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RKK
Freitag, 15. Dezember 2017 3

Perspektive

Mobilität braucht Vorfahrt in Regensburg

Es ist falsch, die Verbesserung des ÖPNV und das RKK miteinander zu verquicken. Sonst laufen sie Gefahr, sich zu blockieren.
Von Heike Haala, MZ

  • Das Bahnhofsareal mit dem Wirsing-Turm und der Galgenbergbrücke aus der Vogelperspektive: Wie kann es nach der umstrittenen Bürgerbefragung mit der Umgestaltung weitergehen? Foto: Lex
  • Der ÖPNV muss schneller werden. Foto: Lex
  • Stadt und Verwaltung brauchen die Hilfe der Regensburger, um weitere Entscheidungen treffen zu können. Foto: Lex

Regensburg.Lucy greift nach einer der Handschlingen in der Tram. Die Studentin hat wieder einmal keinen Sitzplatz bekommen. Seit kurzem gondeln die Waggons durch Regensburg und sie sind der Renner bei den Bürgern. Die Regensburger sind vom ersten Tag an auf die Tram umgestiegen. Keiner will sich nachsagen lassen, die „Regens-Bim“ nicht zumindest einmal ausprobiert zu haben. Und so gleitet Lucy eben auch an diesem Novembertag im Jahr 2037 im Stehen an den Häusern in der D.-Martin-Luther-Straße vorbei.

Die Uhr an ihrem Handgelenk vibriert. Es ist eine Retro-Smart-Watch, ein Modell, das einem der ersten Geräte dieser Art zum Verwechseln ähnlich sieht. Mit dem Vibrieren zeigt ihr die Uhr an, dass der Kauf ihres Straßenbahn-Tickets abgeschlossen ist. Dann vibriert das Gerät noch einmal. Jetzt weiß Lucy, dass ihr Eintritt zum Konzert von Amy Macdonald freigeschaltet ist. Gerade noch hat sie eines der begehrten 1800 E-Tickets erstanden.

Der Busbahnhof in der Albertstraße hat ausgedient Foto: Lex

Am 18. November 2037 macht Macdonald im großen Konzertsaal des Regensburger Kultur- und Kongresszentrums (RKK) Station und gibt eines der handverlesenen Konzerte im Jahr ihres 50. Geburtstags, just fünf Jahre nach der Eröffnung des Gebäudes. Lucy ist mit der Musik der Sängerin aufgewachsen. Im Sommer 2017 haben sich ihre Eltern während eines Macdonald-Konzerts bei den Schlossfestspielen kennengelernt. Eine Ansage reißt Lucy aus ihrer Vorfreude: „Regensburger Kultur- und Kongresszentrum“, tönt es aus dem Lautsprecher der Tram. Lucy steigt aus und schiebt sich durch einen Pulk von Aktivisten vor dem Eingang des RKK hindurch. Zum Jubiläum der Eröffnung des Kongresszentrums haben diese ihr Lieblingsthema wieder ausgegraben. Sie sind in den vergangenen Jahren zwar älter geworden, aber keinesfalls leiser. Diesmal fordern sie die Umbenennung des RKK in „Elly-Maldaque-Stadthalle“. Lucy öffnet die Tür des „RKK-Cafés“ und begrüßt ihre Freundinnen.

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Keine falschen Verquickungen

Die Maximilianstraße könnte für den Verkehr gesperrt werden Foto: Lex

So herrlich oder schrecklich die Regensburger diese Vision von Lucys Trambahnfahrt heute in 20 Jahren auch empfinden mögen – die Ideen zum Bahnhofsareal der Planungsteams und der Gutachten zum RKK und zur ÖPNV-Trasse lassen sie zu. Der Weg dorthin oder zu einer anderen Neugestaltung des Geländes ist allerdings noch ein weiter und harter. Bei einem der ersten Schritte sollen die Regensburger gerade mithelfen. Noch bis zum morgigen Sonntag können sie an der Bürgerbefragung der Stadt teilnehmen und ihr mitteilen, wie wichtig ihnen die Aspekte zentraler Omnibus-Bahnhof (ZOB), RKK, ÖPNV-Trasse und die Gestaltung des Bahnhofsumfelds sind. Es ist die erste Befragung dieser Art in Regensburg und sie hat der Stadt schon viel Kritik eingebracht. Die Fragen seien suggestiv gestellt, denn der Fragebogen diene alleine der Legitimation der Pläne, die die Stadt ohnehin umsetzen will, speziell der eines RKK. Sollte an der Kritik etwas dran sein, ist dieses Ansinnen auf jeden Fall ordentlich schiefgegangen. Alle alten Konflikte um das RKK sind wieder aufgebrochen, während die Weiterentwicklung zum ÖPNV – ob Stadtbahn oder ZOB – nicht in der Kritik stehen, sondern als dringend angesehen werden. Was auch immer also das Ergebnis dieser Befragung sein wird: Fest steht schon jetzt, dass es falsch ist, diese Projekte derart eng miteinander zu verknüpfen, wie es mit dem Fragebogen geschehen ist.

Zukunftsmusik und Gegenwart

Die Umgebung könnte von den Veränderungen profitieren. Foto: Lex

Keine Frage: Die Themen RKK und Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes sind miteinander verquickt. Archäologische Überraschungen im Untergrund wie Bauten von Römern oder bisher unentdeckte Bombenteppiche der Alliierten gegen das Naziregime werden nicht an heutigen Grundstücksgrenzen und Planungsumgriffen halt machen. Allerdings muss sich diesem Problem jeder stellen, der in Regensburg bauen will. Zudem werden die Projekte, die verwirklicht werden sollen, das Erscheinungsbild des Eingangtors zur Altstadt über Jahrzehnte hinweg prägen – und das gemeinsam. Planung ist hier weiterhin gefragt, weil der Platz, der umgestaltet werden soll, begrenzt ist. Doch hat die Stadt mit den Ideenskizzen der beiden Planungsbüros auch schon einen zweifachen Beweis dafür auf dem Tisch, dass sowohl ein RKK als auch ein ZOB und eine ÖPNV-Trasse auf diesem Flecken Erde umgesetzt werden können, ohne dabei den Alleengürtel zu zerstören. Denn die Entwürfe wurden auf ihre Machbarkeit hin überprüft, sagen die Sprecherinnen der beiden Planungsteams.

Während aber das RKK Zukunftsmusik ist, sind die Probleme des ÖPNV allgegenwärtig. Das Bahnhofsareal erstickt im Verkehr: In der Albertstraße und vor dem Bahnhof kommen Busse an und fahren ab. Weiterhin sind hier Auto- und Fahrradfahrer sowie Fußgänger unterwegs. Sie alle wollen das Gelände so schnell wie möglich hinter sich lassen. Ein schnelles Umsteigen von einem aufs andere Gefährt ist hier nicht möglich. Genau das aber wäre unter anderem dringend nötig, um den ÖPNV in Regensburg attraktiv und schnell zu machen. Und er muss so attraktiv werden, dass sich viele Menschen, die in der Innenstadt zu tun haben, für die Öffentlichen entscheiden – darin sind sich die Verkehrsplaner einige. .

Das RKK ist wieder ein Zankapfel. Foto: Lex

Einen ZOB oder gar eine Straßenbahn zu bauen, kostet aber Zeit. Gutachter Helmut Koch von Komobile rechnet mit etwa zehn Jahren Verwirklichungszeit für ein höherwertiges ÖPNV-System. Der Umbau des ZOB könnte laut Stadtplanungsreferentin Christine Schimpfermann bereits im Jahr 2020 beginnen – und das, obwohl der Koalitionsvertrag seine Inbetriebnahme bis zum Jahr 2020 vorsieht. Hier wird schlichtweg nicht die Zeit bleiben, um ein eventuell notwendiges weiteres Gutachten zur Beschaffenheit eines RKK und Planungsschritte dafür abzuwarten. Immerhin muss die Stadt für die ÖPNV-Planungen auch mit der Bahn verhandeln. Knackpunkt hier werden vor allem neue Kreuzungspunkte mit den Bahngleisen sein. Bauarbeiten, die Gleise über Monate hinweg unbenutzbar machen könnten.

Weiterhin betreffen die Planungen zum ÖPNV nicht nur das Regensburger Bahnhofsareal – sie werden hier nur am ehesten sichtbar. Tatsächlich aber leiden auch das Regensburger Umland und die gesamte Region mit, wenn der ÖPNV am Knotenpunkt in der Stadt nur schleppend vorankommt. Pendler nutzen die Busse in den Landkreis und die Züge in die Region, um an ihr Ziel zu gelangen. Deswegen stellt sich die Frage: Wie will die Stadt mit den Bürgermeistern der Landkreisgemeinden, der Landrätin, regionalen Gremien oder der Bahn zielstrebig verhandeln, wenn sie sich bei diesen Planungen von einem weiteren Projekt abhängig macht?

So sieht die Regensburger Planungs- und Baureferentin Christine Schimpfermann die Planungen.

Interview mit Christine Schimpfermann

Gerade weil die Verbesserung des ÖPNV ein dringendes Thema ist, wird es hier einfacher sein, tragfähige Entscheidungen zu treffen, als beim inzwischen wieder heftig diskutierten RKK am Ernst-Reuter-Platz. Das wird im Regensburger Stadtrat sichtbar: Anträge zur Verbesserung des ÖPNV kommen inzwischen auch regelmäßig aus den Reihen der CSU. Sichtbar wird das zudem an einer Pressemitteilung, die das Landratsamt in dieser Woche veröffentlicht hat. Die Abwicklung des Busverkehrs im Bereich des Bahnhofsvorplatzes müsse dringend verbessert werden – und zwar unabhängig von der Errichtung eines RKK, fordert Landrätin Tanja Schweiger.

Sehen Sie hier unser Video über die Themenwoche

Die Planungen zum Regensburger Kultur- und Kongres

Es braucht tragfähige Entscheidungen

Alle Beteiligten und Betroffenen sind auf diese Einigkeit angewiesen, wenn dem ÖPNV schnell Gas gegeben werden soll. Sie darf nicht durch die Konflikte um das RKK aufs Spiel gesetzt werden. Denn die Umsetzung wird bis zu 15 Jahre Zeit beanspruchen und damit auch weit über diese und auch die nächste Legislaturperiode im Regensburger Stadtrat hinausgehen. Nichts wäre schlimmer für dieses Projekt, als wenn die Bedingungen für die Umsetzung mit jedem Koalitionsvertrag wieder neu ausgehandelt oder priorisiert werden müssten. Denn dabei könnte es jedes Mal auf unabsehbare Zeit zurückgeworfen werden.

Am Ernst-Reuter-Platz soll das RKK entstehen:

Ernst Reuter Platz oben Regensburg - Spherical Image - RICOH THETA

Beim RKK allerdings ist die Sachlage momentan eine andere: Diese Konflikte müssen nun erst einmal befriedet werden und das kann dauern. Im Zweifelsfall wird die Weiterentwicklung des ÖPNV diesen Prozess aber nicht abwarten können. Zwar ist die neue Kongresshalle an diesem Standort Teil des aktuellen Koalitionsvertrags. Ein Großteil der Regensburger befürwortet das Kongresszentrum. Das geht aus dem aktuellen und repräsentativen Regensburg Trend der Mittelbayerischen aus dem Mai 2017 hervor. 61 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass die Domstadt eine Stadthalle braucht, ein Drittel (33 Prozent) verneint es. Die Befürworter finden sich gleichmäßig verteilt in allen Altersgruppen, von den 18- bis 34-Jährigen bis zu den Senioren ab 65. Auch Gutachterin Dr. Gisela Hank-Haase sieht den Markt für ein RKK am Ernst-Reuter-Platz. Nicht zuletzt sagen Konzertveranstalter oder Tagungsorganisatoren, dass sie auf die Räume, die ein RKK bieten könnte, angewiesen sind.

Dennoch ist die Kritik an den Planungen seit der Veröffentlichung des Fragebogens zur Neugestaltung des Bahnhofsareals nicht zu überhören. So will Altstadtfreund Prof. Achim Hubel abwarten, wie sich die Situation entwickelt, wenn das Marina-Forum als weitere Veranstaltungsstätte erst einmal eröffnet hat. Regensburger, die an den Ideenwerkstätten des Beteiligungsprozesses teilnahmen, kommt es auch darauf an, dass sie das Kongresszentrum etwa durch ein Café oder eine Bibliothek nutzen können. Raimund Schoberer, Kreisvorsitzender des Bund Naturschutz, zeigt sich sogar bereit, ein weiteres Bürgerbegehren gegen ein RKK zu initiieren. Auch Stadtrat Richard Spieß (Linke) warnte während der Debatte um den Fragebogen vor so einer Initiative.

Es ist klar: Bevor die nächsten Entscheidungen bei diesem Thema fallen können, müssen Parteien, Verbände und Bürger an einem Strang ziehen. Denn die Umsetzung dieser Pläne wird die Dauer mehrerer Legislaturperioden überschreiten. Hier bedarf es kontinuierlicher Planungen, auch wenn sich die Stadtregierung während dieser Zeit mehrfach verändern sollte.

So entstand die Augsburger Mobilitätsdrehscheibe

In Augsburg entsteht eine Mobilitätsdrehscheibe

Auf dem Weg dorthin müssen sich die Regensburger auf weitere Beteiligungsverfahren einstellen – das kündigt Planungsreferentin Schimpfermann bereits an. Große Infrastrukturprojekte ohne die Beteiligung von Bürgern umzusetzen, ist nicht mehr zeitgemäß und dauert. Das zeigt der Blick nach Augsburg: Bei der Umsetzung der Mobilitätsdrehscheibe hat es zwischenzeitlich drei Bürgerbegehren gegen die Arbeiten gegeben. Jürgen Fergg, Sprecher der Augsburger Stadtwerke, sagt inzwischen: „Man hätte die Bürger früher mitnehmen und die unterschiedlichen Interessen zusammenführen müssen.“ Wie Augsburg bei der Mobilitätsdrehscheibe werden auch die Politik und die Verwaltung in Regensburg bei den weiteren Planungen für das Bahnhofsareal auf die Mithilfe der Regensburger angewiesen sein. Es wäre also fatal für die weitere Entwicklung des neuen Altstadteingangs, die Bürger weiter mit der Verquickung der Themen ÖPNV und RKK zu frustrieren und auf diese Weise das so dringend notwendige Instrument der Bürgerbeteiligung für die Zukunft zu verbrennen.

Sehen Sie hier einen Videokommentar zum Thema:

Videokommentar von Heike Haala zum RKK

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