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Aus dem Gerichtssaal
Donnerstag, 23. November 2017 10° 4

Justiz

Spielhallenüberfall: War Chef Komplize?

Angeklagter gestand Überfall auf einen Bad Abbacher Spielsalon und belastete den Betreiber. Der bestritt dies vehement.
Von Marion von Boeselager, MZ

Der Angeklagte (rechts) legte über seinen Verteidiger Norman Jacob ein weitgehendes Geständnis ab. Foto: Marion von Boeselager

Regensburg. Mit einer schwarzen Strumpfmaske vermummt und mit gezücktem Messer soll ein 35-jähriger Mann Anfang Februar letzten Jahres eine Spielhalle in der Bad Abbacher Kaiser-Karl-V.-Allee überfallen und den Mitinhaber bedroht und gefesselt haben. Nur acht Tage später raubte der Täter nach Angaben der Staatsanwaltschaft zudem einen Regensburger in seiner Wohnung im Stadtnorden aus und beging mit dessen Ausweis und EC-Karte mehrere Mobilfunk-Betrügereien im Regensburger Stadtgebiet. Seit Mittwoch steht der mutmaßliche Täter, ein drogensüchtiger Mann aus Würzburg, wegen besonders schweren Raubes, Freiheitsberaubung, Körperverletzung, Sachbeschädigung, Betrugs und Urkundenfälschung vor dem Regensburger Landgericht.

Sollte die Beute geteilt werden?

Über seinen Verteidiger Norman Jacob legte der Angeklagte ein weitgehendes Geständnis ab. Er überraschte jedoch mit der Erklärung, der Spielhallen-Betreiber habe mit ihm gemeinsame Sache gemacht. Der Angeklagte habe das angebliche Opfer nur zum Schein gefesselt. Die Beute, mehrere tausend Euro, hätte fifty-fifty geteilt werden sollen. Den Überfall auf den Regensburger nach reichlich gemeinsamem Alkohol- und auch Drogengenuss bedauerte der Angeklagte.

So soll der Überfall laut Anklageschrift am 2. Februar letzten Jahres abgelaufen sein: Gegen 10 Uhr betrat der Täter, mit Strumpfmaske, Tuch, Baseballkappe und Handschuhen maskiert, die Spielhalle. Er hielt dem Mitinhaber ein spitzes Küchenmesser mit 30 bis 35 Zentimetern Klingenlänge vor und forderte: „Schlüssel her!“

Der eingeschüchterte Geschädigte gab ihm die Schlüssel. Der Täter sperrte die Eingangstür ab und verlangte: „Kohle her!“, so die Vorwürfe. Der Mitinhaber bat ihn, ihm nichts zu tun. Er sei schon 60 Jahre alt. Da schlug der Räuber bedrohlich mit der Faust gegen die Wand, sagte dem Opfer, es solle „keine Spielchen machen“ und die Automaten aufsperren.

„Der Überfall auf die Spielhalle war vorher mit dem Betreiber abgesprochen.“

Verteidiger Norman Jacob

Das Opfer gehorchte. Der Räuber kassierte Münz- und Scheingeld aus sieben Geldspielautomaten und nahm drei Geldkassetten, die er nicht aufbrechen konnte, mit. Die Beute beziffert die Staatsanwaltschaft mit 2000 bis 3000 Euro, den Sachschaden mit 2000 Euro.

Danach fesselte der Täter den Salonbetreiber in einem Nebenraum auf dem Boden an Händen und Füßen. Da der Geschädigte sagte, sein Kollege werde bald kommen, verlangte der Räuber von ihm, diesen anzurufen und zu fragen, wann. Die beiden Spielhallenchefs telefonierten daraufhin. Der Überfallene sagte danach zum Räuber: „In einer Stunde“ – obwohl sein Kollege von einer „halben Stunde“ gesprochen hatte. Dann kappte der Täter die Kabel der Überwachungskamera, nahm den Aufnahme-Rekorder mit und flüchtete, so die Anklage.

Wegen besonders schweren Raubes, schweren Raubes, Freiheitsberaubung, Körperverletzung, Sachbeschädigung, Betrugs und Urkundenfälschung muss sich der Angeklagte vor dem Landgericht verantworten. Symbolfoto: Gruber

Am Abend des 10. Februar bedrohte der 35-Jährige laut Staatsanwaltschaft zudem einen Regensburger, den er zuvor im Donau-Einkaufszentrum kennengelernt hatte, mit einem Messer und forderte Geld. Als der Mann sich widersetzte, kassierte er einen Fußtritt in den Bauch. Doch er konnte auf den Balkon flüchten und um Hilfe rufen. Der Täter entkam mit der Geldbörse des Opfers mit 15 Euro Bargeld, dessen Ausweis und ec-Karte.

Mit den Dokumenten und unter dem Namen des Regensburgers schloss er dann am Folgetag mehrere Handyverträge in Regensburger Geschäften sowie einen Kaufvertrag über ein Apple-Mac-Book Pro ab. Niemand bemerkte offenbar den Betrug. Der Täter verließ die Läden mit den teuren Geräten im Gesamtwert von mehreren tausend Euro und verkaufte sie unter Wert in einem Laden in der Altstadt, so die Vorwürfe.

Angeklagter war untergetaucht

„Der Überfall auf die Spielhalle war vorher mit dem Betreiber abgesprochen“, erklärte der Verteidiger für seinen Mandanten überraschend nach der Verlesung der Anklageschrift. Der vorbestrafte Angeklagte hätte nach mehreren Jahren in einer Entziehungsanstalt in Lohr am Main noch eine Haftstrafe absitzen sollen. Doch er tauchte zuvor unter und landete in Bad Abbach, wo er bald regelmäßiger Gast in der Spielhalle wurde.

„Sie tranken erst gemeinsam Kaffee. Dann öffneten sie die Automaten.“

Verteidiger Norman Jacob

Dort, so die Einlassung, hätten er und der Mitbetreiber den Überfallsplan ausgeheckt. „Sie tranken erst gemeinsam Kaffee. Dann öffneten sie die Automaten.“ Der Komplize sei nur locker gefesselt worden, sodass er sich selbst befreien konnte. Mit der Beute aus beiden Taten und den Betrügereien habe der Angeklagte seinen Lebensunterhalt, Alkohol und Drogen finanziert, so die Einlassung.

Dies bestritt jedoch der geschädigte Mitinhaber im Zeugenstand vehement. Der Angeklagte sei häufiger Gast in der Spielhalle gewesen. Da er offensichtlich obdachlos war, habe er ihn dort mal übernachten lassen. „Das war ein Fehler“, so der Zeuge. „Da hat er alles ausgeguckt.“ Der Angeklagte habe schon vor dem Tattag Geld von ihm gefordert und ihn mit Drohungen unter Druck gesetzt. Mit dem Überfall habe er selbst aber nichts zu tun. Er habe auch nicht, wie vom Angeklagten behauptet, Geldprobleme gehabt. Der Kriminalbeamte, der den Zeugen vernommen hatte, erklärte, es habe „keine Anzeichen“ auf eine Komplizenschaft von diesem gegeben.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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So wurde der Räuber gefasst

  • Nach dem Überfall

    auf die Spielhalle in der Bad Abbacher Kaiser-Karl-V.-Allee verständigte der Mitbetreiber (59) die Polizei per Notruf.

  • Die Landshuter Kripo

    befragte bei ihren Ermittlungen auch die Mitarbeiter des Lokals.

  • Eine Spielhallen-Aufsicht

    brachte da bereits als „verdächtig“ einen häufigen Gast der Spielhalle ins Spiel, der sich mit dem Namen „Justus“ ausgab. Leider war aber die Überwachungskamera in der Bad Abbacher Spielhalle defekt und lieferte keine Aufnahmen des Verdächtigen.

  • Die Aufseherin wusste

    aber, dass sich „Justus“ auch mal mit ihr in einer Kelheimer Spielhalle aufhielt. So kam die Polizei an Aufnahmen des Angeklagten.

  • Ein Polizeikollege

    aus Regensburg, der den zweiten Raub behandelte, sah die Fotos und zeigte sie dem Regensburger Geschädigten. Der erkannte „Justus“ als den Mann wieder, der ihn beraubt hatte.

  • Der Täter

    war polizeibekannt. Seine DNA fand sich auch am Bad Abbacher Tatort, so ein Zeuge der Kripo Landshut.

  • Die Fahndung

    war erfolgreich. Der Angeklagte wurde in einem Hotel verhaftet.

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