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Regensburg
Mittwoch, 17. Januar 2018 9

Zirkus

Vom Zirkus war zuhause nie die Rede

Lisa Rinne und Andreas Bartl stammen aus gutbürgerlichem Haus, studierten Zirkuskunst und wurden ein Paar.
Von Angelika Lukesch, MZ

Akrobatin Lisa Rinne bei ihrer prämierten Nummer Fallen. Foto: Gérard Cardoso

Regensburg.Die 28-jährige Lisa Rinne ist ein sonniger Mensch. Das Zirkusbüro des 2. Regensburger Weihnachtszirkus, in dem sie unserem Medienhaus ein Interview gibt, wird von ihrem strahlenden Lächeln regelrecht erleuchtet. „Für mich ist die Tätigkeit als Zirkusartistin einfach das Schönste, was es gibt“, stellt Rinne fest und man glaubt es ihr sofort.

Auch in der Manege bei der Zirkusvorstellung ist sie die Akrobatin, die regelrecht strahlt, wenn sie an der Strickleiter und am Trapez ihre ungewöhnliche Nummer „Fallen“ präsentiert. Rinne lacht dann über das ganze Gesicht, so als ob sie ihre Künste erstmals einem Publikum zeigen und sich über den Applaus freuen würde. „Ich hab unglaublich viel Spaß am Trapez. Es ist eine große Schaukel! Davon träumt doch jedes Kind!“

Die Artisten Lisa Rinne und Andreas Bartl lieben das Leben im Zirkus. Foto: Lukesch

Ihr Freund und auch Artistikpartner heißt Andreas Bartl (39) und ist ein waschechter Bayer aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck. Bartl ist ein ruhiger Typ, gelassen und sehr konzentriert. Der 39-Jährige zeigt beim 2. Regensburger Weihnachtszirkus Mast-Akrobatik. Seine Präsentation hat den Titel „En route“. Andreas Bartl will damit die Suche nach dem eigenen Selbst darstellen. Seine Artistik besticht durch große Körperkraft und elegante Bewegungen, mit denen er den Mast zu einem Spielfeld seiner Muskeln und seiner Körperbeherrschung macht.

Andreas Bartl präsentiert bei der Mast-Akrobatik Körperkraft und Körperbeherrschung. Foto: Grandezza Entertainment

Hinaus in die Welt war das Ziel

Weder Lisa Rinne noch Andreas Bartl wurde die Liebe zum Zirkus in die Wiege gelegt. Rinne wurde in Sandkrug, einem kleinen Ort bei Bremen, in eine gutbürgerliche Familie hinein geboren. Schon während ihrer Schulzeit turnte sie und stand bei der Show-Akrobatikgruppe einer Amateurzirkusschule als Unterfrau ihren Mann. „Nach dem Abitur 2007 habe ich nicht gewusst, was ich machen will. Ich wusste nur, dass ich keine Lust auf Hörsäle hatte und hinaus in die Welt wollte“, erzählt die Akrobatin.

Sie hörte davon, dass es im niederländischen Tilburg eine Akademie für Zirkuskünste („Academy for Circus and Performance Arts“) gebe. Mehr oder weniger aus Langeweile nahm sie an der Aufnahmeprüfung teil und bestand sofort! Damit war Lisa Rinnes Weg in die Welt der Artistik und des Zirkus vorgezeichnet.

Sehen Sie hier Impressionen vom 2. Regensburger Weihnachtscircus:

Premiere des Regensburger Weihnachtscircus

Mit „Fallen“ weltweit erfolgreich

„Meine Eltern waren begeistert davon, dass ich das machen wollte. Mein Onkel hat mir oft Utensilien gebaut, die ich für meine Nummern brauche. Meine Eltern kommen auch oft, um mich bei meinen Auftritten zu sehen“, erzählt die Akrobatin. 2011 schloss sie ihr Studium an der Akademie ab und bekam sofort verschiedene Engagements.

Sie entwickelte ihre besondere Nummer „Fallen“, mit der sie weltweit sehr großen Erfolg hat und unter anderem beim „Festival Mondial du Cirque de Demain“ in Paris Silber gewonnen hat. „Ich liebe es, dass ich mit meinem Beruf so viel reisen kann. Wir waren schon in China, Russland, Kanada, Israel und Japan und wir schauen immer, dass wir dort ein paar Tage länger bleiben können, als die Arbeitszeit“, erzählt Rinne. Das Paar versucht stets, gemeinsam Engagements zu finden. Auch beim Straßenkunstfestival in Regensburg „Kulturpflaster 2016“ waren sie mit einer gemeinsamen Nummer zugegen.

Die Artisten

  • Die Artistin

    Lisa Rinne (28) erlernte die Zirkuskunst an der „Academy for Circus and Performance Arts“ in Tilburg (Holland) mit Spezialisierung „Schwingendes Trapez“. Dort entwickelte sie ihren Auftritt „Fallen“ an Strickleiter und Trapez. Sie gewann unter anderem die Silbermedaille beim „Festival Mondial du Cirque de Demain“ in Paris, den silbernen Elefanten beim Internationalen Zirkusfestival in Moskau, den silbernen Löwen bei Festival in Wuqiao in China sowie die Goldmedaille beim europäischen Jugendzirkusfestival in Wiesbaden.

  • Der Acrobat

    Andreas Bartl (39) studierte Zirkuskunst an der Akademie für Zirkuskünste in Brüssel und schloss mit dem Diplom ab. Er absolvierte eine Reihe von Weiterbildungen im Bereich Bühnentechnik für Zirkus und schloss ein Bachelorstudium Ethnologie und Erziehungswissenschaften an der Universität Köln ab. Bartl spricht Deutsch, Französisch und Englisch fließend und hat Grundkenntnisse in Russisch und Spanisch Er tritt beim 2. Regensburger Weihnachtszirkus mit moderner Mast-Akrobatik auf.

Andreas Bartls Vater war Gymnasiallehrer, seine Mutter Pharmareferentin. Er legte 1996 am Viscardi-Gymnasium in Fürstenfeldbruck ein sehr gutes Abitur ab. Mit seinen Noten hätte er auch Medizin studieren können, doch Bartl wollte eigentlich gymnasiales Lehramt mit Französisch und einem zweiten Fach, Sport oder Deutsch, studieren. Auch er hatte sich bereits während der Gymnasialzeit im differenzierten Sportunterricht mit Zirkuskünsten befasst. Doch zunächst wollte Bartl besser Französisch lernen und ging nach Brüssel.

Aus einem Jahr wurden drei

„Dort gab es eine Zirkusakademie. Ich dachte mir, ich kann das ja mal ein Jahr lang machen und gleichzeitig Französisch lernen, danach dann mein Studium beginnen. Aus dem einen Jahr wurden aber drei“, erzählt Bartl. Er legte dort sein Diplom für Zirkuskünste ab, dies entspricht heute einem Bachelor-Abschluss. Danach spezialisierte er sich auf Handstandakrobatik, arbeitete als freischaffender Künstler und als Dozent an der Brüsseler Zirkus-Akademie.

Einige Jahre war Bartl beim „Sozialzirkus“ aktiv. „Da werden Straßenkinder von der Straße geholt“, sagt Bartl. Er arbeitete mit Streetworkern zusammen und reiste immer wieder für mehrere Monate in afrikanische Länder und betreute Projekte.

Lesen Sie mehr zum Thema: Rodrigue Funke ist für die märchenhafte Inszenierung des Regensburger Weihnachtscirkus verantwortlich.

An der Akademie unterrichtete er weiter, war unter anderem bei den Kaltenberger Ritterspielen mit von der Partie und machte Straßenshows. 2008 zog es den Bayern wieder an die Universität. „Ich habe in Köln Ethnologie und Erziehungswissenschaften mit Bachelorabschluss studiert“, sagt Bartl, der sich damit auch für die Zukunft, wenn er selbst aus Altersgründen nicht mehr artistisch tätig sein kann, eine Perspektive eröffnet hat.

Weder Lisa Rinne noch Andreas Bartl haben je bereut, dass sie in die Zirkuswelt eingetreten sind. „Wir treffen bei unseren Reisen und Engagements immer wieder neue, interessante Menschen und auch immer wieder alte Bekannte“, sagt Rinne.

Für Bartl war das Leben als Artist auch eine „Challenge“. „Ich wollte wissen: Kann ich das überhaupt? Ich habe ja erst als Erwachsener die Akrobatik ernsthaft betrieben“, sagt Bartl. Seinem Gefühl nach hat sich der Weg in den Zirkus für ihn von ganz alleine ergeben: „Das Leben entscheidet selbst für einen. Das meiste von dem, was ich bisher gemacht habe, wurde von außen an mich herangetragen.“

Andreas Bartls Anliegen ist es vor allem auch, zu zeigen, dass es deutsche Artisten auf höchstem Niveau gibt. „Der deutsche Zirkus ist anspruchsvoll und er ist sehr gut“, sagt der sympathische bayerische Mastkletterer.

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