Von Marianne Sperb, MZ
Regensburg . Der Tag des offenen Denkmals ist für die Regensburger ein Festtag. Die Veranstaltung hat sich zur echten Volksbewegung entwickelt. Am Sonntag machten sich Tausende auf, um sich in beeindruckende Dachstühle, sonst verschlossene Keller oder liebevoll und originalgetreu sanierte Bohlenstuben führen zu lassen. Kirchen und Stadel waren Schwerpunkte im Programm, das in der Welterbestadt, wieder einmal, so üppig ausfiel wie in wenigen anderen deutschen Städten. „Ein wunderbares Angebot zum Nulltarif“, so Klaus Heilmeier, Chef der städtischen Abteilung Denkmalpflege.
Versierte Denkmal-Freunde: Viele hatten einen festen Terminplan
Die Besucher, die ab 10 bis 17 Uhr durch die Stadt strömten, ihren Flyer griffbereit, hatten sich häufig vorab schon einen genauen Plan für ihren Rundgang gemacht, um möglichst viele Eindrücke mitzunehmen. Einige Kulturfreunde hätten gern Nachschlag. Arno-Andreas Schmitt zum Beispiel wünschte sich zwei Termine dieser Art pro Jahr. „Und es wäre schön, wenn es schon um 9 Uhr losginge. Sonst wird die Zeit doch etwas knapp.“ Die Kunsthistoriker und übrigen Fachleute, die die Gäste führten, waren allerdings nach sieben Stunden Programm am Limit und hatten sich bis zum Abend halb heiser geredet. 30, 50, bis zu 80 Menschen kamen zu den Terminen und standen teilweise geduldig Schlange – etwa vor dem reichsstädtischen Weinkeller, in dem eine Batterie barocker Fässer von der Regensburger Wein-Historie zeugt. Die Behälter sind heute im Eigentum des Bayerischen Nationalmuseums, eine Dauerleihgabe an Regensburg.
Das Ziel: Menschen motivieren, sich für ihr Erbe einzusetzen
Der Denkmal-Tag widmete sich heuer dem Material Holz. Dachstühle, Treppenhäuser, Weidenkorb-Flechten (von der Mittelaltergruppe „Evocatio Ratisbonensis am Haidplatz vorgeführt), barocke Türstöcke, gotische Flügelaltäre oder die mietbaren Badehäuseln aus Holzlatten auf der Jahninsel, für die die Schwimmabteilung des Jahn lange Wartelisten führt: Das Thema Holz gibt in der „steinernen Stadt“ Regensburg viel her. Unter den Rennern 2012 waren die Türme, die bei Bilderbuchwetter prachtvolle Aussicht boten. Unterm Strich, so die Bilanz von Klaus Heilmeier, war der Sonntag ein großer Erfolg. Sein Büro hat damit das Ziel erreicht: Menschen für das Regensburger Erbe zu interessieren und sie zu motivieren, damit sie eintreten für Denkmäler, die in Gefahr sind: „Denn nur für das, was man kennt, dafür setzt man sich auch ein.“
Der barocke Stadel am Wöhrd:
ein mustergültiger Konfliktfall
Regensburg, die alte Handelsmetropole, war reich an Lagerhäusern. Noch heute zählt die Denkmalliste 37 Stadel auf. Der reichsstädtische Bauholzstadel an der Wöhrdstraße, im Sommer 1670 errichtet, ist einer der wenig bekannten – 47 Meter lang, 12 Meter hoch, vollständig aus Holz und bislang fast unberührt erhalten. Er ist ein Paradebeispiel für die Zimmermannskunst des 17. Jahrhunderts, so Anna-Lena Krämer vor Dutzenden Besuchern, die am Sonntag mit ihr auf Stadel-Tour gingen. Gleichzeitig ist der Bau auch ein mustergültiger Konfliktfall zwischen den Interessen von Wirtschaft, Wohnen und Denkmalschutz. Der Stadel am Wöhrd, ab 1810 im Besitz Bayerns, wurde 2010 vom Freistaat meistbietend verkauft und wird demnächst noble Wohnungen bieten, 200 bis 400 Quadratmeter groß, in schönster Regensburg-Lage, plus fünf neue Stadthäuser, Quadratmeterpreis in der Anlage im Schnitt: 4000 Euro. Dachgauben, Glasdach-Ziegel und Schiebeläden, die in die Fassade integriert sind und im geschlossenen Zustand die Original-Fassade zeigen, sollen für ausreichend Licht in der mächtigen Konstruktion sorgen. Trotz der Bemühungen, die Eingriffe zu kaschieren: Die Denkmalpfleger sind nicht glücklich mit der neuen Nutzung. Gerade deshalb kam der Stadel mit auf das Programm zum Denkmal-Tag, so Klaus Heilmeier: „Wir wollten nicht nur heile Welt zeigen, sondern auch schwierige Fälle.“
Rauchfrei beheizbar: die
gute Stube aus Holz von 1434
Ein Vorzeige-Beispiel für den Umgang mit Denkmal-Substanz findet sich in der Kramgasse 8. Das private Hausmuseum der Baumanns ist eines der Denkmäler, die am Sonntag ausnahmsweise öffentlich zugänglich waren. Zum Führungstermin drängten sich die Besucher in der Gasse. Dr. Wolfgang Baumann war großzügig, obwohl eigentlich nur zwölf Personen Zutritt haben sollten, und führte die Gäste zu einer spätgotischen Spindeltreppe und in die Bohlenstube, Herzstück des Jahrelang liebevoll sanierten Hauses. Die Stube von 1434 war beheizbar, rauchfrei dank Kachelofen-Hinterlader, und barg den typischen hölzernen Wandkasten für die Preziosen der Hausherrn. Rund 30 Fassungen Putz schichten sich an den Wänden; die Leitungen verlaufen deshalb in einem Kupferrohr im Boden – „sonst“, so Baumann, „hätten wir ja die Mauern aufschlitzen müssen.“
Die „Pflanzenvernichtende“ lässt die Buchen im Park verhungern
Ein Extra-Punkt waren am Sonntag die Parks – der Ort für Holz in seiner schönsten Form, als lebendige Naturkulisse. Doch die Schönheit ist bedroht. Der denkmalgeschützte Dörnbergpark, 1804 angelegt, 1864 von Carl von Effner als englischer Landschaftspark gestaltet, verändert sich gerade radikal. Ein Pilz bringt den 150 oder gar 170 Jahre alten Baumveteranen den Tod. Sämtliche Buchen im Park sind von der Phytophthora befallen, zu deutsch: „die Pflanzenvernichtende“, die im Park gerade ganze Arbeit leistet. Sie zerstört die Feinwurzeln und lässt den Baum verhungern. Langfristig, so Gerda Neuger vom Stadtgartenamt bei der Führung am Denkmal-Tag, werden die prachtvollen Buchen gefällt werden müssen. 1990 zeigten sich erste Anzeichen für das Baumsterben. Zunächst hatte man noch spekuliert, die Büschelpflanzungen, die die malerische Wirkung des Parks erzeugen, könnten die Ursache sein, später brachten Bodenproben auf die Spur der Phytophthora. Neuger zeigte den teils schockierten Besuchern todkranke Buchengruppen mit rauer, rissiger, pustelübersäter Rinde. „Der hier“, sagte Neuger und deutete auf einen dicken, vielleicht 150 Jahre alten Stamm, „steht hier keine fünf Jahre mehr.“ Wie der Park in 20 oder 40 Jahren aussehen wird, ist offen. „Wir sind uns da selbst noch nicht schlüssig“, bekannte Neuger. Ein Symposion im kommenden Jahr soll Klarheit bringen, wie die Anliegen von Denkmalpflege, Naturschutz, Naherholung und Sicherheit vereinbar sind.