser hätten da deutlich schlechtere Karten und würden nur 49 Prozent Zustimmung erfahren.

Das Grunzmobil kam

Wie ernst solche Zahlen zu nehmen sind, bleibt dahingestellt. „Ich war zwei Jahre mit einem Veganer zusammen, aber am Ende hat es auch nicht gepasst“, erzählte Lea Kramkowski. Die angehende Landschaftsarchitektin lebt vegan, aber „ein hübscher Fleischesser hätte schon Chancen bei mir“, schmunzelt sie. Die 25-Jährige hat sich vor zwei Jahren von ihrem geliebten Bergkäse verabschiedet und schwärmt nun für Sojamilchreis mit Apfelmus. Lea Kramkowski ist „Bufdi“ (Bundesfreiwilligendienstleistende) und acht Monate mit der Albert Schweitzer Stiftung unterwegs. Mit dem Grunzmobil kam sie unlängst nach Regensburg, um für Tierrechte und vegane Lebensweise zu werben.

Der zum Riesenschwein umgebaute Kleinlaster sorgte am Neupfarrplatz für Aufsehen und intensive Gespräche mit Passanten. Nicolas Thun, studierter Unternehmensberater und seit zweieinhalb Jahren mit dem Grunzmobil unterwegs, spricht freundlich auch Menschen an, die mit einer Leberkässemmel des Weges kommen. Auch mit Metzgern kommt er gerne ins Gespräch. „Die sagen sogar, ist gut, was ihr macht“ berichtete er.

Vegane Lokale in der Stadt

„Jeder muss mal auf dem eigenen Teller anfangen“, weiß der 31-jährige Berliner. Er freut sich, dass das vegane Thema inzwischen die Esoterik-Ecken der Buchhandlungen hinter sich gelassen hat und in den Regalen der Kochbücher angekommen ist. Die Albert Schweitzer Stiftung wirbt derzeit auch mit Rezepten für eine vegane Testwoche (www.vegan-taste-week.de)

Als Berliner hat Nicolas Thun natürlich ein riesiges Angebot, sich in dieser Stadt genussvoll und abwechslungsreich vegan zu ernähren. In Regensburg ist das Angebot schmaler. Die Tierschützer von Peta , die Regensburg auf Platz 10 der veganfreundlichsten Städte gesetzt haben (Spitzenreiter ist Leipzig vor Düsseldorf und Bremen), haben hier dennoch ein einfallsreiches veganes Angebot gefunden. Im Tara-Café entdeckten sie „ein vitaminreiches Vegan-Bio-Fairtrade-Mittagsmenü und leckere selbst gemachte Kuchen“. „Das PLAN 9 (Country Club) spielt Rock’n’Roll zu deftigem Seitanbraten, Sojasteak und Bruschetta“, lobt Peta. Und im kAffé dAdA fanden die Tierschützer vegane Kuchen und Cupcakes. Auch in normalen Cafés wie dem Lila oder dem Café Sofa gebe es zumindest ein vegan-korrektes Angebot, lobt Peta. Und dann gibt es ja auch noch den veganen Sonntagsbrunch, bei dem sich an jedem zweiten Sonntag im Mehrgenerationenhaus nette Kontakte knüpfen lassen.

Organisatoren entschuldigen sich

Am Samstag, 1. August, wird am Haidplatz nun das veganes Festival Veganmania gefeiert. Damit wird Regensburg zum zweiten Mal zum kleinen Mekka für Veganer. Von 11 bis 21 Uhr gibt es Info-, Ess- und Verkaufsstände mit veganem Angebot und einer Kultur-Bühne.

Was auf der Kulturbühne geboten werden sollte, sorgte allerdings für tierischen Ärger. Die Regensburger Grüne Jugend, von veganem Gedankengut durchaus angetan, verlor schnell alle Freude, als sie die Gästeliste des diesjährigen Festivals sah. „Das Bühnenprogramm liest sich streckenweise leider wie das ,Who is Who’ der deutschen Verschwörungsideologenszene. Panikmache, wissenschaftlich nicht haltbare Theorien und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit halten wir für kein Mittel einer legitimen politischen Auseinandersetzung“, schreibt Stefan Christoph, Geschäftsführer der Jugendorganisation der Grünen, in einem offenen Brief. „Daher lehnen wir auch einen Schulterschluss mit Verschwörungsideologien ab, deren Behauptungen immer wieder dem gesunden Menschenverstand widersprechen und die immer wieder nach Sündenböcken suchen“, heißt es in dem Offenen Brief weiter.

Die Organisatoren der Veganmania, der Verein TierrechteAktiv Regensburg, beherzigte die Kritik. Es wurden „schwerwiegende Fehler in Bezug auf die Auswahl der eingeladenen Gäste gemacht“, räumte Vorstandsmitglied Anita Krieger auf der Homepage des Vereins ein. Drei umstrittene Künstler wurden nach einem aufkommenden Proteststurm gebeten, ihre Teilnahme an der Veganmania abzusagen, was diese auch taten.

„Wir möchten uns bei allen Sponsoren, Teilnehmern und Gästen für unseren Fehler in aller Form entschuldigen“, schreibt Anita Krieger auf der Vereinshomepage und weiter: „ Wir möchten noch mal an dieser Stelle klarstellen, dass wir uns von Antisemitismus und jeglichem menschenfeindlichen Gedankengut ganz entschieden distanzieren.“ Der kleine Verein zieht aus dem Lapsus auch die Konsequenz, zieht sich aus der Organisation der Veranstaltung zurück und übergibt diese an den Vegetarierbund Vebu der Regionalgruppe Regensburg.

Veganmania mit neuem Programm

  • Das veganes Sommerfest

    Die Veganmania findet seit 1998 statt. Dieses Jahr handelt es sich bereits um die 18. Veganmania Tour. Der Verein gegen Tierfabriken (VGT) in Österreich hat dieses Festival ins Leben gerufen. Die vegane Tierrechtsszene und der Trend zu einem bewussteren Leben haben dazu beigetragen, dass die Veganmania in vielen deutschen Städten stattfindet: am Samstag zum zweiten Mal auch in Regensburg.

  • Proteste von vielen Seiten

    Nach heftiger Kritik an der Einladung sehr umstrittener Gäste trat der bisherige Organisator des veganen Fests, der Verein TierrechteAktiv Regensburg e.V. als Organisator zurück und legte am Montag die Gestaltung des Festivals in die Hände des Regensburger Vegetarierbunds Vebu. Alexander Eckrot als Leiter der Regionalgruppe kündigte ein in letzter Minute überarbeitetes Programm der Veganmania an.

  • Ein geändertes Programm

    Die Veganmania wird am Samstag von 11 bis 21 Uhr auf dem Haidplatz gefeiert. Geboten werden Musik, Info- und Verkaufsstände sowie Gaumenfreuden an vier Essständen. Organisationen wie Animal Equality, Animal Peacy, Sea Shepard und Soko Tierschutz werden vor Ort sein. Daniela Böhm, die sich wie ihr Vater Karlheinz Böhm für Gerechtigkeit einsetzt, wird einen Vortrag halten. Auch eine vegane Kochshow mit Stefano Vicinoadio ist geplant.

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