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Katholikentag 2014 (Artikel)
Montag, 29. Mai 2017 30° 2

Kirche

Missbrauch: Der Wunsch nach Aufklärung

In Regensburg diskutierten Experten, darunter Forensiker Osterheider und Kriminologe Pfeiffer, über fatale Strukturen und „zerstörerische Lust“.
von Pascal Durain, MZ

Prominentes Podium (von links): Ebba Hagenberg-Miliu, Prof. Michael Osterheider, Barbara Tambour, Prof. Christian Pfeiffer und Janina Neutze diskutierten über sexualisierte Gewalt. Foto: pd

Regensburg.Es ist eine Geschichte, die erschüttert, bei der sich der Magen umdreht, bei der ihre Zuhörer in der Dreieinigkeitskirche fast ungläubig mit dem Kopf schütteln – aber es ist eine wahre Geschichte, die Dr. Ebba Hagenberg-Miliu vom Podium in Regensburg aus vorliest, und die klarmacht, warum über den Missbrauchsskandal weiter gesprochen werden muss.

Hagenberg-Miliu liest die Geschichte eines Mannes aus der Ich-Perspektive vor, der sich an seine Schulzeit am Bonner Aloisiuskolleg erinnert und wie er und seine zwei Brüder dort ihrer Kindheit beraubt wurden. Die Details der Vergewaltigung spart die Vorleserin aus, sie zitiert nur nur: „Abends Sperma, morgens der Leib Christi.“ Viele der knapp 80 Besucher zucken zusammen. Die Journalistin Hagenberg-Miliu könnte noch andere solcher Geschichten erzählen, die gebe es auch aus Regensburg, stattdessen aber mahnt sie an, dass jeder dieser Fälle restlos aufgeklärt werden müsse.

Zu dieser Veranstaltung, die nicht zum offiziellem Programm des 99. Katholikentags gehört, hat die Initiative „Wir sind Kirche“ in das evangelische Gotteshaus geladen. Das Thema: „Zerstörerische Lust – Was tun gegen sexualisierte Gewalt in Kirche und Gesellschaft?“. Für die Moderatorin, Dr.Barbara Tambour, ist das hier kein kontroverses Podium, sondern eine „Suchbewegung“, die darstellen soll, was noch aufgeklärt und welche Strukturen noch aufgebrochen werden müssen, damit Kinder nicht zu Opfern von sexuellen Missbrauch werden.

„Pädophilie sucht man sich nicht aus“

Dr. Janina Neutze, die das Forschungsprojekt Mikado, das sich mit den Hintergründen von sexuellem Missbrauch befasst, am Regensburger Bezirksklinikum leitet, beklagte teils massiven Gegenwind, der ihn von Institutionen, Schulen und Eltern entgegenweht. Das Geld für ihr Projekt sei schnell bereitgestellt gewesen, doch über Missbrauch und Sexualität reden, wolle kaum jemand. Ihr Appell: „Bitte lassen Sie uns darüber sprechen.“ Immer wieder mahnte sie dazu, Kinder ernst zu nehmen, wenn sie sich schon anvertrauen. Das passiere selten genug, das dürfe man nicht vorschnell bagatellisieren.

Professor Dr. Michael Osterheider, der am Bezirksklinikum die forensische Psychiatrie leitet und zum Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“ gehört, will Vorurteile abbauen: „Pädophilie ist eine Neigung, die man sich nicht ausgesucht hat. Aber diese Männer können Verantwortung übernehmen, damit Kinder nicht zu Opfern werden.“ Und dabei hilft er ihnen; auch Kirchenmänner hätten sich bereits an ihn gewandt.

Der Forensiker wurde vor Jahren heftig dafür kritisiert, als er die katholische Kirche als „Biotop“ und „Schutzraum“ für Pädophile umschrieb. Am Samstag erneuerte er dieses Statement. Strukturen, die intransparent seien, in denen man einen Korpsgeist pflege und die nicht-öffentlich seien, würden Übergriffe begleiten bis unterstützen. Dieser Katholikentag sei der richtige Ort, über diese Strukturen kritisch nachzudenken.

Pfeiffer bleibt „unkontrollierbar“

Professor Dr. Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen ging nicht weniger kritisch mit der Institution Kirche um. Der ehemalige Justizminister Niedersachsens geriet zuletzt in die Schlagzeilen, als er sich 2012 mit den deutschen Bischöfen überwarf. Darum wurde die Studie über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche mittendrin abgebrochen. Pfeiffer sprach damals von Versuchen, seine Arbeit zu zensieren – und er tat es auch am Samstag.

Heute, so glaubt Pfeiffer, sei die Kirche aber eine andere. Respektable Kollegen hätten jetzt den Forschungsauftrag für das wichtigste Gutachten zur Missbrauchskrise. „Ich bin mir sicher, dass sich das kein zweites Mal wiederholt.“ Doch bis heute wisse man nicht, wie viele Akten (Forschungsgrundlage für die Studie) in den Diözesen zerstört worden seien. Jetzt könnten es noch viele mehr sein – und die Ergebnisse am Ende umso verfälschter.

Nach 90 Minuten endet die „Suchbewegung“ des Podiums. Die Moderatorin fasst es so zusammen: „Ich wünsche, dass wir hinschauen im Interesse unserer Kinder. (...) Und das ahnden, was zu ahnden ist.“

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