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Regensburg
Samstag, 16. Dezember 2017 10

MZ-Serie

Zeugnis der früheren Handelsstadt

Die Schifffahrt war für Regensburg früher von großer Bedeutung. Eine alte Klappe an einem Haus am Donauufer erinnert daran.
Von Eva-Maria Bast

Was befindet sich hinter der Klappe? Stephanie Ruhfaß späht neugierig hinein. Fotos: Eva-Maria Bast

Regensburg.Sie ist lang, sie ist schmal und sie gibt Rätsel auf. Wenn man am Donauufer entlangspaziert und die Häuser genau betrachtet, wird man sie entdecken, die blaugrüne Klappe an einem kleinen, gelben Haus. Öffnet man sie und blickt dahinter, kann man durch eine Glasscheibe in einen dunklen Raum spähen. Wer den Sinn der Klappe begreifen will, muss wissen, was sich in dem Häuschen befindet.

„Das ist das Schiffswindenhäuschen, in dem eine elektrische Seilwinde untergebracht ist“, sagt Stadtführerin Stephanie Ruhfaß. „Durch diese Klappe führte das Seil hindurch, mit dem die Schiffe von der Schiffswinde unter der Steinernen Brücke, die neben dem Dom Wahrzeichen von Regensburg ist, hindurchgezogen wurden.“ Der Motor im Häuschen, der das erledigte, war ein Straßenbahnmotor und hatte immerhin 50 PS. Warum die Schiffe unter der in den Jahren 1135 bis 1146 erbauten Brücke hindurchgezogen werden mussten?

Treidelpfade an der Donau

Zu Zeiten, als Schiffe noch nicht motorisiert waren oder nur schwache Motoren besaßen, war es üblich, dass sie, wenn sie stromaufwärts oder durch ein Gewässer ohne große Strömung fahren mussten, getreidelt wurden. Zu diesem Zweck zogen Zugtiere, meist Pferde, die Schiffe am Ufer entlang durch die Strömung. Diese Uferwege, die teilweise noch erhalten sind, nennt man „Treidelpfade“.

Bei der Regensburger Brücke kam noch erschwerend hinzu, dass sich zwischen den Pfeilern gefährliche Donaustrudel bildeten, die von den Schiffen überwunden werden mussten. Das konnten die wenigsten ohne Hilfe.

Erstmals 1236 erwähnt, wurde bis 1486 am nördlichen Brückenkopf eine große hölzerne Seilwinde eingesetzt, das sogenannte „Antwerch“, um die Schiffe unter der Brücke hindurchzuziehen. Gleiches galt für die Südseite: Hier wurde 1559 eine Winde aus Holz gebaut, das „Ohmwerk“, das 1610 in den eigens dafür errichteten Turm umzog. 1914 nahm man eine elektrische Winde in Betrieb, die heute noch in dem kleinen Häuschen zu sehen ist, das anstelle des früheren „Ohmturms“ errichtet wurde. „Sie wird allerdings nicht mehr genutzt“, sagt Ruhfaß.

Die Klappe am gelben Haus hat eine lange Geschichte zu erzählen.´Fotos: Eva-Maria Bast

„Regensburg war eine wichtige Handelsstadt. Die geografisch und verkehrstechnisch günstige Lage an der Donau mit ihren Nebenflüssen Naab und Regen ermöglichte schnellen und recht sicheren Fernhandel nicht nur bis zum Schwarzen Meer, sondern darüber hinaus bis in den Orient und weiter nach Fernost durch den Anschluss an die Seidenstraße.“ Die Schifffahrt war also für Regensburg von großer Bedeutung.

Durch den Fernhandel sei man in der Lage gewesen, den großen Bedarf der Regensburger Adeligen und Kleriker an Luxusgütern zu decken: „Regensburg war ja politisches Machtzentrum, mit Bischofssitz, bevorzugte Residenz der ostfränkischen Karolinger und der bayerischen Herzöge“, sagt Ruhfaß, „und insofern gewissermaßen die einzige echte Hauptstadt des mittelalterlichen Deutschlands!“

Neben den Handelswegen in den Orient habe es solche auch in den Süden über die Alpen nach Italien, ostwärts über Böhmen, Polen, Ungarn nach Russland und in Richtung Westen in die Rheinlande und nach Flandern gegeben. Die Waren, die auf diesen Wegen transportiert wurden, ließen so manches Herz höherschlagen: „Pelze, Edelmetalle und Wachs aus Ungarn, Polen und Russland“, zählt Stephanie Ruhfaß auf, „sowie aus dem Orient und Italien Seide, Samt, Tuchwaren, Gewürze, Wein und exotische Früchte.“ Tuche kamen auch aus Frankreich und Flandern. Ein weiteres Haupthandelsgut sei das Salz gewesen, das aus den Reichenhaller Salinen nach Regensburg gelangte.

Umschlagplatz für Waren aller Art

Nicht alle Waren wurden in Regensburg verkauft: „Regensburg war auch Umschlagplatz, das heißt, von hier aus wurde weiterexportiert“, sagt die Stadtführerin. So sehr der Handel auch blühte: Ende des 15. Jahrhunderts begann der wirtschaftliche Abstieg der im Mittelalter so erfolgreichen Handelsstadt Regensburg. „Die bayerischen Herzöge förderten nahe Stadtgründungen und erschwerten durch Anheben der Zölle den Handel mit Regensburg“, erläutert die Kunsthistorikerin die Gründe des Niedergangs. In der Folge hätten sich die Handelswege zugunsten anderer Städte wie Nürnberg und Augsburg verlagert. „Diese Städte hatten nicht nur, wie Regensburg, auf den Handel gesetzt, sondern stellten auch selbst Waren her.“

Die Treidelanlage wurde allerdings noch lange gebraucht. Erst als der alte Ludwig-Donau-Main-Kanal aufgrund von Kriegsschäden 1944 nur noch teilweise befahren werden konnte, zog die Schlepphilfe wesentlich weniger Schiffe durch die Brücke. 1964 wurde sie ganz außer Dienst gestellt. Und genau deshalb ist die Klappe in Vergessenheit geraten. Obwohl sich an ihr ein so bedeutendes Stück Regensburger Stadtgeschichte erzählen lässt.

Hier finden Sie weitere Teile unserer Serie über Regensburger und Oberpfälzer Geheimnisse!

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