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Sonntag, 17. Dezember 2017 5

Menschen

Graffiti-Malen ist furchtbar egoistisch

Künstler Sigurd Roscher spricht über die Gier nach Ruhm, eine Hausdurchsuchung, die alles veränderte, und Kritik seiner Frau.
Von Marion Koller, MZ

Sigurd Roscher mit seiner Tochter Lara. Wenn die Zweijährige im Malkittel kommt, will sie mitmachen. Im Hintergrund hängt „Der Schreihals“.Fotos: altrofoto.de

Regensburg.Sigurd Roscher bewohnt ein Häuschen an der Ortsdurchfahrt von Hainsacker. Der 36-Jährige steht an der Tür – in Sprayer-Klamotten wie einst: Jeans, Kapuzen-Sweatshirt und Sportschuhe. Graffiti-Wände im Flur weisen den Weg ins Atelier. Das ist Roschers Reich. Großformatige Bilder mit Fantasiegestalten, die ihn seit der Jugend verfolgen, bedecken die Wand. Auf einer Arbeitsfläche drängen sich Hunderte Farbtuben, am Boden die Spraydosen. Den Cappuccino serviert der Künstler auf einem Couchtisch, der mit Packpapier bedeckt ist. Roscher kann jede Figur, jede Kritzelei genau erklären. Er wirkt konservativ – und doch extrem.

Herr Roscher, Sie waren einer der ersten Regensburger Sprayer. Sie haben nicht nur die legalen Flächen an der Europabrücke besprüht, sondern auch Hausmauern. Was fasziniert Sie an Graffiti?

Man kann sehr schnell riesengroß malen. Es ist quietschbunt und plakativ. Man kritzelt nicht auf den Block, sondern bewegt sich mit dem ganzen Körper. Das Schöne ist auch, dass Sprühfarben im Nu trocknen. Man kann gleich eine Linie außen herumziehen, ein Glanzlicht setzen oder einen Farbverlauf drübernebeln. Das macht Graffiti-Malen fast lebendig.

Wandgestaltung von Sigurd Roscher für das neue Restaurant Storstad von Anton Schmaus. Die fertige Wand kann man sich im...

Posted by Hôtel des Artistes - Bürogemeinschaft für Grafikdesign on Freitag, 11. Juli 2014

Sprayer sprechen einen eigenen, englisch geprägten Jargon. Fame heißt die Bekanntheit, Tag ist die Signatur, Bombing das illegale Malen. Das war für Sie als Schüler sicherlich spannend.

Es war eine Art Geheimsprache. Man konnte in der Schule offen und laut über Graffiti sprechen, was wir cool fanden.

Der Begriff Fame, also Bekanntheit, ist äußerst wichtig.

Wir wollten tatsächlich berühmt werden und zeigen, was wir können. Gleichzeitig wussten wir, dass es illegal ist. Wir durften es niemandem sagen. Also erreichten wir Bekanntheit nur in der Graffiti-Szene. Das waren 20 Hanseln. Wir befanden uns also in der Zwickmühle.

Warum haben Sie aufgehört, auf der Straße zu arbeiten?

Einen zehn Jahre älteren Kumpel, der uns Gymnasiasten alles gezeigt hatte, haben sie erwischt. Er hat meinen Klassenkameraden und mich verpfiffen.

Was ist passiert?

Es gab eine sechsstündige Hausdurchsuchung und wir mussten weitere fünf Stunden auf die Wache am Hauptbahnhof. Ich musste – da war ich schon 18 – zu zwei Verhandlungen. Ich habe es zugegeben und leistete 120 Sozialstunden. Einige Hausverwaltungen forderten Schadensersatz. Ich habe die Graffiti überpinselt.

Künstler Roscher über eine Wende

Das war die Wende – oder?

Ja, die Hausdurchsuchung war ein großer psychischer Stress. Also habe ich beschlossen, die Graffiti-Regeln über Bord zu werfen und freier zu sein.

Heute leben Sie von Firmenwerbung und malen zu Hause. Wie sehen Sie Graffiti im Rückblick?

Es ist furchtbar egoistisch. Der Schaden war uns egal, Hauptsache wir konnten unseren Namen rausballern. Der Tag, die gekritzelte Signatur, ist das Schnellste und Hässlichste, was man raushauen kann. Wir wollten ja Fame haben, das geht nur mit Masse.

Gibt es in der Stadt genug legale Flächen für Sprayer?

Die haben alles, was sie brauchen. Es gibt immer noch die Hall of Fame an der Oberpfalzbrücke und die 24-Stunden-Galerie am Dultplatz hinter dem Glöckl-Zelt. Auch beim Skatepark Lappersdorf und in Burgweinting können sie sprayen.

Wo haben Sie Ihre Frau, eine Deutsche mit vietnamesischen Wurzeln, kennengelernt?

Beim Siemens-Praktikum in Shanghai. Das ist jetzt auch schon wieder zehn Jahre her.

Trang ist Projektmanagerin. Kann Sie mit Ihrer Kunst etwas anfangen?

Ihr gefällt das nicht, weil es alles sehr dreckig ist. Sie steht nicht auf Dreck (lacht). Ich arbeite nur hier unten in der Einliegerwohnung. Oben in unserer Wohnung ist alles weiß. Für meine geschäftlichen Geschichten habe ich mir ziemlich viel vom Projektmanagement meiner Frau abgeguckt. In der Malerei will ich völlig frei sein. Die will ich zeigen, aber nicht zwingend verkaufen.

Warum sind Sie in Regensburg geblieben?

In Regensburg fehlt nichts. Man kann alles machen. Ich war in Köln, Shanghai und Peking. Da läuft zu viel gleichzeitig ab. In einer kleineren Stadt kann man schnell wichtige Leute kennenlernen und selbst was reißen – eine Ausstellung, eine Party, eine Zusammenarbeit. Ein Beispiel ist der Stadtteilgarten in der Obermünsterstraße – ich glaube nicht, dass die das in München hinbasteln dürften. Ein anderes Beispiel: Eva Karl und ich gehörten früher dem Kunstverein Graz an. Wir durften Anfang Mai die Ausstellung „Dreckiges Geschäft“ zeigen, ohne zu sagen, was es sein würde. Ich kenne unheimlich viele Leute, weil ich hier aufgewachsen bin. Ich finde es schön und unkompliziert.

Haben Sie eine Lieblingskneipe?

Was ich sehr gerne mag, ist das „Mood“ am Wiedfang. Das „klein Kasper“ finde ich gut. Die spielen coole Musik. In Discos fühle ich mich nicht mehr willkommen. Aus der Suite 15 bin ich herausgewachsen.

Was hören Sie?

Alles, was eine schwarze Seele hat. Rap, Funk, Soul. Es muss diesen Wumms haben, den nur schwarze Musik besitzt. Mein Lieblingsrapper aller Zeiten ist Kool Keith, ein verrückter Vogel mit guten Geschichten.

Heute stellen Sie Street Art her, benützen viele Techniken, von der Sprühdose über Pinsel und Kreide bis zum Farbroller. Erklären Sie mir die Bilder an der Wand!

Das ist alles sehr bauchlastig. Der lila Schreihals verfolgt mich seit zwei Jahren, ihn ziehe ich in einem Strich durch. Der Tierkopf daneben stellt einen Hund oder eine Kuh dar. Er taucht seit meiner Jugend auf. Neben den grauen Schädel dort habe ich gekritzelt: „Oh, Mann, ich will nicht alt werden!“ Dabei bin ich es schon. Der Kopf mit Altersflecken, das könnte ich mal sein. Wenn ich beim Arbeiten die Nachbarn streiten oder jemanden telefonieren höre, fließt das als Kritzelei mit ein. Beim Malen bin ich total in den Bildern drin. Wenn ich das Malmittel wechsle, schlüpfe ich in eine andere Rolle.

Haben Sie ein Vorbild?

Ich habe kein Vorbild, sondern ganz viel Hunger, Neues zu sehen. Das Internet füttert mich mit neuen Richtungen. Ich nutze Instagram, um Künstler zu sehen. Interessant ist der Account der Fotografin Martha Cooper, die Graffiti und Street Art seit den 70er-Jahren dokumentiert.

Planen Sie eine Ausstellung?

Nein, aber demnächst eine Underground-Show mit geladenen Gästen. Regensburger Bekannte ziehen um. Bevor der Maler kommt, verwandeln wir die Wohnung in eine Galerie.

Ihr Motto?

Ich muss an allem, was ich mache, Spaß haben.

Hotel der Künstler

  • Sigurd Roscher

    (36) ist in Hainsacker aufgewachsen und lebt heute wieder in seinem Elternhaus, das er vor drei Jahren geerbt hat.

  • Der Künstler

    hat das „Goethe“ besucht und ist später an das Albrecht-Altdorfer-Gymnasium gewechselt, als nur dort der Leistungskurs Kunst zustande kam.

  • In München und Würzburg

    studierte er Kommunikationsdesign.

  • Der 36-Jährige

    ist mit der in München aufgewachsenen Trang verheiratet, einer Projektmanagerin mit vietnamesischen Wurzeln. Tochter Lara ist zwei.

  • Sein Geld

    verdient Roscher mit Grafikdesign. Er macht alles, von der Website bis zum Messestand. Seine Regensburger Bürogemeinschaft in der Obermünsterstraße heißt Hôtel des Artistes.

  • Im Restaurant Storstad

    hat er eine Graffiti-Wand gestaltet. (ko)

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