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Katholikentag 2014 (Artikel)
Sonntag, 29. Mai 2016 28° 8

Podium

Glaube zwischen Recht und Gesetz

Die ehemalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger diskutiert im Kolpinghaus über das Verhältnis von Staat und Religion.
Von Dagmar Unrecht, MZ

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger im Kolpinghaus. Foto: Lex

Regensburg.Entspannt sitzt Sabine Leutheusser-Schnarrenberger auf der Bühne und schaut ins Publikum. Von dem Wirbel, der im vergangenen Herbst um ihre Teilnahme am Katholikentag in Regensburg entstanden ist, ist nichts zu spüren. „Mehr als Ideologie und Blasphemie?“ lautet der Titel der Podiumsdiskussion im Festsaal des Kolpinghauses. Ein Thema mit Zündstoff, diskutiert wird über den Stellenwert von Religion im öffentlichen Raum.

Die ehemalige Bundesjustizministerin nimmt als Vertreterin der Bürgerrechtsvereinigung Humanistische Union (HU) aus Tutzing an der Diskussion teil. Die Organisation tritt unter anderem für eine strikte Trennung von Religion und Staat ein. Entsprechend kritisch sieht die HU, die rund 1500 Mitglieder hat, kirchliche Privilegien und den Religionsunterricht in der Schule. Auch Sabine Leutheusser-Schnarrenberger hat die katholische Kirche schon oft mit deutlichen Worten ins Gebet genommen.

Wirbel im Vorfeld

Im Oktober vergangenen Jahres hatten Berichte für Aufsehen gesorgt, wonach dem Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer die Podiumsteilnahme der FDP-Politikerin angeblich ein Dorn im Auge sei. Offiziell bestätigt wurde das nicht. Stattdessen war die Rede von „internen Diskussionen“ und Feinabstimmungen, ein „normaler Vorgang“ sei das, hieß es. Allerdings war nicht nur die damals noch amtierende Justizministerin Gegenstand dieser Diskussionen, sondern auch die ebenfalls als kirchenkritisch geltende Journalistin Christiane Florin aus Bonn. Sie ist Redaktionsleiterin der Beilage „Christ&Welt“ in der Wochenzeitung ZEIT und war als Moderatorin der Veranstaltung umstritten. Im Oktober hatte sie in einem Zeitungsbericht ausführlich analysiert, wie sie sich ausgeladen fühlte, noch ehe sie überhaupt zum Katholikentag nach Regensburg eingeladen worden war.

Doch dieses Hin und Her ist am Donnerstag Geschichte, es fällt kein Wort zu den Turbulenzen im Vorfeld. Beide Frauen sitzen im Regensburger Kolpinghaus auf der Bühne, die eine als Podiumsteilnehmerin, die andere als Moderatorin. Weitere Diskussionsteilnehmer sind unter anderem Aiman A. Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland aus Köln, und Thomas Sternberg, der für die CDU im Düsseldorfer Landtag sitzt und zugleich kulturpolitischer Sprecher im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) ist. Gleich zu Beginn steckt die Juristin Leutheusser-Schnarrenberger den rechtlichen Rahmen ab und lobt die verfassungsmäßige Trennung von Staat und Kirche in Deutschland. „Glaube ist Privatsache“, sagt Leutheusser-Schnarrenberger mit Nachdruck. Ein Kruzifix als Sinnbild des Glaubens gehöre nicht in den öffentlichen Raum, „schon gar nicht in einen Gerichtssaal“.

Auch der Vertreter der Muslime, Mazyek, der erst verspätet auf dem Podium ankommt, lobt das Grundgesetz als „klug“. Er bedauere aber, dass der Islam oft „Projektionsfläche“ in öffentlichen Debatten sei, in denen Religion zunehmend als „Problem“ verstanden werde. Er wünsche sich, dass der muslimische Glaube nicht nur als „Reizthema“ wahrgenommen werde. Als Beispiele nennt er die Diskussion um das Kopftuchverbot oder auch die Beschneidungsdebatte. „Es gibt viele Vorurteile gegen Muslime, die Trennung von Islam und Islamismus ist oft unscharf“, so Mazyek. Generell beobachte er einen „bisweilen aggressiven Atheismus“ in Deutschland, fügt er noch hinzu. Letzterem stimmt auch CDU-Politiker Sternberg zu und appelliert an die Katholiken im Saal, „selbstbewusster aufzutreten“. Religiöse Gefühle müssten hierzulande anerkannt werden, so sein Credo. „Dazu gehört dann auch, dass zum Beispiel im Kindergarten nicht nur christliche Feste gefeiert werden, sondern muslimischen Kindern zum Zuckerfest gratuliert wird“, so Sternberg.

„Religionsausübung ermöglichen“

Dass Religion einen höheren Stellenwert in der Gesellschaft bekommt, dazu kann Politik nach Einschätzung von Leutheusser-Schnarrenberger nichts beitragen: „Die Kirche muss sich selbst fragen, was sie ändern muss, um im säkulären Staat mehr Einfluss zu gewinnen.“ Die Bindung an Institutionen lasse generell nach, davon seien auch religiöse Einrichtungen betroffen. Politik solle aber nicht „sinnstiftend“ sein, sondern „dem Einzelnen Entfaltungsmöglichkeiten gewähren, auch im religiösen Sinne“, so Leutheusser-Schnarrenberger. Der Staat habe die große Verantwortung, diese Religionsausübung zu ermöglichen.

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