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Schulgeschichten
Donnerstag, 29. Juni 2017 27° 2

Prävention

Starkes Engagement gegen das Rauchen

Regensburger Medizinstudenten informieren Schüler über die Folgen des Zigarettenkonsums – und lernen selbst viel dazu.
Von Louisa Knobloch, MZ

Isabelle Benke, Ramona Meier und Benedikt Gaim (v.l.) klären am Von-Müller-Gymnasium in Regensburg die Schüler der vier 7. Klassen über die Gefahren des Rauchens auf. Die Jugendlichen haben viele Fragen an die Medizinstudenten. Foto: Knobloch

Regensburg.„Was meint ihr – wie viele Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren werden genau heute weltweit das erste Mal zur Zigarette greifen?“, fragt Medizinstudentin Ramona Meier die Siebtklässler, die auf Holzbänken vor ihr in der Turnhalle des Regensburger Von-Müller-Gymnasiums sitzen. 20, schätzt ein Mädchen. 100, meint ein Junge. Tatsächlich sind es 6000 Jugendliche, sagt Meier. Diese Zahl ist nicht die einzige Information, die bei den Schülern an diesem Nachmittag für Erstaunen sorgt.

Jugendliche über die Gefahren des Rauchens zu informieren – das ist das Ziel des Projekts „Aufklärung gegen Tabak“ (AGT). Seit 2012 halten Medizinstudenten in Deutschland, Österreich und der Schweiz Vorträge an Schulen. Die Fakultät für Medizin der Universität Regensburg war von Anfang an mit dabei. Gegründet wurde AGT von dem Gießener Medizinstudenten Titus Brinker. Er hatte bei einem Auslandssemester in Texas das dortige Programm „Stand Tall Against Tobacco“ (STAT) kennengelernt und entwickelte daraufhin eine eigene Aufklärungskampagne, die zunächst in Deutschland startete. Unter dem Namen „Education Against Tobacco“ (EAT) hat sein Projekt mittlerweile sogar Unterstützer in Ländern wie dem Sudan oder Bangladesch gefunden.

Die Regensburger Medizinstudenten Tobias Stark und Susanne Swoboda engagieren sich seit mehreren Jahren für „Aufklärung gegen Tabak“. Foto: Knobloch

Medizinstudent Tobias Stark hat die AGT-Gruppe in Regensburg aufgebaut. „Das Interesse bei den Schulen war von Anfang an groß“, berichtet er. Die Studenten versuchen Jugendliche zu erreichen, bevor sie überhaupt mit dem Rauchen anfangen. Zielgruppe sind daher die Schüler der 6. bis 8. Klassen. In den vergangenen Jahren habe es zwar positive Entwicklungen wie das Rauchverbot in Kneipen oder Restaurants in Bayern gegeben, dennoch liege Deutschland im internationalen Vergleich bei der Tabakkontrolle weit zurück, sagt Stark. „Wir sind beispielsweise eines der letzten Länder in der EU, die noch Außenwerbung für Tabak erlauben.“ Und diese Werbung zielt vor allem auf junge Leute: mit dem Rauchen werden da Spaß, Freiheit und Abenteuer verknüpft. Sätze wie „Rauchen kann tödlich sein“ auf Zigarettenschachteln haben Stark zufolge dagegen kaum Wirkung: „Auch Autofahren kann ja tödlich sein.“

Gesundheit und Geldbeutel leiden

Bei AGT setzen die Medizinstudenten daher nicht auf Schockbilder, sondern auf Informationen, die nahe an der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen sind – etwa, was die Folgen des Rauchens auf das Aussehen, die sportliche Leistungsfähigkeit oder den Geldbeutel angeht. Am Von-Müller-Gymnasium rechnet Medizinstudentin Isabelle Benke mit den Schülern gerade aus, was Rauchen denn so kostet. Bei fünf Euro pro Schachtel Zigaretten kommen pro Woche schnell 35 Euro zusammen, im Monat 140 Euro und aufs Jahr gesehen sogar 1680 Euro. Geld, mit dem man sich zum Beispiel das neueste Smartphone kaufen könnte – oder Schuhe, wie eine Schülerin begeistert anmerkt.

Bei Aulapräsentationen wie hier an der Otto-Schwerdt-Mittelschule berichtet COPD-Patient Alois Stadlbauer von seinen Erfahrungen. Foto: Koch/Schule

Wie ungesund das Rauchen ist, machen die Studenten anhand einer Liste mit Inhaltsstoffen deutlich. Dass Zigaretten Nikotin und Teer enthalten, wissen die meisten – aber auch Ammoniak, Blei und Formaldehyd? Wieder ein Aha-Moment. „Rauchen ist die größte vermeidbare Todesursache in Deutschland“, betont Medizinstudent Benedikt Gaim. Zu den gesundheitlichen Folgen gehört etwa COPD, die sogenannte Raucherlunge. Was es bedeutet, mit dieser Krankheit zu leben, berichtet bei den Aulapräsentationen der COPD-Patient Alois Stadlbauer. An diesem Tag ist er jedoch kurzfristig verhindert. Daher informiert Gaim die Schüler über die Krankheit. Die Vorstellung, ständig über eine Nasenbrille mit Sauerstoff versorgt werden zu müssen, beeindruckt die Siebtklässler.

Die 60 bis 90 Minuten lange Aulapräsentation ist aber nur der erste Teil des AGT-Projekts. Im Frühjahr werden die Medizinstudenten dann die einzelnen Klassen besuchen. Außerdem können die Schüler an einem Malwettbewerb zum Thema teilnehmen. Am Von Müller-Gymnasium haben die AGT-Veranstaltungen bereits Tradition: „Uns war es wichtig, im Rahmen unseres Konzepts zur Drogenprävention auch in der Unterstufe ein Angebot zu haben“, sagt Lehrer Josef Espach, der Beauftragte für Suchtprävention. Schulleiterin Sigrid Partenfelder ist vom Engagement der Medizinstudenten ebenfalls begeistert. „In der Pubertät orientieren sich Schüler ja eher an der Peer Group als an Eltern oder Lehrern.“

Initiator Titus Brinker stellt im Video das Projekt „Aufklärung gegen Tabak“ vor:

Schulbesuch ist Teil des Wahlfachs

Seit diesem Wintersemester ist „Aufklärung gegen Tabak“ sogar ein Wahlfach für Medizinstudenten an der Universität Regensburg. Damit soll eine Lücke im Lehrplan geschlossen werden. „Bei vielen Krankheiten wird das Rauchen als erster Risikofaktor genannt“, sagt Studentin Susanne Swoboda, die sich seit 2013 für AGT engagiert. „Themen wie Nikotinersatztherapie werden im Studium aber kaum behandelt.“ Studien zufolge würden 70 Prozent der Raucher gerne aufhören, aber nur fünf Prozent schafften es tatsächlich. Daher sei es wichtig, dass Mediziner Raucher beraten und sie beim Aufhören unterstützen könnten.

2014 nahmen AGT-Gründer Titus Brinker (M.) und Tobias Stark in Berlin den Bundespreis im Rahmen des Wettbewerbs startsocial entgegen. Foto: Stark/AGT

Auch der Schulbesuch ist Teil des Wahlfachs, eine Didaktik-Vorlesung bereitet die Teilnehmer darauf vor. Ramona Meier und Isabelle Benke sind nach ihrer ersten Aulapräsentation zufrieden. „Die Schüler waren motiviert und sie haben viele Fragen gestellt“, sagt Meier. Künftig soll das Wahlfach jedes Semester angeboten werden. Tobias Stark hofft, dadurch auch neue Ehrenamtliche für das AGT-Projekt zu gewinnen. Denn: „Rauchen ist keine Lifestyle-Entscheidung, sondern eine Sucht.“

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Das Projekt AGT

  • Auszeichnung

    Das Projekt „Aufklärung gegen Tabak“ (AGT) wurde 2012 von Titus Brinker gegründet. 2014 wurde AGT beim Wettbewerb startsocial mit dem mit 5000 Euro dotierten Bundespreis ausgezeichnet.

  • Kontakt

    Bei AGT Regensburg informieren Medizinstudenten der Uni Regensburg Schüler über die Risiken des Rauchens. Interessierte Schulen können per E-Mail einen Termin vereinbaren (regensburg@gegentabak.de ).

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