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Regensburg
Montag, 26. Juni 2017 30° 6

Rekord

Top-Reiseziele: Regensburg mischt mit

Die Stadt hat bei Gäste-Übernachtungen die Million erreicht. Wohin wollen die Touristiker? Altstadtbewohner sind skeptisch.
Von Marion Koller, MZ

  • Beliebtes Reiseziel: Touristen bei einer Gästeführung in der Altstadt Foto: Koller

Regensburg. Seit der Ernennung zum Unesco-Welterbe 2006 eilt Regensburg touristisch von Rekord zu Rekord. Für 2016 meldet Tourismus-Chefin Sabine Thiele erstmals eine Million Übernachtungen. Zugleich betont sie: „Wir wollen Klasse statt Masse. Nur ein nachhaltiges Wachstum hilft dem Standort.“

Was ist nachhaltig? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Die Aufenthaltsdauer der Gäste liegt in Regensburg bei durchschnittlich 1,8 Tagen. Zu kurz, findet Ralf Leidner, Manager des Atrium-Hotels und Mitglied der kritischen „Hotels in Regensburg“. „Wenn wir eine Aufenthaltsverlängerung auf drei bis vier Tage hinkriegen, dann ist das für alle Beteiligten gut.“

Leidner denkt dabei nicht nur an die Hoteliers, sondern auch an Einzelhändler und Wirte. Ein Urlauber, der länger bleibe, muss auch mal tanken, braucht etwas aus der Apotheke und kauft Souvenirs. „Wer länger bleibt, ist entspannter, das Geld sitzt lockerer“, weiß der Hotel-Chef. Er fordert deshalb ein Tourismus-Konzept, das auch die Altstadt und den Handel einbezieht. Die schwachen Zeiten in der Hotellerie – Januar bis März – spüre der Handel genauso. „Man muss Regensburg nicht mehr bekannt machen, sondern positionieren“, spielt Leidner auf das fehlende Konzept an. Er würde Medizintouristen ansprechen. Schließlich verfüge Regensburg über eine Spitzen-Orthopädie.

Geschäftsführerin Sabine Thiele arbeitet mit der Regensburg Tourismus GmbH (RTG) schon daran, dass Urlauber noch einen Tag anhängen. Sie offeriert nur Angebote mit mindestens zwei Übernachtungen.

1350 Kreuzfahrtriesen kommen

Auch Donau-Anlieger Richard Weidmüller kann sich mit dem Ziel „Klasse statt Masse“ anfreunden. Zwei bis drei Tage sollten die Gäste bleiben, in Geschichte und Kultur eintauchen und auch mal essen gehen, schwebt dem Architekten vor. Vom Vier-Stunden-Besuch der Kreuzfahrtpassagiere habe dagegen kein Regensburger etwas. Weidmüller appelliert an die RTG, die „Massivität ein bisschen zu entzerren“. Damit meint er die Stadtführungen mit Schiffsgästen.

Altstadtbewohner Michael Kroll verfolgt die Entwicklung äußerst skeptisch. „Es gibt Tage, an denen Regensburger ganz ungern in die Altstadt gehen, weil sie so stark von Touristen bevölkert wird.“ Kroll bedauert, dass allmählich die originäre Infrastruktur verschwinde und sich alles an den vermeintlichen Bedürfnissen der Touristen orientiere. Eine weitere Steigerung der Übernachtungszahlen werde das verstärken. Als Beispiele nennt Kroll die vielen Souvenirläden an der Steinernen Brücke und Gastronomiebetriebe in Stadtamhof, die Massenware produzierten.

RTG-Chefin Sabine Thiele und die Hoteliers dagegen hoffen auf mehr Geschäftsreisende. Von ihnen profitieren Hotels und Händler stärker als von Städtetouristen. Tagungs- und Kongressteilnehmer geben nach Thieles Schätzung durchschnittlich 300 Euro pro Tag aus, Urlauber laut einer Studie knapp 170 Euro. Bislang buchen Geschäftsleute die Hälfte der einen Million Übernachtungen.

Thiele verweist auf das Tourismuskonzept, in das die unterschiedlichen Positionen einfließen werden. Die dwif Consulting aus München hat den Auftrag erhalten. Der Regensburger Tourismusbeirat mit den örtlichen Beteiligten und Kulturreferent Klemens Unger an der Spitze spricht mit. Eine Bürgerbefragung ist geplant.

Die Nummer eins für viele

Doch in diesen Tagen freuen sich die Touristiker erst einmal über den gewaltigen Zuwachs 2016. Innerhalb eines Jahres ist die Zahl der Gäste-Übernachtungen um 85 000 (9,2 Prozent) auf 1,06 Millionen geklettert. Auch bei den Ankünften registriert die RTG ein sattes Plus von 6,7 Prozent. Damit erreicht Regensburg nahezu das beste touristische Ergebnis unter den vergleichbaren bayerischen Städtetourismuszielen.

Dass die Domstadt so viele Menschen anzieht, liegt laut Sabine Thiele an mehreren „Nummer-eins-Themen“: besterhaltene mittelalterliche Stadt Deutschlands, laut Facebook-Umfrage schönster bayerischer Weihnachtsmarkt (im T&T-Schloss, knapp 300 000 Besucher) und eine lebendige City. Zum Erfolg hat auch beigetragen, dass sich die deutschen Reiseweltmeister wieder häufiger in der Heimat erholen. Trauriger Hintergrund ist die in vielen Ländern vermutete Terrorgefahr.

Klemens Unger, der Chef des Tourismusbeirats und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der RTG, freut sich über das Wachstum und vor allem die Mehreinnahmen für Hotellerie und Gastronomie, Handel und Kultur. Die Wahrnehmung als beliebtes Städtereiseziel diene immer auch als Türöffner für Unternehmensansiedlungen und Investitionsentscheidungen.

Sabine Thiele, die mehr Geschäftsreisende nach Regensburg locken will, sieht Regensburg heute in einer wesentlich besseren Ausgangsposition als noch vor wenigen Jahren. Die Stadt biete neue Veranstaltungsorte – in der Tech-Base, der Conti Arena und ab Ende des Jahres im Marinaforum im früheren Schlachthof. Das letztere, ein Saal mit 750 Plätzen, habe bislang sehr gefehlt. „Es wird in Richtung Kongresszentrum gehen. Da können wir verstärkt akquirieren“, kündigt Thiele an.

In den nächsten Jahren kommen Hunderte Hotelbetten hinzu. Selbst die Stadt spricht in ihrem Hotelentwicklungsplan von Überkapazitäten. Atrium-Manager Leidner und der Verein „Hotels in Regensburg“ haben nachgerechnet. 100 000 zusätzliche Übernachtungen wären nötig, um die geplanten Hotels so zu belegen wie die bestehenden, nämlich mit durchschnittlich 44 Prozent. Die Zahl der Kreuzfahrtriesen wird laut einem Sprecher der Stadtwerke heuer nicht zunehmen. Rund 1350 der Schiffe werden anlanden, wie im Vorjahr. 1500 pro Jahr sind genehmigt. RTG-Chefin Sabine Thiele sieht auch bei den Kreuzfahrtriesen die Grenze noch nicht erreicht. „Wir sind Unesco-Welterbe und damit ist ein Bildungsauftrag verbunden“, sagt sie. Das gelte auch für Schiffstouristen. Große Hoffnungen verknüpfen die Touristiker mit dem Bayern-Museum, das 2018 am Donaumarkt eröffnen wird – ein weiterer Anziehungspunkt, damit mehr Menschen neugierig werden auf die Domstadt.

Kritiker Michael Kroll fürchtet bei weiter steigenden Übernachtungszahlen eine Entwicklung wie in Venedig, hin zu einem Touristen-Disneyland.

Woher die Gäste kommen: Top 5

  • Deutschland:

    Mehr als 835 700 Übernachtungen in Regensburg haben 2016 deutsche Urlauber und Geschäftsreisende gebucht.

  • Österreich:

    Auch im Nachbarland ist die Domstadt beliebt. Österreicher haben 28 000-mal hier genächtigt.

  • USA:

    Amerikaner buchten 20 000 Übernachtungen in der Domstadt.

  • Holland:

    14 000 Übernachtungen

  • Italien:

    13 000 Übernachtungen

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