Regensburg 17.08.2012, 18:13 Uhr

„Wilde Nackerte sind affig“

So schön kann der Sommer sein. Toni Koch (69) genießt ihn am liebsten so, wie Gott ihn geschaffen hat – sauber und im Schutz von Strohmatten.

Toni Koch vorm 16 Meter langen Naturisten-Schwimmbecken im Lehmhöfler-Holz. Der Sonnlandbund-Chef macht hier 90 Bahnen nackt. In seiner Dienstzeit war er keinen Tag krank. Foto: Wanner

Toni Koch vorm 16 Meter langen Naturisten-Schwimmbecken im Lehmhöfler-Holz. Der Sonnlandbund-Chef macht hier 90 Bahnen nackt. In seiner Dienstzeit war er keinen Tag krank. Foto: Wanner

Von Helmut Wanner, MZ

Regensburg. Gut, dass Koch den grünen Offroader hat. Zu Regensburgs nacktem Platz muss man erst die Baustelle der Ostumgehung von Regensburg passieren und fährt dann über einen geschotterten Feldweg. Zwischen hohen Maisfeldern schaukelt der Mercedes-Geländewagen zur Linie der hohen Föhren, die den Platz wie Polizisten bewachen.

Aber was ist das? Vom Rückspiegel baumelt ein weißer Rosenkranz. Die Christophorus-Medaille und ein Messingkreuz kleben an der Konsole. Regensburgs oberster Nudist ist verheiratet, Vater von drei Kindern und Mitglied des Pfarrgemeinderats Harting. Die Nackerten im Englischen Garten findet er „affig“. Koch mag kein Durcheinander. Nacktsein ist für ihn auf den geschützten Bereich beschränkt unter Gleichgesinnten.

Die Welt hat sich ausgeschämt

„Wir haben es nicht verbreitet, dass wir dabei sind“, sagt Koch über seine Anfangszeit beim Sonnlandbund, heute vor 35 Jahren. In der Familiensauna bei Burger sei er angesprochen worden. „Die Leute waren alle ausgesprochen nett.“ Es war nicht leicht für einen, der in Obertraubling noch lateinisch ministriert hat. Der Beichtspiegel unterschied zwischen „unschamhaft“ und „unkeusch“ und fragte auch nach dem „wie oft“. Anton Koch hat sogar seinen Pfarrer interviewt, ob es Sünde sei. Der gab Grünes Licht: „Solange dabei keine sexuellen Gelüste entstehen, kann das nicht falsch sein.“

Die Welt hat sich ausgeschämt. 2012 finden die Nackten keine Gegner mehr. Nicht einmal der Frauenbund muckt auf, wenn Sonntags in Haslbach an einem Ständer die FKK-Fahne weht. In Deutschland gibt’s sieben Millionen bekennende Nacktbader, aber nur noch 45 000 tun dies in den Vereinen der Freikörperkultur. Wo alle Welt vor laufenden Kameras nackert demonstriert, über Fußballplätze flitzt und sich in den Schritt greift, kann Anton Koch nur lachen über die empörten „WOCHE“-Schlagzeilen in den 80ern und die selbst ernannte Sittenpolizei, die vor 32 Jahren Sturm lief gegen „die Nackerten der Konradsiedlung“. Man wollte sogar einen Waldfriedhof aus dem Lehmhöfler-Holz machen, um das Projekt zu verhindern. Jetzt ist auch so Friede: Den langen Sichtschutz aus Strohmatten könnten sich die Sonnenanbeter heute eigentlich sparen. Kein Schwein kommt mehr gucken. „Früher sind die Jugendlichen nachts über den Zaun gehüpft, um zu sehen, was hier gespielt wird“, erinnert sich Koch. Einer dieser Jugendlichen ist heute Mitglied im Sonnlandbund.

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