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Regensburg-Stadt
Samstag, 18. November 2017 5

Vortrag

Vom Naziterror fürs Leben gezeichnet

Das Konzentrationslager Flossenbürg wurde befreit. Die Gefangenen wurden ihr Trauma aber nicht mehr los. Thomas Muggenthaler ging auf Spurensuche.
von Flora Jädicke, MZ

  • Die Gedenkstätte Flossenbürg wurde am 23. Mai 1945 befreit. Fotos: Muggenthaler, Gedenkstätte Flossenbürg
  • Jack Terry hat das KZ Flossenbürg überlebt, versteckt in einem Tunnel.

Regensburg. „Die Zivilisation ist ein ganz dünner Firnis über der menschlichen Natur“, sagt Jack Terry. Wie dünn, hat der damals 15-Jährige im Konzentrationslager Flossenbürg erleben müssen. Seine Erlebnisse schilderte er in einem Interview, das der Journalist Thomas Muggenthaler mit dem Zeitzeugen führte. Zusammen mit den Geschichten von Jakob Silbermann und Leon Weintraub stellte er die Audioporträts im Rahmen der Veranstaltung „Jüdische Häftlinge im Konzentrationslager Flossenbürg“ vor.

Muggenthaler hat schon viele ehemalige Gefangene interviewt. Seine Porträts der jüdischen Häftlinge aus Flossenbürg aber zeigen auf besonders intensive Weise die menschliche Grausamkeit der Konzentrationslager und die Folgen, die diese für die Häftlinge bedeuteten. „Das Konzentrationslager Flossenbürg haben sie befreit“, sagt Terry. „Wir, die dort leben mussten, werden nie mehr frei sein.“

Der Tod in jeder Minute

Einen „Härtetest“ nennt Muggenthaler selbst die Schilderungen in der fast voll besetzten jüdischen Gemeinde. In den Porträts „Von Bayern nach Buenos Aires“ (die MZ berichtete) war es vor allem um das Leben nach dem Krieg gegangen. An diesem Abend aber geben die Audioporträts einen tiefen und erschreckenden Einblick in das Lagerleben von Flossenbürg. Sie zeigen das Gesicht des Todes, das in jeder Minute präsent war. „Zum Erschießen brauchten die SS-Leute keinen Grund“, erzählt Terry ruhig aber nicht ohne Emotion. „Sie taten es einfach.“

Manches, das er berichtet, liegt so weit jenseits der Vorstellungskraft, dass man es kaum glauben kann. „Jüdische Kinder, die an die Wand geworfen wurden, um an ihnen Schießübungen zu vollziehen. SS-Männer, die Kinder vor den Augen ihrer Mütter erschießen, um diese in ihrem Schmerz Minuten später ebenfalls zu ermorden.“ Muggenthaler und den Zeitzeugen gelingt dennoch das Erstaunliche: Man will hinhören. „Kurz nach dem Krieg haben viele nicht sprechen können“, sagt Terry. „Und viele, sehr viele haben es nicht hören wollen.“ Die Gedenkkultur hat sich verändert. Immer wieder kommen Menschen nach den Veranstaltungen auf Muggenthaler zu und stellen ihr Recherchematerial zur Verfügung. Bis in die letzten Winkel der Oberpfalz, zum Beispiel in Mötzing, sprechen sie miteinander über das, was in Flossenbürg geschah. Man will Flossenbürg und die gebrochenen Biografien nicht mehr unter den Teppich kehren.

Terry war der jüngste Häftling in Flossenbürg. Als am 16. April 1945 das Kommando „alle Juden raus“ kam und die Todesmärsche begannen, versteckten ältere Häftlinge den Jungen in einem Tunnel. Noch heute löst dieser Tunnel unaussprechliche Ängste bei dem Mann aus, der inzwischen ein angesehener Psychoanalytiker in den USA ist.

Ein Rest an Zivilisation

Noch heute trägt er die Fotos seiner beiden Retter in der Brieftasche. Carl Schrade und Milos Kucera: „Sie standen für einen Rest von Zivilisation in dieser brutalen Welt des KZs“, sagt Terry. „Für mich sind sie zwei Ikonen für das höchste Maß an Menschlichkeit. Sogar in so einer Zeit waren sie bereit, etwas zu geben und anderen Menschen zu helfen.“ Die Frage nach dem Grund, warum Menschen taten, was er gesehen hat, hat ihn nie mehr losgelassen.

Er wächst in Belzyce, einer kleinen Stadt bei Lublin als eines von vier Kindern auf. Als er mit 15 Jahren aus dem Tunnel des KZs Flossenbürg von den Amerikanern befreit wird, ist dies sein glücklichster Tag und sein traurigster zugleich. „Zum ersten Mal konnte ich darüber nachdenken, wer ich bin und was ich verloren hatte“, sagt Terry.

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