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Gesundheit

Virtuelle Realität gegen Angststörungen

An der Hochschulambulanz für Psychotherapie gibt es innovative Behandlungsmethoden. Davon profitieren Lehre und Forschung.
Von Louisa Knobloch, MZ

  • Thomas Probst, Dr. Julia Diemer und Prof. Dr. Andreas Mühlberger nutzen in der Hochschulambulanz für Psychotherapie auch Virtuelle Realität zur Behandlung von Phobien wie Höhenangst. Foto: Knobloch
  • Am Donnerstag (5. Februar 2015) wurde die Hochschulambulanz für Psychotherapie feierlich eröffnet. Foto: Knobloch

Regensburg.Von der Plattform des metallenen Aussichtsturms öffnet sich der Blick in eine hügelige, grüne Landschaft. Doch Menschen mit Höhenangst können diesen Anblick nicht genießen: Es kostet sie Überwindung, die Stufen hinaufzusteigen, durch deren Gitterstruktur man bis zum Boden schauen kann. In diesem Fall ist der Turm jedoch nicht real, sondern Teil einer Virtuellen Realität, in der sich der Patient mit Hilfe der Datenbrille Oculus Rift und eines Gamepads bewegt. An der gestern offiziell eröffneten Hochschulambulanz für Psychotherapie der Universität Regensburg nutzen Prof. Dr. Andreas Mühlberger und seine Mitarbeiter die virtuelle Realität als Methode im Rahmen der sogenannten Expositionstherapie. Dabei stellen sich die Patienten ihrer Angst, mit dem Ziel, diese zu verlernen.

Die Behandlung von Angststörungen ist ein Schwerpunkt der Hochschulambulanz. Seit Oktober werden die ersten Patienten aufgenommen und von Mühlbauer und den stellvertretenden Leitern der Ambulanz, Dr. Julia Diemer und Thomas Probst, behandelt. Das Team soll aber künftig noch wachsen. Trotz ihres Namens richtet sich die Hochschulambulanz nicht nur an Universitätsangehörige und Studierende, betont Probst. „Wir können mit allen Krankenkassen abrechnen.“ Durch die neue Einrichtung verbessere sich die Versorgungsstruktur in Stadt und Region, sagte Oberbürgermeister Joachim Wolbergs – angesichts steigender Zahlen von psychischen Erkrankungen sei er für das zusätzliche Angebot dankbar.

Hemmschwelle für Patienten senken

Wie sich die Zahlen entwickelt haben, stellte Prof. Dr. Paul Pauli von der Universität Würzburg in seinem Festvortrag dar. Rund 30 Millionen Menschen in Deutschland seien von psychischen Erkrankungen betroffen – viele von ihnen würden jedoch gar nicht oder oft erst nach Jahren psychotherapeutisch behandelt. Als Gründe dafür nannte Pauli zum einen die oft ungenügende Versorgung – so warteten Patienten im Schnitt 17 Wochen auf einen Psychotherapieplatz –, zum anderen eine hohe Hemmschwelle auf Seiten der Betroffenen. „Je später die Behandlung beginnt, desto mehr chronifiziert die Störung“, warnt Pauli.

Die Virtuelle Realität sei eine Möglichkeit, diese Hemmschwelle zu senken, so Pauli: „Ein Patient lässt sich leichter auf eine Therapie ein, wenn er mit einer virtuellen Spinne konfrontiert wird als mit einer echten.“ Ein weiterer Vorteil: Die Behandlung findet unter kontrollierten und sicheren Bedingungen in der Praxis statt. In Würzburg haben Pauli und Mühlberger, damals noch als wissenschaftlicher Assistent, die virtuelle Realität etwa zur Behandlung von Patienten mit Flugangst genutzt. Als Mühlberger 2012 auf den Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Regensburg berufen wurde, machte er sich daran, hier ebenfalls eine Lehr- und Forschungsambulanz aufzubauen. Statt wie ursprünglich geplant im Posthof befindet sich diese nun in der Landshuter Straße 22. Die Räume sind hoch und hell, mit einem alten Holzfußboden, der eher an ein Wohnzimmer als an eine Arztpraxis erinnert.

Neben der Patientenversorgung soll die Hochschulambulanz auch einen Beitrag zur Lehre und Forschung am Institut für Psychologie leisten. Fortgeschrittene Psychologiestudenten sollen über Fallseminare und Praktika Einblicke in die ambulante Psychotherapie bekommen, so Mühlberger. Das Einverständnis der Patienten vorausgesetzt, können sie erste Erfahrungen mit Gesprächstechniken sammeln.

Raum für mehr Praxis im Studium

Aktuell werde zudem eine Reform des Psychotherapeutengesetzes diskutiert. Sollte der Studiengang künftig mit dem Master direkt zur Approbation – also zur Zulassung zum Beruf –, führen, müsste der praktische Anteil in der Ausbildung erhöht werden. „Darauf sind wir mit der Hochschulambulanz nun vorbereitet“, ist Mühlberger überzeugt. Der Studiengang Psychologie in Regensburg werde durch die neue Einrichtung gestärkt, betont Wolbergs.

In der Hochschulambulanz sollen zudem Forschungsprojekte durchgeführt werden. Zum einen wollen Mühlberger und seine Mitarbeiter die virtuelle Realität als Therapiemethode weiter untersuchen. Aktuell werden für eine Studie beispielsweise Personen gesucht, die Angst vor Spinnen haben. Zudem sollen Verlaufsmessungen durchgeführt werden. Dabei füllen die Patienten nach jeder Sitzung online einen Fragebogen aus. „Die Ergebnisse sollen dazu beitragen, Therapieprozesse zu optimieren und problematische Therapieverläufe frühzeitig zu erkennen“, sagt Probst.

Die Hochschulambulanz

  • Kontakt

    Die Hochschulambulanz für Psychotherapie der Universität Regensburg befindet sich in der Landshuter Straße 22. Telefonische Sprechzeiten sind dienstags und freitags von 14-15 Uhr unter Tel. (09 41) 9 43 60 80. Per E-Mail ist die Hochschulambulanz unter psychotherapie@ur.de zu erreichen.

  • Mitarbeiter

    Geleitet wird die Ambulanz von Prof. Dr. Andreas Mühlberger, Inhaber des Lehrstuhls für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Regensburg. Stellvertretende Ambulanzleiter sind Dr. Julia Diemer und Thomas Probst. Alle drei verfügen über eine Approbation als psychologische Psychotherapeuten (Verhaltenstherapie).

  • Studien

    Für Studien sucht die Hochschulambulanz Probanden. Derzeit werden Personen mit Spinnenangst gesucht, die sich Bilder verschiedener Lebewesen ansehen sollen. Außerdem werden Probanden gesucht, die Interesse an einem Sozialen Kompetenztraining haben. Kontakt: Thomas.Probst@ur.de

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