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Dienstag, 17. Oktober 2017 20° 12

Umwelt

Machen Mooswände die Luft besser?

CSU-Stadträte fordern „City Trees“ für Regensburg. Stadt und Experten wollen das Übel lieber an der Wurzel bekämpfen.
Von Julia Ried, MZ

Im norwegischen Oslo stehen bereits zwei der „City Tree“ genannten Mooswände. Foto: Oslo Photo Tou

Regensburg.Bäume sind gut fürs Klima, unter anderem weil sie Schadstoffe aus der Umgebung filtern und für Kühlung sorgen. Und „City Trees“ sollen noch besser für die Luft sein. Die von Moos bewachsenen Stahlkonstruktionen einer Berliner Firma sind in Großstädten immer öfter zu sehen. Eine steht in Hannover, eine in Berlin, drei in Dresden, drei in Paris, zwei in Oslo und eine in Hongkong. Geht es nach der CSU-Fraktion im Regensburger Stadtrat, sollen sie bald auch in Regensburg stehen.

In einem aktuellen Antrag bitten die Stadträte Hans Renter, Dagmar Schmidl und Dr. Armin Gugau darum, dass die Verwaltung prüft, ob „Mooswände mit Feinstaub-Filterung aufgestellt werden können“. In diesem Jahr ist die Luft in Regensburg besonders schlecht. Bereits 13-mal wurde der Feinstaub-Grenzwert 2017 überschritten; maximal 35 Überschreitungen im Jahr erlauben die gesetzlichen Vorgaben. Was Stickstoffdioxid angeht, so lag die Belastung der Stadtluft in den vergangenen fünf Jahren viermal über dem Jahresgrenzwert. Diese schlechten Nachrichten motivierten die CSU-Stadträte zu ihrem Vorstoß.

Im Vergleich mit anderen bayerischen Städten sei Regensburg regelmäßig Spitzenreiter, was schlechte Luftqualität angeht, schreiben die Kommunalpolitiker an Bürgermeisterin Getrud Maltz-Schwarzfischer. „Die Belastung der Atemluft mit diesen Schadstoffen kann enorm gesundheitsschädlich sein. Daher sollten alle möglichen Maßnahmen ergriffen werden, um diese Schadstoffe zu reduzieren.“ Feinstaub belastet nach Angaben des Umweltbundesamts nicht nur die Atemwege, sondern erhöht auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Stickstoffdioxid sei vor allem für Asthmatiker ein Problem.

Die CSU-Stadträte wurden bei ihrer Suche nach möglichen Maßnahmen zur Verbesserung der Stadtluft auf den „City Tree“ des Berliner Start-ups „Green City Solutions“ aufmerksam. Die 2014 gegründete Firma hat ein Patent auf das moosbewachsene Objekt angemeldet. Sie verspricht, die frei stehende Pflanzenwand, knapp vier Meter hoch und knapp drei Meter breit, erbringe die Umweltleistung von bis zu 275 herkömmlich gepflanzten Stadtbäumen. Konkret könnten die pflanzlichen Filter, deren Versorgung mit Nährstoffen und Wasser per Fernüberwachung geregelt wird, die Luftverschmutzung in einem Umkreis von bis zu 50 Metern um bis zu 30 Prozent reduzieren, außerdem die Luft kühlen. Das Unternehmen verlangt für einen „City Tree“ etwa 25 000 Euro – je nach Ausstattung auch mehr.

Moose binden Staub

Biologe Dr. Josef Simmel, der am Lehrstuhl für Ökologie und Naturschutzbiologie der Universität Regensburg forscht und lehrt, sagt: „Ich kann mir schon vorstellen, dass das eine deutlich größere Wirkung hat als unsere Stadtbäume. Moose können nicht aktiv den Luftstrom beeinflussen, aber sie binden passiv Schadstoffe.“ Besonders effektiv filterten die Pflanzen Staub, „weil die elektrisch geladen sind und das Moos sie dadurch fester binden kann“.

„City Trees“

  • Das Unternehmen:

    Die Gründer von „Green City Solutions“ kommen eigenen Angaben nach aus Architektur, Maschinenbau, Informatik und Gartenbau beziehungsweise Biologie. Das Biotech- und „Internet der Dinge“-Start-up mit Sitz in Berlin entwickelt Umweltdienstleistungen und Technologien, die Stadtbewohnern zu einem gesünderen Leben in grünen Städten verhelfen sollen. Der Begriff „Internet der Dinge“ bezeichnet die Vernetzung von Geräten mit dem Internet, damit diese Objekte selbstständig miteinander kommunizieren und so verschiedene Aufgaben erledigen können.

  • Die Mooswände:

    Ein „City Tree“ ist 2,93 Meter breit und knapp vier Meter hoch. Oben ist er 64 Zentimeter tief, unten 2,19 Meter – wegen der integrierten Sitzbank. Die Rahmenkonstruktion besteht aus Stahl. Das etwa 25 000 Euro teure Objekt ist beidseitig bepflanzt, insbesondere mit Mooskulturen, aber zum Beispiel auch mit Deckpflanzen. Die „Internet-der-Dinge“ Technologie soll eine optimale Versorgung der Pflanzen garantieren. Es gibt auch „City Trees“ mit Bildschirmen, auf denen etwa Werbung gezeigt werden kann – so soll sich die Investition für die Kunden besser rechnen.

Ob ein „City Tree“ das Klima tastsächlich so positiv beeinflussen kann wie 275 Robinien – diesen Baum zieht „Green City Solutions“ zum Vergleich heran – könne er ohne Praxistest nicht beurteilen, sagt Simmel. Die Mooswände aus Berlin bezeichnet der Biologe trotzdem als „ersten wirklichen Vorstoß in die Richtung“. Technische Lösungen zur Luftfilterung hätten sich bisher nicht durchgesetzt. Der Biologe hält es allerdings grundsätzlich für sinnvoller, Luftverschmutzung an der Quelle zu bekämpfen, etwa mithilfe von Umweltzonen oder dem Umstieg auf Fahrzeuge ohne Verbrennungsmotoren im öffentlichen Personennahverkehr. „Wenn kein Feinstaub entsteht, muss ich ihn gar nicht abfangen.“

Auch Raimund Schoberer, Vorsitzender der Kreisgruppe des Bundes Naturschutz, hält Mooswände zur Luftreinigung zwar prinzipiell für eine „gute Idee“, sagt aber auch: „Besser ist es, wenn man den Dreck gar nicht erst in die Luft lässt.“ Er fordert deshalb, dass sich die Stadt stärker für einen umweltfreundlicheren Stadtverkehr engagiert und sie strengere Regeln für kleine Öfen, die von Hand befeuert werden, aufstellt.

Wie kommt der Dreck zum Filter?

Außerdem gibt er zu bedenken, dass die Feinstaubwerte in Regensburg vor allem in Inversionswetterlagen nach oben gehen, also dann, wenn die Schadstoffe wie unter einer Glocke in der kälteren Luft in Bodennähe festhängen und kein Lüftchen sich regt. Die für Regensburg entscheidende Frage bezüglich der Mooswände laute deshalb: „Wie kommt der Dreck zu den Filtern?“ Schoberer sagt: „Ich glaube nicht, dass man die so aufstellen kann, dass sie flächendeckend einen Effekt haben. Dazu sind sie zu teuer.“

Aus Sicht der Stadt ist der Preis das zentrale Argument gegen die „City Trees“. Ein Exemplar hatte sie sich im Herbst ausgeliehen und bei einer Veranstaltung des Umweltclubs, zu dem Bürgermeister Jürgen Huber regelmäßig einlädt, präsentiert. Umweltreferent Huber glaubt nun, „dass der ,City Tree‘ irgendwann wohl kommen wird“ – etwa in der Altstadt, wo der Platz im Boden knapp ist, auch weil Denkmäler darin liegen. Aktuell aber sagt er: „Ich empfehle nicht, dass wir im großen Stil diese Mooswände aufstellen, weil das zu teuer ist im Verhältnis zu dem Effekt.“ Er setze lieber auf die Elektrifizierung des Verkehrs.

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